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Viele Roma leben von der Müllverwertung – wie diese beiden Männer in Belgrad.

Sinti und Roma

Roma - Europas Risikogruppe in Zeiten von Corona

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In Südosteuropa sind Roma in der Corona-Krise besonders gefährdet – und vermehrt Anfeindungen ausgesetzt.

  • Roma sind in Zeiten von Corona besonders diskriminiert.
  • Pandemie überschattet Festtag.
  • Tagelöhner, Erntehelfer, Arbeitssöldner - Jobs in Gefahr wegen der Corona-Krise.

Festtagsfreude kommt bei Naser Ajeti vor dem Welt-Roma-Tag am 8. April keine auf. Das Leben sei für die Roma in der Corona-Krise „noch schwerer als zuvor“, berichtet der Roma-Aktivist aus der serbischen Provinzstadt Zrenjanin am Telefon. Ohne Handschuhe, Masken und Desinfektionsmittel würden seine Nachbarn zu den Müllcontainern ziehen, um „mit bloßen Händen“ nach verwertbarem Altpapier, Plastik und Aluminiumdosen zu suchen: „Weil sie müssen, gehen sie raus – und säubern die Stadt. Sie haben keinen anderen Job, von dem sie leben können, und kein Geld, um sich vor Infektionen zu schützen.“

Anfeindungen in Zeiten von Corona

Die Pandemie überschattet den alljährlichen Festtag von Europas stigmatisierter Minderheit. Auf 10 bis 12 Millionen Menschen wird die Zahl der Roma geschätzt – die meisten leben in den Staaten Südosteuropas. Außer Armut und Ausgrenzung machen ihnen in der Krise die Infektionsgefahr, verstärkte Existenzsorgen und vermehrte Anfeindungen zu schaffen. Ungelernte Tagelöhner, Erntehelfer, Saison- und Hilfsarbeiter sind die Ersten, die in ganz Europa wegen der Corona-Krise ihre Jobs verlieren. Viele Roma, die zuvor als Arbeitssöldner in den von der Pandemie besonders hart getroffenen Staaten wie Spanien, Italien, Frankreich oder Deutschland ihre Familien in der Heimat über Wasser hielten, sind in ihre Heimat zurückgekehrt.

In Rumänien haben Heimkehrer, die sich nicht an die Auflagen der Selbstisolierung hielten, die Ausbreitung des Virus beschleunigt – darunter auch Roma.

Kleinstadt wegen Corona komplett abgeriegelt

Rumäniens Innenminister Marcel Vela hat die Kleinstadt Tandarei wegen sprunghaft gestiegener Infektionszahlen der dortigen Roma-Bevölkerung am Wochenende komplett abriegeln lassen: Vor allem bei Roma-Beerdigungen sollen sich Bewohner infiziert haben.

Von der „tickenden Bombe in Tandarei“ spricht die rumänische Website „recorder.ro“. Nach Jahrzehnten „ohne klare Integrationsstrategie“, in denen viele Roma nach Westen auswanderten und „in Europas Verantwortung übergingen“, müsse Rumänien nun feststellen, dass sich die Probleme der vernachlässigten Randgruppe „nicht von selbst lösen“.

Eher politisch motiviert wirken hingegen die Polizei-Checkpoints an den Zugängen zu Roma-Vierteln in bulgarischen Provinzstädten wie Sliwen, Stara Sagora oder Kasanlak, mit denen romaphobe Bürgerväter deren Bewohner „disziplinieren“ wollen. Die nationalistische VMRO, die in Sofia mit am Regierungstisch sitzt, hat trotz der bisher relativ geringen Infektionszahlen bereits die Isolierung aller Roma-Viertel in Bulgarien gefordert.

Corona-Maßnahmen treffen die Armen am härtesten

Die sich auch in Südosteuropa rasch verschlechternde Wirtschaftslage und die oft sehr rigiden Ausgangssperren treffen die ärmsten Bevölkerungsschichten der Balkanstaaten besonders hart. In Serbien ist es nicht nur die durch die Ausgangssperre verkürzte Arbeitszeit, sondern auch der durch die Einstellung des Nahverkehrs eingeschränkte Zugang zu den Innenstädten, die die Einkünfte der oft in Vororten lebenden Müllverwerter sinken lassen. Es sind die oft sehr beengten Lebensverhältnisse und ihre gesellschaftliche Ausgrenzung, die Roma auf dem Balkan in der momentanen Krise zu einer besonders gefährdeten Risikogruppe machen. In Albanien verfügen nur 48 Prozent der Roma über einen Wasseranschluss. Im Kosovo hat nur ein Zehntel der Roma eine Krankenversicherung. In Bosnien und Herzegowina haben nur elf Prozent, in Serbien nur 14 Prozent der Roma eine feste Arbeitsstelle.

Soziale Distanz ist in den überfüllten Elendssiedlungen und Vierteln der Roma kaum zu verwirklichen. In Zrenjanin würden viele Roma-Familien zu siebt oder acht zusammenleben, berichtet Ajeti. Die Stadt habe zwar Hilfspakete mit Desinfektionsmitteln versprochen: „Aber bisher haben wir nichts erhalten.“

Die Insassen des Flüchtlingslagers in Bujanovac wollen für die Müllverwerter von Zrenjanin nun zwar Schutzmasken schneidern. Aber der über das „Soziale Forum Zrenjanin“ verbreitete Spendenaufruf Ajetis zum Infektionsschutz für die Mülltrenner verhallte ansonsten fast ungehört. „Alle schauen in der Corona-Krise nur auf sich selbst. Unser Schicksal interessiert niemand“, sagt Ajeti.

Jahrestag: Gedenken der Sinti und Roma

Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in Deutschland hat am Samstag einen wichtigen Jahrestag begangen. Am Karfreitag vor 40 Jahren, dem 4. April 1980, traten zwölf Sinti auf dem Gelände der evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik. Zentrale Forderungen waren die offizielle Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma und die sofortige Beendigung ihrer polizeilichen Sondererfassung. 

Der Protest löste eine breite internationale Solidaritätswelle aus und markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Minderheit, so die Auskunft des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. 

Die bis 1970 in Bayern geltende „Landfahrerordnung“ hatte jahrzehntelang die Grundrechte von Sinti und Roma eingeschränkt. Bayerische Kriminalpolizisten erfassten in der „Landfahrerzentrale“ bis in die 1970er Jahre hinein Namen, Fingerabdrücke und persönliche Daten von Sinti und Roma aus dem gesamten Bundesgebiet in Akten, die teilweise in der NS-Zeit angelegt worden waren. 

Mit dem einwöchigen Hungerstreik wollten die Sinti Aufklärung darüber erzwingen, wo die Akten der ehemaligen „Landfahrerzentrale“ verblieben waren. Schließlich räumte die Landesregierung öffentlich ein, dass Diskriminierungen gegenüber Sinti und Roma abgebaut werden müssten. 

Lesen Sie dazu auch: Schriftsteller Radu Vancu spricht im Interview über die Lage in seiner Heimat Rumänien während der Corona-Krise, paradoxe Mitmenschlichkeit und Poesie.

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