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Die „alte Normalität“: Fans warten 2012 vor der Arena Leipzig auf den Einlass zu einem Handballspiel.

Großveranstaltung in Leipzig

Corona-Testkonzert mit Tim Benzko: Weniger Teilnehmer als erhofft

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Forscher wollten mit dem wissenschaftlich kontrollierten Konzert mehr über das Infektionsverhalten des Coronavirus erfahren. Zu der Veranstaltung kamen weniger Teilnehmer als erhofft.

  • Ein Konzert in der Arena Leipzig simuliert das Risiko von Indoor-Veranstaltungen in Corona-Zeiten.
  • Knapp 1400 Menschen besuchen dafür ein Konzert von Tim Bendzko.
  • Forscher spielen drei Szenarien unter Corona-Bedingungen durch.

Update vom Samstag, 22.08.2020, 18.28 Uhr: Popsänger Tim Bendzko (35) hat seinen ersten Auftritt seit Monaten vor Live-Publikum genossen – auch wenn das Konzert ein wissenschaftliches Corona-Experiment war und die Zuhörer Masken trugen. Bendzko sang am Samstag (22.08.2020) im Rahmen eines Forschungsprojekts in der Arena Leipzig. „Wir haben in diesem Sommer einige Autokino-Konzerte gespielt. Dementsprechend ist es für uns schon eine unglaubliche Entwicklung in die richtige Richtung, dass man jetzt wenigstens die Augen sieht. Sonst wurden wir nur mit Blinkern beglückt“, sagte er.

Natürlich wäre es für alle Beteiligten schöner, wenn alles wieder wie vor Beginn der Corona-Pandemie wäre, sagte Bendzko. Aber das sei de facto derzeit nicht möglich.

TIm Bendzko mit Corona-Konzert in Leipzig: Erste Ergebnisse sollen in sechs bis acht Wochen vorliegen

Das Experiment begann am Samstagmorgen mit einem aufwendigen Check-in. Bei allen Teilnehmern wurde vor Betreten der Halle Fieber gemessen. Zudem wurden sie mit sogenannten Contact Tracern ausgestattet, die ihre Kontakte registrieren sollten. Sensoren verfolgten die Laufwege. Dazu wurde fluoreszierendes Desinfektionsmittel eingesetzt, um sichtbar zu machen, welche Flächen besonders oft angefasst werden. Auch der Flug der Aerosole – kleinste Teilchen in der Luft, die das Coronavirus tragen können – sollte nachvollzogen werden.

Für die Studie „Restart-19“ wurden drei Konzertsituationen simuliert: Eine wie vor Beginn der Corona-Krise, eine mit etwas mehr Sitzabstand zwischen den Zuhörern und eine mit einer Distanz von 1,50 Meter zwischen den Menschen. „Wir untersuchen Risikokonstellationen“, sagte Studienleiter Stefan Moritz. Er rechne in sechs bis acht Wochen mit ersten Ergebnissen.

Corona-Testkonzert mit Tim Bendzko: Weniger Teilnehmer als erhofft

Die Forscher hatten eigentlich auf etwa 4200 freiwillige Teilnehmer gehofft. Am Ende wurde es nur ein Drittel. Womöglich hätten die Ferienzeit in Sachsen und die wieder ansteigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland dazu beigetragen, dass die angepeilten Zahlen nicht erreicht wurden, sagte Studienleiter Stefan Moritz. Doch auch mit den 1400 Probanden ließen sich valide Daten generieren. „Wir haben eine gute Datenqualität.“

Popstar Tim Bendzko zog am Ende des Konzertexperiments ein positives Fazit. Er habe erwartet, dass sich das Ganze etwas steriler und mehr wie eine Versuchsanordnung anfühlen würde. „Aber das hat uns richtig Spaß gemacht.“

Corona-Testlauf mit Tim Bendzko: Risiko eines Covid-19-Ausbruchs soll berechnet werden

Erstmeldung vom Freitag, 21.08.2020, 10.55 Uhr: Abgesagte Konzerte, geschlossene Bühnen, Defizite in Millionenhöhe, berufliche Existenzen auf der Kippe und vermutlich viele persönliche Tragödien: Den Kulturbetrieb hat die Corona-Krise besonders hart getroffen. Eine Rückkehr zur „alten“ Normalität ist auf unbestimmte Zeit nicht in Sicht – zu groß erscheint das Ansteckungsrisiko bei Veranstaltungen mit eng besetzten Zuschauerreihen in Innenräumen. Doch wie hoch ist das Risiko überhaupt und wie lässt es sich verringern?

Bislang gibt es nur Vermutungen, jedoch keine Studie, die das eindeutig geklärt hätte. Das Experiment „Restart-19“ der Universitätsmedizin Halle (Saale) soll nun zumindest einige Antworten liefern: Bei einem „Corona-Konzert“ mit dem Sänger Tim Bendzko am Samstag in der „Quarterback Immobilien Arena“ in Leipzig geht es darum, herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, damit Indoor-Großveranstaltungen wieder stattfinden können, erklärt Studienleiter Stefan Moritz.

Corona-Konzert in Leipzig: Forscher wollen Risiko eines Covid-19-Ausbruchs errechnen

Unterstützt wird das Projekt von Ministerien der Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie vom Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig. Tim Bendzko selbst musste seine für dieses Jahr geplante Tour auf Januar 2021 verschieben.

Bei seinem Corona-Konzert wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein mathematisches Modell entwickeln, mit dem sich das Risiko eines Covid-19-Ausbruchs nach solchen Großveranstaltungen berechnen lässt. Außerdem wollen sie ermitteln, mit wie vielen anderen Menschen die Besucherinnen und Besucher nicht nur beim Konzert, sondern auch bei der An- und Abreise in Kontakt kommen. Deshalb wird die Fahrt mit der Straßenbahn ebenfalls simuliert.

So ungewöhnlich wie der Hintergrund des Konzerts ist auch die Kartenvergabe: Es gab keinen Vorverkauf, die Teilnahme ist kostenlos, dafür musste man sich anmelden und registrieren lassen. Bis zum Ende der – verlängerten – Anmeldefrist am Donnerstag hatten sich laut einem Bericht im „Ärzteblatt“ rund 2200 Menschen gemeldet, knapp 2000 weniger als erhofft. Ein entspannter Konzertgenuss wie in Vor-Coronazeiten erwartet das Publikum nicht. Bei der Anmeldung erhielten alle Interessenten ein Corona-Test-Kit, teilnehmen darf nur, wer ein negatives Ergebnis vorweisen kann.

Gäste bei Corona-Konzert in Leipzig müssen FFP2-Masken tragen

Trotzdem gilt während des Konzerts eine „verschärfte“ Maskenpflicht, das heißt: Jeder Gast muss einen FFP2-Mund-Nasen-Schutz tragen. Zudem werden die Besucherinnen und Besucher mit einem Contact Tracer ausgestattet, um ihre Bewegungsmuster, Laufwege und die Länge ihrer Kontakte nachvollziehen zu können.

Beim Konzert – eigentlich handelt es sich um drei kleine Konzerte – werden dann verschiedene Szenarien durchgespielt: Eines soll den Ablauf vor Corona nachbilden, mit zwei Eingängen in die Arena und ohne Abstandsregeln. Im zweiten Szenario gilt ein strengeres Hygienekonzept, es gibt mehr Eingänge und es müssen größere Abstände eingehalten werden. Das dritte Szenario schließlich sieht auf den Zuschauertribünen einen Abstand von eineinhalb Metern vor.

Das Forscherteam geht davon aus, dass für das Publikum in keiner Situation erhöhte Gefahr besteht. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Risiko einer Ansteckung im Rahmen der Studie auf ein Minimum reduzieren“, sagt Moritz. Die Auswertung des Experiments soll im Oktober vorliegen.

Corona-Konzert in Leipzig: Berechnung auch für Theaterbetrieb hilfreich

Klärungsbedarf gibt es nicht nur mit Blick auf Großveranstaltungen – auch wenn sie wegen der vielen Menschen besonders prekär erscheinen. An vielen Bühnen beginnt wieder der Spielbetrieb; unter oft massiven Auflagen und mit weniger Publikum.

Nach Ansicht von Forscherinnen und Forscher des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité wären solche Einschränkungen nicht überall nötig. In einer Stellungnahme schreiben sie, dass Opern und Konzerte wieder in vollbesetzten Häusern stattfinden könnten. Hauptargument: das gediegene Publikum, das sich nach Ansicht der Sozialmediziner „durch ein aufgeklärtes Verständnis der gesundheitlichen Zusammenhänge, eine disziplinierte Verhaltensweise sowie die sorgfältige Einhaltung von Vorgaben“ auszeichne. Dazu zählen eine Maskenpflicht und Abstandsregeln, zudem sollten Luftfilter eingesetzt werden. In einer zweiten Stellungnahme wird zudem empfohlen, die aktuell geltenen Abstände in Orchestergräben zu verringern. Der Vorstand der Berliner Charité distanzierte sich allerdings vom Papier der Kollegen, es sei nicht abgestimmt. (Von Pamela Dörhöfer)

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