Dass die Schulen vor den Ferien den Testbetrieb aufnehmen sollen, empört die Lehrerverbände.  
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Dass die Schulen vor den Ferien den Testbetrieb aufnehmen sollen, empört die Lehrerverbände. 

Corona in Hessen

Lehrer als Versuchskaninchen - heftige Kritik an geplanter Öffnung der Schulen vor den Sommerferien

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Hessens Kultusminister Lorz erntet harsche Kritik für seine Überlegung, die Schulen vor den Sommerferien testweise für eine Regelbetrieb zu öffnen.

  • Der Verband für Bildung und Erziehung bezeichnet hessische Schulen als „Experimentierlabor“
  • Laut einer Umfrage fürchten viele Lehrkräfte um ihre eigene Gesundheit
  • Auch der hessische Philologenverband spricht sich gegen eine Öffnung der Schulen in Hessen vor den Ferien aus

Eine Welle der Empörung seitens der Lehrerinnen und Lehrer schlägt Kultusminister Alexander Lorz (CDU) entgegen. Lorz hatte am Dienstag im FR-Interview eine „Testphase“ für den Regelbetrieb an Schulen noch vor den Sommerferien in Aussicht gestellt. Für die Zeit nach den Ferien werde ein dauerhafter Unterricht an allen Tagen angestrebt. Von Verantwortungslosigkeit und einem „Schlag ins Gesicht“ der Lehrer und Schulleitungen ist die Rede.

Öffnung der Schulen in Hessen sei ein „Schlag ins Gesicht“

„Das ist einfach unfassbar, ein Feldversuch mit Kindern und Lehrkräften, einfach verantwortungslos“, schimpft die hessische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Birgit Koch. Die ganze Zeit heiße es Abstand, Abstand, Abstand, das sei das, was gegen eine Infektion mit dem Coronavirus* helfe. Und nun wolle Minister Lorz schon vor den Ferien zu einem Unterricht zurückkehren, der ohne den Mindestabstand von eineinhalb Metern und dem Tragen von Masken stattfinden solle.

„Das ist eine Zumutung für die Schulen und ein Schlag ins Gesicht aller Schulleitungen und Lehrkräfte, die sich bemüht haben, die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen zu vermitteln“, sagt Koch.

Die Debatte

Bundesfamilienministerin Fransiska Giffey (SPD) fordert einen Normalbetrieb an den Schulen nach den Ferien, Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) warnt vor einem schnellen Wiedereinstieg.

In Schleswig-Holstein sollen ab von 22. Juni an wieder alle Jahrgänge im Klassenverband in die Schule gehen.

Während Lehrerverbände zur Vorsicht mahnen, drängen zahlreiche medizinische Fachverbände auf eine möglichst schnelle Schulöffnung. pgh

Ähnlich klingt es beim Verband Bildung und Erziehung (VBE). „Bei allem Verständnis für die Nöte vieler Familien, wäre dieser erneute Kurswechsel eine Zumutung für die Lehrkräfte und Schulleitungen“, kritisiert dessen Landesvorsitzender Stefan Wesselmann.

Schulen in Hessen: Ein Drittel der Lehrkräfte fürchtet um seine Gesundheit

Die Schulen sollten offenbar zu einem „Experimentierlabor“ für die Ansteckungsrisiken des Virus werden, sagt Wesselmann. Schon jetzt aber fürchte laut einer Forsa-Umfrage ein Drittel der Lehrkräfte um die eigene Gesundheit. Die Pläne ließen sich nicht nur gegenüber Lehrerinnen und Lehrern schwer vermitteln, sondern auch gegenüber besorgten Eltern, weshalb mit weiteren Klagen zu rechnen sei.

Lorz hatte zu der Überlegung, die zwei letzten Wochen vor den Sommerferien als Testphase zu nutzen und die Schulen für alle im Regelbetrieb zu öffnen, in einem Interview gesagt: „Ich finde diese Idee sehr spannend und denke aktuell darüber nach.“

Die Idee hatten unter anderem der Kieler Infektionsmediziner Helmut Fickenscher und der Bonner Virologe Hendrik Streeck ins Gespräch gebracht, um Erfahrungen zu sammeln und die Ferienzeit als Sicherheitspuffer zu nutzen. „Wenn solch renommierte Mediziner das für möglich halten, dann sollten wir das sehr ernsthaft prüfen“, urteilte Lorz im FR-Interview.

Öffnung der Schulen in Hessen nach den Sommerferien realistisch

Auch der hessische Philologenverband spricht sich gegen eine Schulöffnung im Regelbetrieb vor den Sommerferien aus. Wenn Infektionsforscher Erfahrungen mit dem Regelbetrieb der Schulen sammeln wollten, geschehe dies zulasten der „Versuchskaninchen“ Lehrkräfte und Schüler. Diese würden einer unnötigen Gesundheitsgefahr ausgesetzt, moniert der Verbandsvorsitzende Reinhard Schwab. Allerdings hält er eine allgemeine Öffnung der Schulen nach den Sommerferien für möglich, soferndie Infektionszahlen dies zuließen.

Seit Dienstag berät eine „Konzeptgruppe Schuljahresbeginn“, wie der Unterricht nach den Sommerferien organisiert werden könne. „Ziel ist, gemeinsam Lösungen zu finden, damit möglichst alle Schülerinnen und Schüler zügig wieder an fünf Tagen in der Woche in die Schule gehen können“, erklärte Kultusstaatssekretär Manuel Lösel.

Dem Gremium gehören neben anderen 15 Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Vertreter der Lehrkräfte, Schüler und Eltern an, die mit den Mitarbeitern des Ministeriums beraten. Lösel zeigte sich zuversichtlich, dass vor Beginn der Sommerferien ein Konzept vorliege. (Von Peter Hanack)

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*fnp.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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