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Corona-Krise: Kommt die Debatte über Lockerungen zum richtigen Zeitpunkt?

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Von: Lukas Zigo

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Manches Land hebt Corona-Restriktionen auf, trotz immer mehr Ansteckungen und steigenden Inzidenzen. Auch in Deutschland regt sich der Wunsch nach Öffnung. Was sagt die Wissenschaft?

Berlin – Einige Länder beginnen seit geraumer Zeit mit der Aufhebung von Corona-Restriktionen*. In Deutschland raten Fachleute verschiedener Disziplinen zu Vorsicht und umsichtigem Handeln. Warum sind andere Länder schon weiter, was kann bei uns noch drohen? Dazu Fragen und Antworten.

Coronavirus - Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Dresden
Coronavirus - Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Dresden © Sebastian Kahnert/dpa

Wie beurteilen Wissenschaftler die Corona-Situation?

Während mache der Diskussion Positives abgewinnen können, sehen andere aber auch Risiken. „Eine Exit-Strategie zu planen, um sie später bereitliegen zu haben, ist gut und vernünftig. Aber die Politik sollte nichts überstürzen“, sagte der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen. „Wenn man solche Pläne vorbereitet, muss man den Menschen auch immer klar dazu sagen, dass es noch zu nicht absehbaren Entwicklung kommen könnte, die die Umsetzung verzögern.“

Max Geraedts, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und klinische Epidemiologie an der Philipps-Universität Marburg, kritisiert das Vorgehen. Die Diskussion sende „viel zu früh“ die Botschaft, dass die Pandemie schon vorbei sei.*„Stattdessen werden wir in den nächsten Wochen an vielen Stellen erleben, dass Personal in allen Branchen entweder isoliert oder in Quarantäne ist, sodass es zu Einschränkungen des Alltags kommt.“

Corona-Öffnungsdebatte: Wie ist die Skepsis zu begründen?

Expertinnen und Experten verweisen allen voran auf die vergleichsweise große Impflücke in Deutschland* – insbesondere bei Menschen ab 60 Jahren. „Und noch immer sind viele Fragen rund um die Omikron-Variante offen. Daher rate ich zu Vorsicht“, sagte Weber.

Corona-Maßnahmen: Lockern oder Verschärfen (23.01.2022)
Corona-Maßnahmen: Lockern oder Verschärfen. Infografik (23.01.2022) © dpa-infografik GmbH

Jana Schroeder, Infektiologin des Stiftung-Mathias-Spitals in Rheine, argumentiert zudem mit der derzeitigen Lage: „Wir stehen vor einem weiteren Anwachsen der Infektionswelle. Je nach weiterer Entwicklung könnten möglicherweise sogar erst einmal weitere Einschränkungen sinnvoll sein“, teilte sie auf Anfrage mit. „Wir müssen eine gewisse Demut walten lassen bei all den Dingen, die wir bisher nicht über Covid-19 wissen, insbesondere durch Omikron*.“ Zum Beispiel verwies sie auf Long Covid, Folgen möglicher wiederholter Infektionen und die begrenzten Therapieoptionen.

Könnte noch eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen?

Ja, Experten halten das für möglich. Schroeder verwies dabei auf die noch etwa drei Millionen ungeimpften Senioren, die schwer erkranken könnten. „Das ist letztlich ein Problem für uns alle, weil im Fall einer Überlastung des Gesundheitssystems auch der Infarkt oder Schlaganfall, der ja jeden treffen kann, weniger gut versorgt werden kann.“ Schroeder warnte, nicht nur die ambulante Versorgung könnte überlastet werden – durch eine zu hohe gleichzeitige Patientenzahl oder durch große Personalausfälle.

Die aktuell vorherrschende Omikron-Variante grassiert bisher unter Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 14 Jahren besonders stark und deutlich weniger bei Menschen ab 60 Jahren. Es wird erwartet, dass der Gipfel der Infektionen noch bevorsteht. Mit Verzug von etwa ein bis zwei Wochen kommen die Infizierten, die es schwer trifft, in Krankenhäusern an. Mit der sehr hohen Infiziertenzahl steige auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die noch älteren ungeimpften Menschen anstecken und auch wieder vermehrt schwere Verläufe in den Krankenhäusern behandelt werden müssen, gab Geraedts zu bedenken.

Gelockerte Corona-Maßnahmen: Ist ein Vergleich mit England oder Dänemark zulässig?

Für Fachleute greifen die Vergleiche zu kurz: In beiden Ländern seien die Verhältnisse anders als hier. Dänemark habe eine wesentlich höhere Impfquote, England eine weiter fortgeschrittene Durchseuchung* mit bisher wesentlich höheren Todeszahlen. Deutschland habe bei den Menschen über 60 viermal so viele Ungeimpfte wie England, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach* (SPD*) kürzlich.

Welche Voraussetzungen nennen Wissenschaftler für Lockerungen?

Zwar hatte das Robert-Koch-Institut im Vorjahr Optionen für die stufenweise Rücknahme von Corona-Maßnahmen* vorgelegt – ein Plan für die Zeit mit oder nach Omikron ist indes bislang nicht publiziert worden.

Geraedts nennt konkrete Parameter: Lockerungen seinen seines Erachtens erst möglich, wenn die Belegung der Krankenhäuser mit infizierten Patienten und die Zahl der Arztbesuche wegen einer Corona-Infektion tatsächlich konstant zurückgingen. Bislang ist beides nicht der Fall.

Lange waren die Inzidenz und Neuansteckungen wichtige Faktoren in der Pandemie. Laut RKI sind sie auch jetzt nicht bedeutungslos, jedoch zunehmend unvollständig. Die Inzidenz spiegele derzeit angesichts knapper PCR-Tests* nicht das wahre Bild wider, betonte Schroeder. Die Lage müssten Politikerinnen und Politiker anhand einer Zusammenschau verschiedener Faktoren bewerten.

Welche Corona-Maßnahmen sollten aus fachlicher Sicht zuletzt fallen?

Aus Sicht des Virologen Weber sollte die Maßnahme des Maskentragens am längsten erhalten bleiben. „Es ist eine relativ verträgliche, aber sehr effektive Maßnahme – insbesondere an sensiblen Orten, wie in Innenräumen, sollte man das Maskentragen beibehalten. Oder in Situationen mit vielen Ungeimpften.“ (lz/dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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