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Soziale Distanz auf Rädern, erfunden und gebaut von Partha Saha (l.) im indischen Agartala.

Interview

Corona-Krise und Gesellschaft: „Ganz schnell zurück zum alten Verhalten“

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Psychiaterin Iris Hauth über die Folgen des Lebens mit Abstand und Maske, das Bedürfnis nach Körperkontakt und die Erfahrung mit früheren Pandemien.

  • Die Corona-Pandemie geht mit Maßnahmen einher, die psychisch belastend sein können.
  • Die psychische Belastung steht jedoch laut Psychiaterin Iris Hauth überhaupt nicht im Fokus.
  • Ein Interview mit Iris Hauth.

Iris Hauth ist Ärztliche Direktorin und Regionalgeschäftsführerin des Zentrums für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee. Zudem ist sie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). 

Frau Dr. Hauth, immer klarer zeichnet sich ab, dass wir uns nicht nur auf ein paar Wochen, sondern auf viele Monate der sogenannten sozialen Distanz einstellen müssen. Wie verändert das Abstandhalten den Blick auf unsere Mitmenschen?

Man darf die körperliche Distanz nicht als soziale Distanz sehen, das würde ich trennen. Trotz physischer Distanz ist ja soziale Interaktion möglich.

Das stimmt und der Begriff „soziale Distanz“ wird ja wegen dieser Ungenauigkeit oft kritisiert. Aber schafft der körperliche Abstand nicht auch einen sozialen Abstand, eine Art Entfremdung?

Die physische Distanz, vor allem kombiniert mit dem Tragen von Mundschutz, wie es jetzt in vielen Bereichen verordnet ist, verändert ganz sicher die Wahrnehmung des anderen, denn wir kommunizieren ja einerseits mit Sprache, andererseits aber mit Gestik und Mimik. Die erkennen wir wegen Abstand und Mundschutz nicht mehr richtig, wir können die Emotionalität des anderen nicht mehr wahrnehmen. Wie geht es ihm, wie ist er gerade drauf? Dieses zwischenmenschliche Schwingen entfällt. Das ist natürlich beeinträchtigend und kann auch das gegenseitige Verständnis verringern.

Iris Hauth. 

Das gilt vor allem für den Kontakt mit Unbekannten.

Ja, im öffentlichen Nahverkehr oder beim Einkaufen, wo es sonst manchmal zu einem spontanen Blick oder einem Lächeln kommt, verstärkt sich die Distanz, denn mit Mundschutz passiert so etwas eher nicht. Die nonverbalen Signale fehlen.

In Zeiten der Corona-Pandemie: Gesten der Vertrautheit fehlen

Aber auch unter Freunden ist es nicht einfach im Moment.

Die Begrüßung mit Handschlag oder Umarmung dient normalerweise dazu, Gemeinsamkeit aufzubauen und Zugehörigkeit zu betonen. Jetzt fehlen diese einfühlsamen Gesten der Vertrautheit und des Vertrauens. Und auch die Spontaneität ist beeinträchtigt, wenn man die Gesichter nicht mehr richtig erkennen kann.

Sie erwähnten eben das Einkaufen. Gerade in den Läden ist ein verändertes Verhalten spürbar: Unter ihren Masken beäugen sich die Menschen misstrauisch, ein allgemeines Unbehagen scheint in der Luft zu liegen. In den Schlangen werden Menschen angebrüllt, wenn sie anderen zu nahe kommen. Ist das Gespür für verletzendes Verhalten verloren gegangen?

Ich würde eher von einer großen Verunsicherung sprechen. Außerdem gilt, was ich eingangs gesagt habe: dass man den anderen nicht richtig wahrnehmen und einschätzen kann. Entscheidend ist aber, glaube ich: Der Stresspegel hat sich sehr erhöht. Viele Menschen sind seit Wochen auf ihre Häuslichkeit eingegrenzt und auf sich selbst zurückgeworfen. Sie haben Stress im Homeoffice, mit den Kindern oder weil sie nicht wissen, ob sie ihren Arbeitsplatz auf Dauer halten können. Wenn dann jemand scheinbar oder tatsächlich Regeln überschreitet, entlädt sich diese überschießende Emotionalität rücksichtslos. Wir leben alle in einem Sonderzustand, der das Gefühl des Kontrollverlustes bei uns auslöst und für den wir noch keine Bewältigungsstrategie haben.

Halten Sie es für möglich, dass wir uns an diesen Zustand gewöhnen und sich ein dauerhaftes Misstrauen gegen körperliche Nähe eingräbt?

Zur Info

Um in der Krise  im seelischen Gleichgewicht zu bleiben, rät Iris Hauth sich an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu halten: Sich nicht permanent von Nachrichten überfluten lassen, dem Tag Struktur geben, per Telefon oder soziale Medien mit anderen in Kontakt bleiben, durch Sport körperlichen Stress abbauen, Entspannungsübungen machen – und negative Gefühle zwar zulassen, sich aber nicht darin verstricken.

Wem das nicht gelingt, der sollte nicht alleine bleiben und ausharren, sondern Hilfe suchen. Iris Hauth verweist auf regionale Hotlines und auf psychologische Onlinetrainings wie „Hello Better“ (https://hellobetter.de/) oder die Onlinetherapie „Selfapy“ (https://www.selfapy.de/). 

Das glaube ich nicht, denn adäquater Körperkontakt ist Voraussetzung für ein gesundes und befriedigendes Leben und auch für den Zusammenhalt in der sozialen Gemeinschaft. Sich in den Arm zu nehmen, sich zu freuen und zu trösten, ist ein Grundbedürfnis – ein tief angelegtes Grundbedürfnis, wie man aus der Säuglingsforschung weiß. Wenn wir in den Arm genommen werden, wird Oxytocin ausgeschüttet, das sogenannte Kuschelhormon. Der Stress nimmt ab, Herzschlag und Blutdruck gehen runter, die Atmung wird ruhiger. All das wirkt sich auch positiv auf das Immunsystem aus. Wir sind auf Austausch angelegt – auch auf körperlichen Austausch.

Wenn es dann mal vorbei sein wird, in ein paar Monaten oder vielleicht erst im nächsten Jahr, werden wir uns also von einem auf den anderen Tag wieder in die Arme fallen?

Man hat das ja nach der letzten großen Sars-Pandemie vor 17 Jahren in China oder Singapur gesehen. In diesen Ländern mussten die Menschen auch Distanz wahren und Regeln einhalten. Aber nachdem alles abgeklungen war, ist die Gesellschaft ganz schnell wieder zu ihrem alten Verhalten zurückgekehrt. Menschen sind anpassungsfähig. Der Wunsch nach gemeinsamem Erleben und Nähe ist menschlich tief verankert, das wird sich durch einige Monate oder auch ein Jahr nicht verändern. Man sieht das ja jetzt auch schon bei uns, seit die Lockerungen in Kraft sind. Wenn man abends durch die Straßen fährt, stehen viele Leute doch schon wieder sehr eng zusammen. Rational disziplinieren sich die Menschen, aber ihre Bedürfnisse sagen ihnen etwas anderes.

Viele Menschen leben allein. Wie sollen die es aushalten, monatelang niemandem mehr nahe zu kommen?

Die Frage ist immer, ist das Alleinleben gewollt oder nicht? Es ist nicht ungewöhnlich, dass Alleinlebende wenig körperlichen Kontakt haben. Manche kompensieren das mit Wellnessangeboten und Massagen. Aber das gibt es im Moment auch nicht, deshalb ist das schon eine Herausforderung. Natürlich fühlen sich nicht alle Alleinlebenden einsam. Aber wenn das Gefühl, einsam zu sein, dominiert, wenn es als Isolation erlebt wird, kann es zum Problem werden. Nicht dazu zu gehören, macht schlechte Gefühle, macht traurig bis hin zum Risiko, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen zu entwickeln.

Corona-Krise: Die psychische Belastung der Gesamtgesellschaft steht kaum im Fokus

Nimmt die Zahl der an Depressionen Erkrankten zu?

Dazu haben wir noch zu wenig Daten. Die Verunsicherung durch das Virus und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie können zu anhaltendem Stresserleben führen. Und das erhöht das Risiko, psychische Erkrankungen zu entwickeln. Aber auch Menschen, die bereits Psychosen oder schwere Depressionen haben, leiden besonders in dieser gesellschaftlichen Stresssituation. Unsere Klinik ist voll belegt. Und für die vielen Anfragen von Menschen, die verunsichert und ängstlich sind, haben wir eine Beratungshotline eingerichtet. Natürlich geht es bei allen Eindämmungsmaßnahmen, Pandemieplänen und Diskussionen um die Vermeidung von Infektionen. Das ist das Wichtigste, keine Frage. Aber die psychische Belastung der Gesamtgesellschaft ist überhaupt nicht im Fokus. Was können wir tun, um auch in der Krise psychisch gesund zu bleiben? Es ist gut, wenn die Medien darauf aufmerksam machen.

Was wir ja mit diesem Gespräch tun.

Genau. Wichtig ist mir aber auch, das Positive nicht aus dem Blick zu verlieren.

Was meinen Sie konkret?

Es gibt viel Solidarisierung und schöne Ideen – etwa wenn Restaurants für die Pflegerinnen und Pfleger im Krankenhaus kochen. In meiner Klinik nähen Patienten in der Ergotherapie im Moment Masken. Wer nach Hause gehen darf, bekommt eine geschenkt. Und gestern habe ich ein Konzertangebot von jungen Musikern bekommen, die draußen auf dem Hof für die Patienten spielen wollen. Diese Seite muss man auch sehen.

Interview: Sabine Hamacher

Seit März gibt es in Frankfurt das Corona-Krisentelefon. Ulrich Stangier, Professor für Klinischen Psychologie und Psychotherapie, spricht über die Sorgen und Ängste der Anrufer

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