dpa_20090101_201019-90-012988_
+
Die Idee der Massenimmunität sei im Fall von Corona eine Gefahr, warnen Fachleute.

„Great Barrington Declaration“

Herdenimmunität gegen Corona: Extrem rechte Ideologie steckt hinter Deklaration

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
    schließen

Forschende warnen vor der Idee des Herdenschutzes: Im Fall von Corona sei das zu riskant. Hinter der Forderung nach weniger Corona-Regeln stehen offenbar rechte Interessen.

  • Eine britische Deklaration propagandiert die Idee der Herdenimmunität gegen das Coronavirus.
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit widersprechen der Erklärung.
  • Hinter der „Great Barrington Declaration“ steckt rechte Ideologie.

Eindringlich warnen Forschende aus aller Welt und die deutsche Gesellschaft für Virologie in zwei Stellungnahmen vor den Gefahren einer natürlichen Durchseuchung der Bevölkerung mit dem Ziel einer Herdenimmunität ohne Impfung. Diese Strategie sei „unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochbrisant“, heißt es im Papier der Gesellschaft für Virologie.

Forschende gegen Herdenimmunität bei Corona: Christian Drosten unter den Kritikern

Hinter dem in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichten „John Snow Memorandum“ stehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Universitäten aus verschiedenen Ländern, die Erklärung aus Deutschland haben unter anderem Christian Drosten von der Berliner Charité, Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Friedemann Weber von der Liebig-Universität Gießen und Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum verfasst.

Die Zielrichtung beider Papiere ist identisch, sie sind auch als Reaktion auf die „Great Barrington Declaration“ zu verstehen, auf die sie sich ausdrücklich beziehen. Deren Verfasser plädieren für eine als „gezielten Schutz“ bezeichnete Isolierung gefährdeter Gruppen wie älterer und vorerkrankter Menschen. Der Rest der Bevölkerung solle ab sofort sein früheres Leben wieder aufnehmen können – ohne Beschränkungen wie Abstandsregeln und Maskenpflicht.

Herdenimmunität würde „die Covid-19-Pandemie nicht beenden“

Bislang gebe es keinen Beweis dafür, dass eine Corona-Infektion für eine andauernde Immunität sorge, heißt es im „John Snow Memorandum“, ließe man eine Verbreitung des Virus zu, bedeute das ein Risiko für vulnerable Gruppen auf unbestimmte Zeit. Und weiter: „Diese Strategie würde die Covid-19-Pandemie nicht beenden, sondern in wiederkehrende Epidemien münden, wie es der Fall bei vielen anderen Infektionskrankheiten war, bevor es eine Impfung gegen sie gab.“

Der Gesellschaft für Virologie bereitet „Sorge“, dass die Herdenimmunität von einigen wieder verstärkt ins Spiel gebracht wird. Man erkenne die Belastung der Bevölkerung durch die Maßnahmen an. „Dennoch sind wir überzeugt, dass die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können.“ So könne diese Strategie zu einer „eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können“. Ihr Anteil könne laut „John Snow Memorandum“ je nach Region bei 30 Prozent liegen.

Rechte Ideologie in Deklaration für Herdenimmunität

Die „Great Barrington Declaration“ war von zwei Epidemiologen aus den USA und einem aus Großbritannien verfasst und ist nach deren Angaben von mehr als einer halben Million Menschen unterzeichnet worden. Der 2019 mit dem Augsburger Medienpreis ausgezeichnete Weblog „Volksverpetzer“ zerlegt die „Great Barrington Declaration“ regelrecht. So stehe dahinter eine Organisation, die eine „extrem rechte Wirtschaftsideologie“ verbreite und von dem US-amerikanischen Öl-Milliardär und „Klimawandel-Leugner“ Charles Koch mitfinanziert werde. Der britische Sender Sky hat recherchiert, dass sich in der Liste der Unterzeichnenden etliche Fake-Einträge befinden. (Pamela Dörhöfer)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare