Ecuador

Corona in Ecuador: Der Alptraum der Hafenstadt Guayaquil 

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Die Hafenstadt Guayaquil in Ecuador ist mit den vielen Opfern und der Pandemie überfordert – doch ein Ende des Alptraums scheint in Sicht.

  • Das Coronavirus wütet in Ecuoador
  • Vor allem die Hafenstadt Guayaquil ist mit der Pandemie überfordert. 
  • Doch ein Ende scheint in Sicht zu sein. 

Wenn Mauricio Morales von dem erzählt, was sich gerade in seiner Heimatstadt Guayaquil abspielt, ringt er erst nach Worten und sagt dann: „Apokalyptisch, so stelle ich mir Krieg vor.“ Der 39-jährige Informatiker berichtet von Leichen auf den Straßen, Särgen auf Bürgersteigen, panischen Mitbürgern und überforderten Krankenhäusern. Er erzählt auch die Geschichte seines Schwiegervaters. Dieser verstarb Ende März zu Hause an den Komplikationen einer Operation. „Aber als ich die Polizei, die Gerichtsmedizin und die Bestatter angerufen habe, bekam ich überall die gleiche Antwort“, sagt Morales am Telefon. „Niemand war bereit, die Leiche abzuholen oder einen Totenschein auszustellen.“

Corona: Fast so viele Opfer wie in Kolumbien und Chile zusammen 

Seit Wochen leben die Menschen in der 2,7-Millionen-Metropole in Angst angesichts der schnellen Ausbreitung des Coronavirus. Das Gesundheitsministerium gab am Montag 7529 positiv Getestete bekannt, mehr als 70 Prozent der Fälle entfallen auf die Provinz Guayas mit der Metropole Guayaquil. Von den 355 Todesopfern entfallen auf Guayaquil und Umgebung 172. In der Hafenstadt alleine gibt es fast so viele Covid-19-Opfer wie in Kolumbien und Chile zusammen.

Corona: Ecuador testet kaum

Das kleine Ecuador mit 17,5 Millionen Einwohnern hat nach dem zwölf Mal größeren Brasilien die zweitmeisten Toten in Lateinamerika zu beklagen. Aber selbst Präsident Lenin Moreno erkennt an: „Vermutlich ist die Dunkelziffer um ein vielfaches höher.“ Denn Ecuador testet kaum.

Ecuador und Guayaquil zeigen, was passiert, wenn ein Land nahezu unvorbereitet von der Pandemie überrollt wird, und wie sich Unfähigkeit und Ignoranz von Behörden und Regierung und ein kollabierendes Gesundheitssystem zu einem todbringenden Mix verbinden. Besonders kritisch ist die Lage der Krankenhausmitarbeiter, Sie gehören zu rund 40 Prozent zu den Angesteckten.

Coronavirus in Ecuador: Inzwischen sind selbst Särge knapp

Auch deshalb weigern sich in Guayaquil Gerichtsmediziner, Ärzte und Bestatter, die Opfer abzuholen. Aus Angst, sich anzustecken. Hinzu kommt, dass nur 20 der 120 Bestattungsinstitute überhaupt arbeiten. So liegen Verstorbene tagelang in Häusern, egal, ob sie an Covid-19 oder an anderen Krankheiten verstarben. Eine Spezialeinheit aus Polizei, Militär und Feuerwehr habe in den vergangenen drei Wochen 771 Leichen aus den Häusern geholt, sagte Jorge Wated, Chef der Spezialeinheit.

Angehörige von Erkrankten warten vor einem Krankenhaus in Guayaquil.

In einer Stadt, in der die Temperaturen selbst frisches Obst innerhalb eines Tages verderben lassen, wickeln Angehörige die Toten in ihrer Verzweiflung in eine Plane, streuen Kalk über die Leichen und legen sie auf den Straßen ab. Andere betten die Toten vorher in Särge. Inzwischen sind aber selbst Särge knapp, so werden Pappkartons genutzt. „Meinen Schwiegervater haben sie nach vier Tagen abgeholt“, erinnert sich Mauricio Morales. „Sie kamen mit einem Lkw, schmissen ihn zu Dutzenden anderen auf die Ladeklappe und verscharrten ihn in einem Armengrab.“

Ende des Corona-Alptraums scheint in Sicht

Experten kritisieren, dass die Regierung die Lage nicht von Anfang an ernst genommen hat. Sie habe zwar bei Einreisenden Fieber gemessen, aber diese dann nicht weiter verfolgt. Mitten in der Krise trat Gesundheitsministerin Catalina Andramuño zurück. Zudem sind in den vergangenen Jahren tiefe Einschnitte ins Gesundheitssystem vorgenommen worden. In Guayaquil reichen weder die Krankenhaus- noch die Laborkapazitäten aus. Es gibt zu wenig Tests, kaum Masken und Schutzkleidung.

Doch ein Ende des Alptraums scheint in Sicht. „Schon bald“, erwarte man den Höhepunkt der Epidemie, erklärte das Gesundheitsministerium am Dienstag. Mauricio Morales ist da nicht so optimistisch: „Uns kann nur noch Gott helfen.“

Von Klaus Ehringfeld

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Rubriklistenbild: © AFP

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