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Japan

Trotz Corona: Olympische Spiele in Tokio um jeden Preis

  • vonFelix Lill
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Trotz der Corona-Pandemie will Japan die Olympischen Spiele durchziehen. Die Verantwortlichen suggerieren Normalität – das könnte ihnen auf die Füße fallen.

  • Die Olympischen Spiele in Tokio sollen trotz der Corona-Pandemie am 23. Juli eröffnet werden.
  • Wegen der Verschiebung um ein Jahr fallen hohe Zusatzkosten an.
  • Die Mehrheit der Japaner spricht sich gegen die Durchführung der Olympischen Spiele aus.

Tokio - Die Spiele von Tokio gehen jetzt ihren Weg. Mitte Dezember bestätigte das japanische Organisationskomitee, dass der Fackellauf der um ein Jahr verschobenen Großveranstaltung wie zuvor erneut geplant ist. 859 Orte und damit jede der 47 Präfekturen des ostasiatischen Landes werden mit dem brennenden Stab durchquert. 10.000 Menschen werden die Fackel tragen, am 25. März soll es im zehn Jahre zuvor von einem Tsunami, Erdbeben und einer Reaktorkatastrophe betroffenen Fukushima losgehen. Am Abend des 23. Juli findet die Fackel, so der Plan, dann ihren Weg ins Tokioter Olympiastadion, wo die Olympischen Spiele damit eröffnet sind.

Olympische Spiele in Tokio: Corona-Infektionszahlen in Japan steigen

Nicht nur dieses Vorhaben klingt seltsam normal in einer Zeit, in der auch in Japan wieder täglich die Corona-Infektionszahlen steigen. Angesichts dessen erwägt die Regierung erneut die Ausrufung des Ausnahmezustands für den Großraum Tokio – die Vorbereitung für die Olympischen Spiele im Sommer soll aber fortgesetzt werden, wie Ministerpräsident Yoshihide Suga am Montag (04.01.2021) erklärte. Die Gouverneur:innen von Tokio und umliegenden Präfekturen hatten seine Regierung aufgefordert, nach einem ersten Mal im vergangenen Frühjahr erneut den Ausnahmezustand für den Großraum Tokio auszurufen. An Neujahr vermeldeten die Behörden der Hauptstadt mit 1337 Corona-Neuinfektionen einen Rekord. Der mögliche Ausnahmezustand wird noch diese Woche erwartet.

Die Olympischen Spiele in Tokio wurden von 2020 auf 2021 verschoben.

Ungeachtet dieser Entwicklungen will Japan die Vorbereitungen zur Ausrichtung der Olympischen Spiele und Paralympics im Sommer in Tokio fortsetzen. Die Spiele würden der Beweis werden, dass die Menschheit das Coronavirus überwunden habe, gab sich Suga am Montag (04.01.2021) entschlossen.

Die Verantwortlichen von „Tokyo 2020“, das mittlerweile eigentlich zu „Tokyo 2021“ geworden ist, bemühen sich um ein möglichst hohes Maß an gefühlter Normalität. So wurde Mitte Dezember ebenso freudig verkündet, dass die olympische Marathonstrecke in Sapporo nun genehmigt ist – während auf der Nordinsel Hokkaido, deren Hauptstadt Sapporo ist, die Ärztevereinigung gerade den pandemiebedingten Ausnahmezustand erklärt hat.

Olympische Spiele in Japan: Corona-Pandemie steht einer sicheren Umsetzung im Weg

In diesem schwierigen Spannungsfeld bewegen sich die Veranstalter:innen der größten Sportveranstaltung der Welt schon das gesamte Jahr über: Auf der einen Seite steht das ökonomische und politische Interesse, auf dem ganzen Globus bewunderte Spiele zu präsentieren. Für das Internationale Olympische Komitee (IOC) sind die nur alle zwei Jahre stattfindenden Sommer- und Winterspiele die einzige nennenswerte Einnahmequelle, sodass ein Ausfall finanziell zu Milliardenverlusten führen würde. Andererseits steht die Corona-Pandemie – zumal bei diesem globalsten aller Sportevents, zu dem Athlet:innen aus aller Welt kommen – der Idee einer sicheren Umsetzung klar im Weg.

Dieser Konflikt gilt bei Olympia besonders. Das IOC präsentiert sich als Hüter universeller Werte wie Fairness, Respekt und Hoffnung. Gern wird auch die Parallele zwischen Sport und Gesundheit gezogen. Im Fall der Corona-Pandemie aber wollten ausgerechnet das IOC und die Tokioter Organisator:innen wochenlang nicht wahrhaben, dass gerade die Veranstaltung ihres Events die globale Gesundheit gefährdet hätte. Die Verschiebung um ein Jahr wurde Ende März erst dann beschlossen, als mehrere Nationale Olympische Komitees verkündet hatten, dass sie im Jahr 2020 keine Athlet:innen entsenden würden.

Olympische Spiele in Tokio: Kommunikationsstrategie hat sich geändert

Seither haben die olympischen Organisationen mehrmals ihre Kommunikationsstrategie geändert. Zwar hieß es vordergründig von Anfang an, Sicherheit und Gesundheit haben oberste Priorität. Doch jenseits dieser kaum überraschenden Aussage wurden immer wieder unterschiedliche Botschaften gesandt. Zuerst beteuerte die japanische Regierung, dass es ohnehin keine Verschiebung gebe. Dann wollte man partout nicht, dass die Stadien leer bleiben würden, auch wenn das vielleicht sicherer wäre. Als man die im Frühjahr gesetzte Frist für die Frage, ob „Tokyo 2020“ nun im Sommer 2021 stattfinden werde, im Oktober erreicht hatte, blieb man über mehrere Wochen kleinlaut.

Und nun, wo das vermeintliche Olympiajahr angebrochen ist, übt man sich im Verkörpern von Normalität. Neben den Ankündigungen zum Fackellauf und der Marathonstrecke war jüngst auch zu hören, dass sich möglichst alle Athlet:innen freiwillig impfen sowie alle drei bis vier Tage testen lassen sollen. Und, dass es weiterhin beim Plan gefüllter Stadien bleibe. Es wirkt, als wäre die Corona-Pandemie schon überwunden.

Diese mittlerweile wieder offensivere Kommunikationspolitik könnte den Organisator:innen noch auf die Füße fallen. Denn in Japan ist die einst schier unerschütterliche Euphorie für Olympia schon lange verflogen – und bis jetzt deutet wenig darauf hin, dass sie wieder aufleben könnte. Eine Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK ergab im Dezember, dass nur 27 Prozent der Menschen im Land dafür sind, Olympia im Jahr 2021 in Tokio stattfinden zu lassen. Seit Monaten ist eine Mehrheit der Befragten höchst olympiaskeptisch.

Neben der Corona-Pandemie sorgen die finanziellen Umstände für Unmut. Die Verantwortlichen von „Tokyo 2020“ haben jahrelang behauptet, die Spiele würden die Steuerzahlenden in Japan kein Geld kosten. Was von Anfang an eine kreative Auslegung der Fakten war, hat sich mit dem Ausbruch der Pandemie als wenig wahrheitsgetreu herausgestellt. Derzeit wird von Zusatzkosten in Höhe von mindestens 2,4 Milliarden US-Dollar ausgegangen, was mehr als einem Drittel des ursprünglich geplanten Budgets entspricht. Diese Kosten werden zum Großteil auf die japanische Bevölkerung abgewälzt.

Olympia in Tokio: Japaner wollen nicht mehr mitfeiern

Im Land zeigen sich die Probleme dieser Entwicklung schon jetzt. Mehrere der „Host Towns“, die hundertfach quer über Japan verstreut Athlet:innendelegationen etwa für Trainingslager beherbergen und unterstützen sollen, überdenken nun angesichts der auch für sie gestiegenen Kosten ihr Programm. Die „Host Town Initiative“ sollte japanweit in rund 500 Orten die große Begeisterung für Olympia verkörpern. Nun wirkt es auch hier zusehends so, als würden die Verantwortlichen eine Party ausrichten, bei der in ganz Japan immer weniger mitfeiern wollen. (Felix Lill)

Rubriklistenbild: © Eugene Hoshiko/dpa

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