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Impfung bei Kindern
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Die Corona-Impfung bei Kindern ist eine schwierige Risiko-Nutzen-Abwägung. Die Stiko wird wohl vorerst keine Empfehlung dafür geben.

Coronavirus

Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche: „Für die Allermeisten lohnt sich die Impfung nicht“

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Kinder- und Jugendmediziner David Martin über ethische Fragen, Vor- und Nachteile der Corona-Impfung von Jüngeren und seine Hoffnung.

Sollen Eltern ihre Kinder gegen Covid-19 impfen lassen? Mit dieser Frage haben sich Forschende der Universitäten Witten/Herdecke, Tübingen und Homburg/Saar beschäftigt.

Für ihre Studie mit dem Titel „Covid-19- Impfung für Kinder und Jugendliche? Vierzehn Argumente für einen rationalen Weg in Deutschland“ haben sie die wissenschaftliche Literatur durchforstet und daraus eigene Positionen abgeleitet. Die 23-seitige Publikation ist auch für medizinische Laien verständlich geschrieben und am 19. Mai als Preprint erschienen.

David Martin, Professor für Medizintheorie und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, berichtet im Gespräch mit der FR über die Inhalte der von ihm mitverfassten Studie.

Herr Martin, der Deutsche Ärztetag hat in einem Beschluss von Anfang Mai eine rasche Impfstrategie für Kinder und Jugendliche gefordert. Es heißt darin, das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch könne im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Covid-Impfung gesichert werden. In Ihrer Publikation dagegen ist zu lesen, derzeit gebe es „keine wissenschaftliche oder medizinische Basis für eine generelle Impfempfehlung von Kindern und Jugendlichen“. Das hört sich nach zwei konträren Positionen an. Wie sind Sie zu Ihrer gekommen?

Man kann zu diesem Zeitpunkt mit großer Klarheit sagen: Das Risiko für Kinder und Jugendliche, durch Sars-CoV-2 geschädigt zu werden, ist sehr gering. Bis zum 18. Mai waren dem Robert-Koch-Institut 18 Menschen unter 20 Jahren als an oder mit Covid gestorben übermittelt worden. Bei allen 13 Fällen mit Angaben hierzu waren Vorerkrankungen bekannt. Ich finde es unglaublich, dass in einem Land mit so viel Forschungsmitteln RKI und Gesellschaft so wenig über die genauen Zusammenhänge dieser Todesfälle erfahren, wenn wir uns gleichzeitig überlegen, Millionen von Kindern zu impfen. Das aus meiner Sicht wissenschaftlichere Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrie (DGPI) berichtet von vier an Covid gestorbenen Kindern. Diese Zahl muss in Relation gesetzt werden zu einer Durchimpfung von mehr als 15 Millionen Kindern und Jugendlichen. Die häufigsten Nebenwirkungen der mRNA-Impfung bei Jugendlichen waren laut Pressebericht der Firma Biontech/Pfizer Schmerzen, Schwellungen und Rötungen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost, Gelenkschmerzen, Fieber, Übelkeit, Unwohlsein und Schwellung der Lymphknoten. Genaue Zahlen wurden bisher nicht veröffentlicht. Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung hat es bei Erwachsenen auch bei mRNA-Impfungen gegeben. Das heißt: Wir werden Millionen Kindern und Jugendlichen Fieber und Schmerzen zufügen und einem kleinen Teil davon vermutlich auch noch zusätzliche Nebenwirkungen, die noch gar nicht bekannt sind.

Wie sieht die Studienlage aus?

Es sind viele Studien dazu angemeldet. Bei der Studie von Biontech/Pfizer mit 2260 Kindern und Jugendlichen, von denen die Hälfte den Impfstoff bekommen hat, zeigten sich laut der Firma nur milde Nebenwirkungen. Die Daten sind bisher nicht wissenschaftlich publiziert oder freigegeben. Aber wir wissen von früheren Impfstudien, dass diese Zahl nicht ausreicht, um Sicherheit zu haben. Das haben wir ja auch im Fall von Astrazeneca bei Erwachsenen gesehen.

Corona-Impfung wird viele Kinder nicht ernsthaft gefährden

Befürchten Sie, dass wie bei Astrazeneca seltene Nebenwirkungen auftreten, die man noch nicht kennt, oder denken Sie eher an mögliche Langzeitfolgen?

Zunächst: Ich gehe nicht davon aus, dass die Impfung viele Kinder ernsthaft gefährden wird. Es geht mir eher um einen rationalen Zugang. Wenn wir anfangen, Kinder zu impfen gegen eine Erkrankung, die bei ihnen äußerst selten zu schweren Erkrankungen und noch seltener zum Tod führt, dann überlege ich mir: An welchem Punkt hören wir auf mit solchen Maßnahmen, die zudem regelmäßig wiederholt werden müssen? Für mich ist es auch eine Frage des grundsätzlichen Umgangs mit Erkrankungen und mit Massenmaßnahmen sowie deren Verhältnismäßigkeit. Das ist meine erste Sorge. Meine zweite besteht darin, dass wir einfach noch nicht wissen, was genau wir mit der Impfung tun. Es sind neuartige Vakzine, von denen niemand weiß, was sie langfristig bewirken.

Was sagen Sie zum Beschluss des Deutschen Ärztetages, der dazu im Gegensatz zu stehen scheint?

Ich habe mit einigen Kollegen zum Thema korrespondiert. Ich glaube, sie hatten nicht wirklich Zeit, die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema zu studieren, was sich auch darin zeigt, dass sie keinerlei wissenschaftliche Literatur zur Begründung ihres Beschlusses anführen. Auch war bei jenen Ärzten, die den Beschluss gefasst haben, niemand aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie dabei. Auch in der öffentlichen Debatte erwähnt Gesundheitsminister Jens Spahn kaum, wie wenig Kinder durch diese Erkrankung schwer betroffen sind. Das alles führt zu einer einseitigen, den Eltern unnötig Angst machenden Sichtweise.

David Martin.

Kinder und Jugendliche gegen Corona zu impfen bringt keinen zusätzlichen Effekt

Was entgegnen Sie auf das Argument, dass Erwachsene auch von Kindern angesteckt werden und das umso mehr bei der dominierenden britischen Virusvariante?

Das Virus kann sich mit dieser Variante sicher schneller verbreiten als vorher. Es ist richtig, dass sich Erwachsene impfen lassen, die Schutz wollen und brauchen. Aber auch noch Kinder und Jugendliche zu impfen, bringt keinen großen zusätzlichen Effekt zur Reduktion der Rate an Todesfällen und schweren Erkrankungen in Deutschland – und es rechnet sich für Kinder nicht in Bezug auf das Risiko und die Unannehmlichkeiten der Impfung.

Was ist mit Lehrkräften? Besteht für sie keine höhere Gefährdung, wenn Schülerinnen und Schüler ungeimpft sind?

Drei Publikationen zeigen, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht häufiger erkranken als der Rest der Bevölkerung. Das hat damit zu tun, dass Kinder Erwachsene zwar anstecken können, aber keine Treiber der Pandemie sind. Es könnte zudem eine Rolle spielen, dass Kinder schon häufiger mit anderen Coronaviren infiziert waren und dadurch auch Berufsgruppen, die mit ihnen viel zu tun haben, über einen gewissen Schutz verfügen. Eine Studie aus Schottland, die 300.000 Haushalte betrachtet hat, zeigt, dass in Familien desto weniger schwere Covid-Erkrankungen vorkommen, je kinderreicher sie sind. Vermutlich unterschätzen wir auch, wie viele Kinder die Infektion schon hatten. Publikationen zeigen, dass es drei- bis sechsmal mehr sind als gezählt wurden. Ob eine Impfung in diesem Fall überhaupt zusätzlichen Schutz bietet, dazu gibt es nur wenige Daten. Dieses Desinteresse für die natürliche Infektion bei den Kindern finde ich eklatant. Auf jeden Fall gehe ich bei Kindern von einer hohen Dunkelziffer aus – rechnet man sie dazu, kommt man zu dem Ergebnis, dass Covid-19 für sie noch weniger gefährlich ist als angenommen.

Gibt es beim Erkrankungsrisiko von Kindern und Jugendlichen Unterschiede je nach Alter?

Die gibt es. Mehr als 30 Prozent der knapp 1400 Kinder, die wegen Covid-19 in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, waren jünger als sechs Monate. Insgesamt waren 60 Prozent unter sechs Jahre alt. Kinder im Schulalter waren am seltensten im Krankenhaus. Am besten mit dem Virus zurechtkommen können offenbar Jugendliche. Sie geben das Virus aber etwas häufiger weiter als kleinere Kinder.

Zur Person

David Martin, geboren 1973, wuchs in den USA, Frankreich und England auf. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, pädiatrische Endokrinologe, Diabetologe und Onkologe. Seit 2014 ist er Professor für Pädiatrie an der Universität Tübingen und seit 2017 Direktor des Instituts für Integrative Medizin und Lehrstuhlinhaber für Medizintheorie an der Universität Witten/Herdecke.

Kinder und Jugendliche können mit Corona-Impfung nur minimalen Beitrag leisten

Sie sprechen in Ihrem Papier auch die gesellschaftliche Pflicht zum Impfen an. Wie stehen Sie dazu?

Für die allermeisten Kinder und Jugendlichen selbst lohnt sich die Impfung nicht. Nun könnte man natürlich sagen, sie sollten zum Wohle der Erwachsenen, insbesondere der Risikogruppen, geimpft werden. Wenn diese aber selbst geimpft sind, ist der Beitrag, den Kinder und Jugendliche leisten können, minimal. Eigentlich wissen wir noch gar nicht, ob es für die Gesellschaft überhaupt von Vorteil wäre.

Ist die angestrebte Herdenimmunität ohne das Impfen von Kindern zu erreichen?

Es wird oft von Herdenimmunität gesprochen, ohne zu sagen, was genau damit erreicht werden soll. Wenn man darunter versteht, das Risiko, sich anzustecken, gegen Null zu bringen, dann bin ich der gleichen Ansicht wie Christian Drosten: Das ist nicht zu schaffen. Denn auch Tiere können als Wirte des Coronavirus dienen, es werden sich nie alle Menschen impfen lassen, zudem können auch Geimpfte das Virus in geringem Maße tragen. Eine absolute Herdenimmunität ist deshalb nicht zu erreichen. Eine relative Herdenimmunität mit dem Zweck, die Intensivstationen zu entlasten, wird auch ohne die Impfung von Kindern und Jugendlichen erreicht.

Sie führen außerdem an, dass Kinder nicht selbst entscheiden können, ob sie sich impfen lassen wollen. Was ist der Unterschied zu anderen Impfungen, etwa gegen Polio oder Tetanus? Da müssen doch auch andere die Entscheidung für sie treffen.

Das stimmt natürlich. Aber man sollte dieses Vorgehen Impfungen vorbehalten, die Kindern wirklich etwas bringen und es nicht auf solche neuartigen Impfungen ausdehnen, von denen man nur annimmt, dass es der Gesellschaft nutzen könnte, wenn Kinder sie bekommen – und zwar ohne dass die Kinder sagen können, ob sie diesen unbewiesenen Beitrag für das Allgemeinwohl leisten möchten oder nicht. Das wirft für mich schwere ethische Fragen auf.

Eltern sollen richtige Entscheidung zur Corona-Impfung treffen können

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Publikation, wen wollen Sie erreichen? Die Eltern, die Politik, Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft?

Entscheidungen sollte man nicht nur aus Angst – egal ob vor der Erkrankung oder der Impfung – und Unwissen heraus treffen. Ich erhoffe mir, dass Eltern in ein paar Jahren rückblickend sagen können: „Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.“ Ich hoffe, dass die Gesellschaft und die Politik das auch wird tun können. Dazu wollen wir mit unserer Publikation beitragen. Meine Sorge ist, dass eine wirklich faktenbasierte, gediegene Überlegung nicht mehr stattfindet. Man muss sich fragen, an welcher Stelle man aufhört, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie tun sollen für ihre eigene Gesundheit oder für die Gesundheit der Bevölkerung. Eine Verknüpfung der Corona-Impfung mit dem Schulbesuch ist medizinisch nicht begründet.

Können Sie sich das vorstellen? SPD-Justizministerin Christine Lambrecht hat sich bereits gegen eine Impfpflicht für Kinder und Jugendliche ausgesprochen.

Ich gehe nicht davon aus, dass es in Deutschland dazu kommt, aber in anderen Ländern könnte es passieren. Die gegenwärtige Datenlage spricht nicht dafür, dass die Ständige Impfkommission in Deutschland eine allgemeine Empfehlung zur Impfung von Kindern und Jugendlichen geben wird, sondern nur eine Kann-Empfehlung mit Schwerpunkt auf die wenigen Risikogruppen unter den Kindern.

Haben Sie die Sorge, mit Ihrer Publikation in die „Querdenker-Schublade“ zu geraten oder „Beifall von der falschen Seite“ zu bekommen?

Das ist wirklich eine Herausforderung. Diese Publikation ist an das Urteilsvermögen eines jeden individuellen Menschen gerichtet, unabhängig von irgendeiner gruppenbasierten Gesinnung. Wir wollen mit unserer Studie entpolarisieren. Man sollte sowohl für die Eltern, die ihre Kinder impfen lassen, als auch für jene, die es nicht wollen, Verständnis und Achtung aufbringen. Für die Wissenschaft wäre es sinnvoll, die Entwicklung beider Gruppen weiter zu beobachten und zu dokumentieren. Wir müssen eine lernende Gesellschaft bleiben und dürfen keine tabuisierende werden. (Interview: Pamela Dörhöfer)

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