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Jemen, Sanaa: Desinfektionsmittel gegen das Virus.

Corona-Krise

Corona im Jemen: 70 Bestattungen an einem Tag in Aden

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Erst die Cholera-Epidemie, jetzt die Corona-Seuche: Dem kriegsgebeutelten Jemen gibt das Virus den Rest.

  • Das Coronavirus wütet auch im Jemen
  • Die Vereinten Nationen befürchten 16 Millionen Jemeniten könnten sich mit Corona infizieren
  • Im Katastrophengebiet Aden verzweifeln die Bewohner

Im Jemen steigt die Zahl der Covid-19-Toten rasant an. Ende April meldeten die Behörden die ersten fünf Erkrankten in Aden. Zwei Wochen später waren in der Hafenstadt bereits mehr als 600 Menschen an der Lungenseuche gestorben, darunter ein Vizeminister. Das gab der Chef des Zivilschutzes, Sanad Jamil, bekannt. Nach seinen Worten grassiert das Virus „in rasendem Tempo“ unter der Bevölkerung, die durch fünf Jahre Krieg, Hunger, Obdachlosigkeit und andere Infektionen extrem geschwächt ist.

Corona-Krise im Jemen: Vereinten Nationen befürchten 40 000 Todesopfer in Zusammenhang mit Covid-19

Schon die weltweit größte Cholera-Epidemie mit bisher 2,3 Millionen Infizierten forderte 4000 Tote. Bei Corona befürchten die Vereinten Nationen nun 40 000 Todesopfer. 16 der 29 Millionen Jemeniten könnten sich mit dem Virus anstecken. Das sei das „wahrscheinlichste Szenario“, warnte Lisa Grande, UN-Nothilfe-Koordinatorin für den Jemen.

Testkits gibt es kaum. Die wenigen noch intakten Krankenhäuser weigern sich, Infizierte aufzunehmen, weil das Personal keinerlei Schutzkleidung hat oder aus Angst nicht mehr zur Arbeit erscheint. „Unsere Mitarbeiter vor Ort wurden Zeuge, wie Patienten, die nur noch mit Mühe Luft bekamen oder sogar kollabierten, abgewiesen wurden“, berichtete Mohammed Alshamaa, der örtliche Direktor von „Save the Children“.

Corona-Krise im Jemen: Katastrophengebiet Aden – „Die Lage ist zum Verzweifeln“

Vor einer Woche wurde Aden zum Katastrophengebiet erklärt. „Die Lage ist zum Verzweifeln“, twitterte ein Bewohner. Laut Adens Zivilschutzbehörde, die alle Bestattungen autorisiert, ist deren Zahl von rund zehn pro Tag auf über 50 hochgeschnellt. Allein am 13. Mai wurden 70 Genehmigungen erteilt, 65 von der Polizei beantragt für Tote, die auf der Straße lagen. Denn das Virus wütet vor allem in den Armenvierteln.

Im Norden mit der Hauptstadt Sanaa dagegen verhängten die vom Iran unterstützten Huthis eine Corona-Nachrichtensperre, auch gegenüber der WHO, um die Bevölkerung und die eigenen Truppen nicht zu beunruhigen. Klinikpersonal oder Familien von Betroffenen werden eingeschüchtert, damit nichts über die wirkliche Lage nach außen dringt.

Corona-Krise im Jemen: Katastrophengebiet Aden – „Die Lage ist zum Verzweifeln“

Mit Masken über den Markt in Sanaa.

Saudi-Arabiens Kriegsherr Mohammed bin Salman aber steht nach fünf Jahren Krieg vor den Trümmern seines verheerenden Jemen-Abenteuers, das bisher mehr als 100 000 Menschen das Leben kostete. Alle Gesprächskontakte mit den Huthis verliefen bisher im Sande. Auf sein Angebot einer Feuerpause bis Ende Ramadan bekam der Thronfolger nicht einmal eine Antwort. Der von Riad protegierte 74-jährige Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi ringt nach einem Herzinfarkt mit dem Tod.

Währenddessen forderte Saudi-Arabien alle Mitglieder der jemenitischen Exilregierung auf, das Königreich zu verlassen. Sämtliche Unterhaltszahlungen würden Ende Mai eingestellt, hieß es in der Mitteilung – ein erstes Eingeständnis, dass die gesamte Kriegsexpedition gescheitert ist.

Denn auch die Anti-Huthi-Koalition zerfleischt sich inzwischen in Kämpfen zwischen den Resten der Hadi-Armee und dem Südlichen Übergangsrat (STC), der den Südjemen für unabhängig erklärte. In den letzten Tagen tobte die Schlacht um das 60 Kilometer von Aden entfernte Zinjibar aus dem Präsident Hadi stammt. Doch der Ansturm seiner Regierungstruppen gegen die STC-Rebellen scheiterte.

Von Martin Gehlen

Syrien, Libyen und Jemen sind von Bürgerkriegen ruiniert. Millionen Menschen sind schlecht versorgt. Nun drohen die Länder zu den schlimmsten Corona-Regionen zu werden. In Syrien und Jemen „droht ein Massensterben“.

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