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„Maaamaaa!“

Arbeitswelt nach der Corona-Krise

Homeoffice für immer?

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Das Coronavirus verändert unser Berufsleben dauerhaft. Was bedeutet das für die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?​

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt von Christian Drosten umgekrempelt – und das nicht nur, weil der Virologe von der Berliner Charité plötzlich zu einer öffentlichen Person geworden ist. Es gibt eine weitere Veränderung, die ihn betrifft wie viele andere.

Es sitze jetzt ständig in Videokonferenzen, hat Drosten im NDR-Podcast erzählt. „Man lernt dabei häufig auch die Kinder von Gesprächspartnern kennen, die dann mal durchs Bild huschen, auch Haustiere haben wir schon gesehen.“ Die Konzentration sei oftmals nur mittelmäßig.

Deutschland ist also ins Homeoffice gewechselt – jedenfalls dort, wo es ging und wo Menschen nicht ihren Arbeitsplatz verloren haben. Verändert das Virus unsere Arbeitswelt auch auf Dauer? Kann Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) diesmal das Gesetz zum Recht auf Homeoffice durchsetzen, das er schon im vergangenen Jahr versprochen, dann aber auch wegen des Widerstands aus der Union liegengelassen hatte? Ist die Zeit reif dafür?  Im FR-Interview verspricht er: „Wir packen das Recht auf Homeoffice an“.

Wie viele Menschen in der Corona-Krise ins Homeoffice gewechselt seien, lasse sich noch nicht wissenschaftlich zuverlässig sagen, erklärt Philipp Grunau vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Das Arbeitsministerium hat in der Zeit vor der Krise mit einer DIW-Studie argumentiert, die folgendes besagt: 40 Prozent der Menschen hätten einen Arbeitsplatz, bei dem sie zumindest zeitweise von zu Hause arbeiten könnten, doch nur zwölf Prozent haben das bislang auch getan. Der Sprung in der Corona-Krise dürfte enorm sein.

Mit Kopfhörern versuchen viele Heimarbeiterinnen, sich vom Chaos zu Hause abzuschotten. 

Arbeitsmarktforscher Grunau geht davon aus, dass das Pendel auch nach der Krise nicht wieder komplett zurückschlägt. „Ich erwarte einen Wandel. Nach Corona werden mehr Menschen im Homeoffice arbeiten als zuvor.“ Denn viele der Gründe, die früher gegen Homeoffice angeführt wurden, fielen weg. Ein Hindernis seien beispielsweise oft fehlende technische Voraussetzungen gewesen – etwa, was den Zugang zum Firmennetzwerk angeht. „Aber gerade da haben die Firmen in der aktuellen Lage alles in Bewegung gesetzt, um besser zu werden. Dieser Fortschritt wird vermutlich bleiben.“

Wahr ist aber auch: Nicht wenige, die jetzt von einem Tag auf den anderen in die Heimarbeit starteten, wünschen sich zurück ins Büro. Die derzeitige Situation unterscheidet sich allerdings in zwei Punkten fundamental von der eigentlichen Homeoffice-Idee. Zurzeit arbeiten die Menschen – anders als üblich – Vollzeit zu Hause und nicht einen oder zwei Tage pro Woche. Und vor allem müssen viele gleichzeitig ihre Kinder betreuen.

Matthias Schulz, Ingenieur bei Vodafone in Düsseldorf, arbeitet normalerweise zwei Tage in der Woche von zu Hause. Er schätzt das, weil die Pendelei wegfällt. Jetzt ist er die ganze Woche zu Hause – mit zusätzlichen Pflichten.

„Da meine Frau in einer Bank arbeitet, bin ich derjenige, der zu Hause die Stellung hält“, sagt Schulz. „Ich freue mich sehr, jetzt jeden Mittag mit meinen zwei Söhnen essen zu können.“ Aber es sei „natürlich eine besondere Herausforderung, ihnen gerecht zu werden“, während er arbeite.

Eine 40 Jahre alte Juristin, die mit vier Kindern vom Kita-Alter bis zum Gymnasium zu Hause arbeitet, findet deutliche Worte. „Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Kindern sagen muss: Beschäftigt euch selbst, kümmert euch gegenseitig umeinander.“ Gleichzeitig sei es so, dass sie über den Tag mit den Kindern im Haus ihr Pensum gar nicht schaffen könne, sagt die Frau, die in einer Behörde arbeitet. „Die Folge, die auch viele Kolleginnen betrifft: Ich arbeite bis tief in den Abend oder auch die Nacht.“

In der derzeitigen Situation seien es oft die Frauen, die zurücksteckten, sagt sie. „Bei uns ist das auch so: Mein Mann verdient deutlich mehr.“ Deshalb sei klar: „Wenn wir beide ein Meeting haben, ist er derjenige, der ungestört ins Zimmer unter dem Dach verschwinden kann.“ Sie werfe ihm das nicht vor: „Wir haben ein Haus gekauft – und wir brauchen seinen Job mehr als meinen, um es abzubezahlen.“

Doch auch diejenigen, die keine Kinder zu betreuen haben, kämpfen mit Widrigkeiten. „Das Problem in der Corona-Krise ist ja: Wir konnten uns alle nicht vorab darauf einstellen, im Homeoffice zu arbeiten“, sagt Diana Tipei, die in einem Software-Unternehmen in München für Vertriebsfragen zuständig ist. „Vielen fehlt der notwendige Raum und sie müssen auf Sonderlösungen wie Küche oder Keller ausweichen“, sagt die 34-Jährige.

Tipei findet: „Man darf nicht unterschätzen, wie viel im Büro auch deshalb besser funktioniert, weil man einfach mal die Möglichkeit hat, ganz normal miteinander rumzuhängen und ins Gespräch zu kommen.“ Bei ungeplanten Treffen kämen oft besonders gute Ideen zustande. Sie lobt aber, ihr Unternehmen gebe sich große Mühe, die Menschen trotz allem zusammenzubringen. „Wir machen große Online-Meetings, bei denen auch die Mitarbeiter von Außenstellen und aus dem Ausland eingebunden sind. So gesehen lernen wir uns alle auch gerade besser kennen.“

Typische Nebenwirkung des Homeoffice: Nackenschmerzen vom falschen Sitzen. 

Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände streiten währenddessen über die Zukunft von Homeoffice in Deutschland. „Für mobiles Arbeiten und Homeoffice brauchen wir Regeln: gesetzlich, in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. „Denn ungeregelt führt mobiles Arbeiten zu unbezahlten Überstunden und Dauerstress“, fügt sie hinzu. „Homeoffice sollte für die Beschäftigten nach der Krise auf jeden Fall freiwillig bleiben“, betont Buntenbach. Der betriebliche Arbeitsplatz müsse erhalten bleiben, denn viele Beschäftigte wünschten sich eine klare Trennung von Beruf und Privatleben. Doch gerade weil sie es wichtig findet, all diese Dinge zu regeln, ist sie für ein Gesetz, das ein Recht auf Homeoffice schafft. „Der Vorstoß des Arbeitsministers, Homeoffice auch nach der Krise zu ermöglichen, ist gut und richtig“, sagt Buntenbach.

Die Arbeitgeberverbände fürchten dagegen, ihnen würde zusätzliche Bürokratie übergestülpt und lehnen ein Recht auf Homeoffice ab. Stephan Lenz ist Mitglied der Geschäftsführung von Tubex, einem Verpackungsmittelhersteller aus Baden-Württemberg. Die Arbeitnehmer in der Produktion können ohnehin nicht zu Hause arbeiten. In der Verwaltung hat sein Unternehmen etwa die Hälfte der Leute ins Homeoffice geschickt, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Nach der Pandemie soll sich das aber wieder ändern, sagt Lenz. Sein Unternehmen konkurriere über den Preis, dazu brauche er eine schlanke Verwaltung, die mit kurzen Wegen arbeite. „Es ist effizienter, wenn man kurz ans Nachbarbüro anklopfen und etwas klären kann, als wenn man erst telefonieren muss oder gar ein Videomeeting ansetzen“, sagt er. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten sich untereinander einigen, ob in einem Betrieb Homeoffice möglich sei - ohne dass der Staat sich einmische.

Klar ist: Wenn es am Ende ein Recht auf Homeoffice geben sollte, wird es immer Berufe geben, bei denen es dennoch nicht geht. Doch Arbeitsmarktforscher Philipp Grunau betont, mitunter änderten sich Dinge. „Die Digitalisierung macht es möglich, dass ein Kranführer nicht im Kran selbst sitzt, sondern mehrere Kräne zugleich von einem Ort aus steuert. Wir dürfen gespannt sein, was uns noch erwartet.“

Er ist sicher: „Es lohnt sich für die Unternehmen, ihren Beschäftigten – wenn möglich – die Arbeitssituation zu geben, die sie wollen. Zufriedene Mitarbeiter sind leistungsfähige Mitarbeiter.“

Der 1. Mai und Corona

Der Tag der Arbeit  findet in diesem Jahr im Internet statt. Alle großen öffentlichen Veranstaltungen wurden abgesagt, wie der deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mitteilt. An die Stelle von Sternmärschen und Kundgebungen treten in diesem Jahr unter dem Motto „Solidarisch ist man nicht alleine!“ Onlineaktionen und am 1. Mai um 11.00 Uhr eine Livesendung im Netz auf der DGB-Website, auf Facebook und Youtube. Beherrschendes Thema sind die wirtschaftlichen Auswirkungen und die Arbeitnehmerrechte in der Corona-Krise. 

Die Pandemie hat nach Angaben der Internationale Arbeitsorganisation (ILO) katastrophale Folgen für Beschäftigte weltweit. Vier von fünf sind demzufolge von Betriebsschließungen oder anderen Unterbrechungen im Wirtschaftskreislauf betroffen. Die ILO erwartet, dass weltweit mindestens 195 Millionen Vollzeitarbeitsplätze durch die Folgen der Pandemie verloren gehen werden. Dennoch müsse der Schutz der Beschäftigten bei den Öffnungsplänen für Gewerbe und Industrie Vorrang haben. 

Trotz der Corona-Beschränkungen bereitet sich die Berliner Polizei auf ein lebhaftes Demonstrationsgeschehen am 1. Mai vor. Nach Angaben der Polizei wurden bis Montag 18 Demonstrationen im Stadtgebiet angemeldet. Für zehn seien zugleich Ausnahmegenehmigungen beantragt worden, sagte eine Polizeisprecherin am Montag. (afp/dpa/epd)

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