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In Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe hinterließen Randalierer zerstörte Läden und Fahrzeuge.
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In Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe hinterließen Randalierer zerstörte Läden und Fahrzeuge.

Guadeloupe

Corona-Krise ist nur der Auslöser

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Proteste auf den französischen Karibikinseln richten sich nicht nur gegen Pandemieregeln. Sie sind auch Ausdruck einer sozialen Krise.

Guadeloupe, das bedeutet für Reisende Palmen, Karibikmusik, kreolisches Essen und Weihnachtsurlaub am Sandstrand. Doch jetzt häufen sich die Annullierungen von Festtagsreisen in Frankreich. Was die Französinnen und Franzosen im kalten Europa via Bildschirm aus Guadeloupe zu sehen bekommen, gleicht eher den unschönen Szenen aus den Pariser Banlieuezonen: Vermummte Jugendliche mit entblößtem Oberkörper werfen Steine auf die überforderte Polizei; sie marodieren, plündern, brandschatzen und errichten Barrikaden aus Mülltonnen, Sperrgut und Bäumen. Am Sonntag brachen sie in ein Waffenlager in Pointe-à-Pitre in der nördlichen Inselhälfte ein, wobei sie offenbar auch Gewehre erbeuteten.

Die Regierung in Paris entsandte 50 Einsatzpolizisten der Eliteverbände GIGN und Raid nach Guadeloupe, wo rund 400 000 Menschen leben. Der Spezialeinheit gelang es, die Lage in der Nacht auf Dienstag etwas zu beruhigen. Doch sobald sie eine Barrikade aufgelöst haben, entsteht anderswo eine neue.

Die Krankenstationen zählen die Verletzten, darunter eine ältere Frau, die auf ihrem Balkon von einem Schuss getroffen wurde. Am Montagabend sind erst einmal 20 Personen im Schnellverfahren vor Gericht zu Haftstrafen von bis zu sechs Monaten verurteilt worden.

Auslöser der Krawalle ist die Corona-Krise, genauer gesagt die faktische Impfpflicht für Pflegeangestellte: Wenn sie sich nicht impfen lassen, werden sie vom Dienst suspendiert und verlieren einen Teil ihres Gehalts.

Die Gewerkschaften des öffentlichen Diensts haben deswegen einen inselweiten Generalstreik ausgerufen. Am Montag traten auch die Angestellten des öffentlichen Diensts auf der Schwesterinsel Martinique (380 000 Einwohner) im Süden des Karibikbogens ihrerseits in den Ausstand.

Die Lage sei „sehr explosiv“, wie Emmanuel Macron am Montag in Paris erklärte. Der Präsident rief die Mitbürger:innen der Antillen auf, den „Lügen und Manipulationen“ der Impfgegner:innen zu trotzen. Er versprach zudem, „die Ordnung“ wiederherzustellen.

Doch dafür ist es möglicherweise schon zu spät. Die Proteste weiten sich zu einer Sozialkrise aus. Die Randalierenden stammen vor allem aus den Vorstadtsiedlungen, die es in den größeren Orten der exotischen Insel gibt.

Rundherum seien bereits 80 Läden ausgeraubt worden, schätzt der Vorsteher der regionalen Industrie- und Handelskammer, Patrick Vial-Collet. Er sprach von einer „ziemlich aufrührerischen Lage“ und präzisierte: „Das ist keine Sozial- oder Streikbewegung mehr, das ist eigentlich eine Guerilla.“

Die Sklavennachfahren auf Guadeloupe stellen sich öfters gegen die ebenso ferne wie verhasste Staatsmacht in Paris. Dass der Protest gegen die Impfpflicht einiger weniger so schnell um sich greift, spricht auch Bände über die soziale Misere in den französischen Überseegebieten. Diese letzten Relikte des französischen Weltreiches leben, wenn man vom Tourismus und einigen Bananenplantagen absieht, weitgehend vom Manna aus Paris.

Guadeloupe, Martinique und Guyane, aber auch Polynesien und Neukaledonien im Pazifik oder La Réunion im Indischen Ozean erhalten von Frankreich jährlich zehn Milliarden Euro in Form von Subventionen, Sozialhilfe, Steuervorteilen, Inselprämien oder Gratisflügen nach Paris.

Diesen Preis zahlt Frankreich für seine „confettis“, wie diese Überseedepartements wegen ihrer Klein- und Verstreutheit auch genannt werden. Wie es scheint, bleiben ihre jungen Einwohner trotz allem ohne Aussicht auf Ausbildung, Jobs oder gar sozialen Aufstieg. Insofern gleicht ihr Schicksal dem der Vorstadtkids von Paris, Lyon oder Marseille.

Ihnen gleich proben auch die Abgehängten auf den Karibikinseln immer wieder den Aufstand, wie sie es im Schulunterricht über die französischen Revolutionären von 1789 gehört haben. 2017 hatte es auf der nahen Insel Saint-Martin letztmals nach dem Tropensturm Irma Aufruhr gegeben. Jetzt liefert die Corona-Krise den Vorwand.

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