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Stau an den Grenzen

Lieferketten nach Großbritannien stehen still: Versorgungsengpass droht - Vorgeschmack auf den Brexit?

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Weil die Nachbarländer ihre Grenzen dicht halten, droht in Großbritannien ein Versorgungsengpass. Die großen Supermarktketten warnen vor Panikmache.

  • Eine grassierende Mutation des Coronavirus isoliert Großbritannien nahezu komplett vom Rest der Welt.
  • Großbritannien schlägt zwei Schlachten: Corona und Brexit.
  • Großbritannien: Die Krise des Warenverkehrs war längst absehbar.

Wie stets verspätete sich die live übertragene Pressekonferenz der Downing Street auch diesmal. Und wie stets versuchte der Premierminister, seine Corona-gebeutelte und derzeit weltweit isolierte Nation mit Optimismus aufzumuntern. So schlimm sei die Situation am Ärmelkanal gar nicht, beteuerte Boris Johnson noch am Montagabend, schließlich seien lediglich 20 Prozent des täglichen Transportvolumens von der Grenzblockade betroffen. Zudem habe er am Telefon eine „exzellente Konversation“ mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron geführt, eine Auflösung der gigantischen Lastwagenstaus im englischen Südosten stehe unmittelbar bevor.

Großbritannien: Äußerung von Boris Johnson sorgt für Kopfschütteln

Die erste Äußerung des Regierungschefs führte zu Kopfschütteln bei Branchenexperten. Zwar arbeiteten die Containerterminals an den Häfen von Felixstowe, Tilbury und Southampton tatsächlich reibungslos. Die Importe für frische Lebensmittel aber, auf die das Land im Winter angewiesen ist, kommen mit bemannten Lastwagen durch den Eurotunnel und den Hafen von Calais nach Dover und Folkestone. Schon jetzt ist absehbar, dass den Briten nach Weihnachten Zitronen und Orangen, Salat, Brokkoli und Blumenkohl ausgehen werden.

Und ganz egal, wie freundlich Emmanuel Macron und Boris Johnson tags zuvor geplaudert hatten – lange war von einer Lösung des Transportproblems nichts zu sehen. Inzwischen hat Frankreich die Beschränkungen wieder gelockert. EU-Bürger sowie Briten oder Staatsangehörige anderer Länder mit Wohnsitz in der EU dürfen nun wieder von Großbritannien nach Frankreich reisen. Voraussetzung ist ein negativer Corona-Test. Bis sich der immense Lkw-Stau rund um den Hafen von Dover auflöst, dürfte es aber nach Angaben der britischen Regierung „einige Tage“ dauern. Es gebe nun „viel zu tun“ und das Problem werde nicht „sofort“ gelöst sein, sagte Wohnungsbauminister Robert Jenrick dem Sender Sky News.

Der Grund für die Vorsicht heißt B.1.1.7, eine neuartige Mutation von Sars-CoV-2, auf der Insel zunächst als Variante VUI-202012/01 bekannt. Diese kann die Infektionsrate offenbar um bis zu 70 Prozent in die Höhe treiben.

Das große Hamstern: Menschen warten im Londoner Ortsteil Balham vor einem Supermarkt, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Hannah McKay/rtr

Großbritannien: Die Krise des Warenverkehrs war längst absehbar

Genomanalytiker von Cog-UK hatten den genetischen Code erstmals im Oktober an Virusproben identifiziert, die im September in London und in der Grafschaft Kent genommen worden waren. Inzwischen wurden einzelne Fälle auch in Dänemark, Italien und den Niederlanden sowie in Australien registriert. Die Wissenschaft hegt den Verdacht, die Ausbreitung sei viel weiter fortgeschritten. Dass die Variante in England massenhaft festgestellt wurde, könnte daran liegen, dass dort die Genomanalyse extensiv betrieben wird. Knapp die Hälfte aller öffentlich zugänglichen Genomsequenzen von Sars-CoV-2 stammen aus dem Königreich.

In den Nachbarländern sorgte die Hiobsbotschaft von der Insel für Aufregung und rasche Maßnahmen. Sämtliche EU-Anrainerstaaten schlossen ihre Grenzen für Reisende aus Großbritannien bis auf weiteres, Irland verlängerte am Dienstag die Maßnahme sogar bis zum Jahresende. Während etwa die Niederlande aber ihre Häfen für Trucker von der Insel offenhielten, machte Frankreich in der Nacht zum Montag komplett dicht.

In den wichtigsten Kanalhäfen Dover und Folkestone sowie in Calais verschlimmerte sich dadurch blitzschnell eine Krisensituation, die sich im Laufe des Dezember bereits zusammengebraut hatte. Viele Unternehmen auf der Insel haben der Festtage wegen sowie mit Blick auf den Brexit an Silvester ihre Warenhäuser gefüllt, umgekehrt stiegen auch die Exporte. Weil französische Zöllner zudem mehrfach die Verfahren probten, die im neuen Jahr fällig werden, bildeten sich immer wieder auf den wichtigsten Zufahrtsstraßen zum Ärmelkanal, besonders auf der Autobahn M20, kilometerlange Lastwagenschlangen.

Großbritannien schlägt zwei Schlachten: Corona und Brexit

Am Dienstagmorgen war der Stau teilweise 50 Kilometer lang. Innenministerin Priti Patel sprach von 1500 Trucks, Ian Wright von der Lobbygruppe FDF hielt 4000 Lastwagen für realistischer. Zu den Betroffenen zählten Angestellte von Seamus McKeegan. Statt die Landverbindung via England zu nutzen, habe er nun Plätze für seine Lastwagen auf der Route Dublin-Cherbourg gebucht, berichtete der irische Spediteur der BBC und klagte: „Wir müssen zwei Schlachten schlagen, Covid und Brexit.“

Den Zusammenhang stellten auch andere her, in die britischen Reaktionen auf die globale Isolierung der Insel mischten sich kritische Stimmen. David Wells vom Branchenverband Logistics UK postulierte einen Zusammenhang zwischen der Gesundheitsvorsorge und politischen Vorgängen wie den fortdauernden Brexit-Gesprächen. Wer dies nicht so sehe, sei „naiv“. Drastischer äußerte sich der stets für bunte Zitate bereitstehende Tory-Hinterbänkler Andrew Bridgen. Die Blockade der Grenze stelle „eine massive Überreaktion Frankreichs“ dar, teilte der Brexit-Ultra auf Twitter mit: „Das Vereinigte Königreich zu erpressen, haben diverse Diktatoren versucht, wir haben sie besiegt.“

Brüssel fordert EU-Länder auf, die Blockade zu stoppen

Kriegerische Rhetorik dürfte allerdings in der aktuellen Transportkrise ebenso wenig helfen wie bei den Brexit-Gesprächen. Große Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury und Lidl betonten am Dienstag, die Versorgung der Briten mit den Zutaten eines „typischen“ Weihnachtsessens wie Truthahn, Kartoffeln, weiße Rüben und Rosenkohl sei gewährleistet. Allerdings werde es in den letzten Tagen des Jahres zu Engpässen bei frischem Obst und Gemüse kommen.

Dass die EU am Dienstag ihre Mitgliedstaaten zur Aufhebung der Covid-Blockade Großbritanniens aufforderte, sorgte auf der Insel für Erleichterung. „Verbote von Flug- und Zugreisen sollten angesichts der Notwendigkeit, essenzielle Reisen zu gewährleisten und Unterbrechungen der Versorgungskette zu vermeiden, ausgesetzt werden“, erklärte die Brüsseler Behörde. Von nicht unbedingt notwendigen Reisen solle aber „abgeraten“ werden.

Unklar blieb, ob es nun tatsächlich auch eine Einigung mit Paris über die geforderten Truckertests geben würde. Die entsprechenden Zentren, etwa auf dem stillgelegten Flughafen Manston bei Ramsgate, soll auf britischer Seite die Armee bemannen – Soldat:innen hatten der überforderten Regierung schon im Sommer aus der Patsche geholfen, als die zunächst kaum vorhandene Infrastruktur endlich Hunderttausende von täglichen Covid-19-Tests ermöglichte.

Großbritannien: Eisenbahnverkehr spielt jetzt wichtige Rolle

Die Interessenvertretung der Fernfahrerbranche verwies auf die missliche Lage der Lkw-Fahrer, die feststeckten. Nicht nur gehe ihnen die eigene Versorgung aus, sondern sie hätten auch angesichts des fehlenden Zugangs zu vernünftigen Toiletten und Sanitäranlagen „riesige Probleme“.

Eine wichtige Rolle könnte nun dem Eisenbahnverkehr auf der Insel zukommen. So rechnet etwa der Chef der Gesellschaft Freightliner Group, Peter Graham, mit einer Verlagerung der Versorgungsrouten. Das Unternehmen nimmt Ware in anderen regionalen Häfen Großbritanniens an und bringt sie auf der Schiene durch das Land. So könnte Dover vorerst umgangen werden. (Sebastian Borger mit dpa)

Rubriklistenbild: © REUTERS

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