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In der Sammelunterkunft in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) haben sich schon rund 120 Menschen infiziert. 

Geflüchtete

Corona in Flüchtlingsunterkünften: „Durchseuchung“ in Kauf genommen?

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Fast täglich werden Flüchtlingsunterkünfte unter Quarantäne gestellt. Die Sicherheitskonzepte der Länder sind kaum realistisch.

  • Auch in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland gibt es Corona-Fälle.
  • Wegen der Corona-Infektionen und Quarantäne-Maßnahmen ist die Lage vielerorts angespannt.
  • Die Bundesländer haben Konzepte zum Schutz von Geflüchteten erarbeitet.

Deutschland - Quarantäne in Flüchtlingsunterkunft in Heerdt“, „Hettstedt: 77 Personen in Quarantäne“, „Flüchtlingsunterkünfte in Heidenheim wegen Corona-Fällen abgeriegelt“. Drei Nachrichten aus den vergangenen Tagen, die zeigen: Während immer mehr Deutsche über die anhaltenden Einschränkungen ihres Alltags murren und die Politik über Lockerungen diskutiert, ist die Lage in den Flüchtlingsunterkünften des Landes weiterangespannt.

Die Zahlen der Geflüchteten, die sich mit dem Virus infiziert haben, variieren stark von Bundesland zu Bundesland: Während sie etwa in Hessen und Rheinland-Pfalz im einstelligen Bereich liegen, haben sich bis Ende April in Baden-Württemberg gut 380, in Bayern knapp 500 und in Nordrhein-Westfalen über 100 Menschen in Flüchtlingsunterkünften infiziert, von denen ein Teil mittlerweile wieder genesen ist.

Coronavirus in Flüchtlingsunterkünften: Bundesländer haben Schutzkonzepte

Eine Umfrage der FR bei den zuständigen Ministerien der Bundesländer ergab, dass mittlerweile alle Bundesländer ein Konzept erarbeitet haben, das eine Ausbreitung verhindern soll. Die meisten Länder geben an, die Verteilung der Menschen in den Unterkünften zu entzerren, Hochrisikogruppen würden dabei prioritär behandelt. Bayern und Mecklenburg-Vorpommern testen Neuzugänge und Mitarbeiter präventiv.

Mit Piktogrammen oder telefonisch würden Geflüchtete über aktuelle Entwicklungen und Regeln aufgeklärt. Berlin und Mecklenburg Vorpommern haben Erklärvideos und eine Info-App. Seife und Desinfektionsmittel würde überall zur Verfügung gestellt. Etwa die Hälfte der Bundesländer stellt medizinische oder selbst genähte Masken zur Verfügung. In manchen Unterkünften gilt auf Fluren eine Maskenpflicht. Alle Bundesländer geben an, das Personal durch Schutzkleidung und angepasste Arbeitsschichten zu schützen. Oft wurden „Spuckschutzwände“ aufgestellt.

Geflüchtete und Corona: Isolation und Quarantäne

Für den Fall eines Ausbruchs haben einige Bundesländer wie Hamburg und Berlin einen Isolationsstandort für Infizierte eingerichtet, andere halten einen Quarantänetrakt innerhalb von Unterkünften frei.

Doch in der Realität kritisieren Bewohner und Flüchtlingsräte, dass viele der Hygiene- und Abstandregeln schlicht nicht umzusetzen seien. Mehrere Fälle haben zudem gezeigt, dass sich die Ausbreitung des Virus in Sammelunterkünften oft schon infolge eines einzigen Infiziertenfalls kaum verhindern lässt. Nachdem sich etwa im baden-württembergischen Ellwangen in einer Erstaufnahmeeinrichtung mit 600 Plätzen im März ein Bewohner infiziert hatte, steckten sich schnell rund 250 Menschen an – Asylsuchende und Beschäftigte. Auch in einer Unterkunft mit knapp 400 Bewohnern in Bremen-Vegesack stieg die Anzahl der Infizierten im April in kurzer Zeit auf rund 150.

Corona in Flüchtlingsunterkünften: Gesamte Unterkunft unter Quarantäne

„Wo viele Menschen so nah beieinander leben, kann sich das Virus eben schnell ausbreiten“, sagt Wiebke Judith, rechtspolitische Referentin von ProAsyl. Im Zweifel würde dann die gesamte Unterkunft unter Quarantäne gestellt – Tausende Geflüchtete leben derzeit bundesweit in abgeriegelten Unterkünften. Oft werden zusätzliche Zäune um die Gebäude hochgezogen.

Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.) übt Kritik an dieser Praxis: „Eine kollektive Quarantäne unter polizeilicher Bewachung ganzer Unterkünfte kann für Menschen mit Traumafolgestörungen dazu führen, dass sie durch die verstärkten Reglementierungen und Freiheitseinschränkungen getriggert werden und sich ihr psychischer Zustand deutlich verschlechtert.“ Und der Bayerische Flüchtlingsrat beklagte, seitens der Behörden werde eine „Durchseuchung“ wohl billigend in Kauf genommen“.

Corona: Kritik an „kollektiver Quarantäne“ in Flüchtlingsunterkünften

Dass sich in der Quarantäne viele infizieren, zeigt etwa das Beispiel der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Dort stehen die Bewohner schon seit dem 27. März unter Quarantäne. Gegen die Bedingungen protestierten sie bereits Anfang April., mittlerweile haben sich rund 120 Menschen angesteckt. Obwohl Infizierte in anderen Einrichtungen untergebracht und alle zwei Tage neue Tests durchgeführt würden, gebe es immer wieder neue Fälle, erklärt Alexander Schröder vom Solidaritätsnetzwerk Halberstadt. „Es wäre sinnvoller, die Menschen alleine oder im Familienverband unterzubringen, so wie es auch das Robert-Koch-Institut rät“, so Schröder weiter. Denn auf jeder Etage, in der jeweils zwischen 50-70 Personen untergebracht sind, gebe es nur einen Kloraum mit je drei Toiletten. Eine klare räumliche Aufteilung des Sanitärbereichs, wie es das RKI in seinem Nationalen Pandemieplan vorgibt, sei so nicht möglich.

Pro Asyl und die Flüchtlingsräte der Länder fordern schon lange eine dezentrale Unterbringung der Geflüchteten. In der aktuellen Situation kommt nun auch eine Untersuchung der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld zu der Empfehlung, zusätzlich zu Isolationsbereichen oder Clusterquarantänen auch „Pläne zur Evakuierung dicht belegter Unterkünfte“ zu erwägen. Die Partei „Die Linke“ brachte einen entsprechenden Antrag im Bundestag ein, in dem sie fordert, die Menschen in leerstehenden Hotels und Jugendherbergen einzuquartieren.

Corona in Flüchtlingsunterkünften: Mindestabstand kann oft nicht eingehalten werden

Doch statt auf ein Umschwenken der Asylpolitik zu hoffen, hat sich für die Betroffenen bislang ein anderer Weg als effektiver erwiesen: Ein asylsuchender Kameruner hat gegen seine Unterbringung in einer Aufnahmeeinrichtung in Schkeuditz bei Leipzig geklagt. Das Verwaltungsgericht Leipzig bestätigte, dass der Mindestabstand dort nicht eingehalten werden kann. Der Kläger wurde in einer kommunalen Unterkunft untergebracht. Auch in Dresden hat sich ein Geflüchteter eine Verlegung gerichtlich erstritten.

Sophie Vorgrimler, Timo Dorsch

Gefährlicher als Corona: Malaria, Masern oder Ebola - Afrika droht ein Rückschlag im Kampf gegen andere Infektionen, weil sich alles um das neue Coronavirus dreht.

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