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Großbritannien

Corona in Großbritannien: Boris Johnson interessiert die Pandemie nicht mehr

  • Stefan Krieger
    VonStefan Krieger
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Trotz hoher Fallzahlen - in England lässt es sich im November 2021 leicht vergessen, dass man noch immer in einer Corona-Pandemie lebt.

London - Großbritannien lehnt eine allgemeine Corona-Impfpflicht, wie sie jetzt beispielsweise in Österreich kommt, strikt ab. Sich impfen zu lassen, sei eine persönliche Entscheidung, so die Regierung. In England gelten bereits seit Mitte Juli keine Corona-Restriktionen mehr. Und so bietet sich in der britischen Hauptstadt London ein Bild, das stark an die Zeit vor der Pandemie erinnert. Die Pubs und Bars sind gut besucht, Konzerte und Veranstaltungen finden ohne jegliche Restriktionen statt, und in den öffentlichen Verkehrsmitteln und den Läden sieht man kaum Menschen, die eine Maske tragen.

Wer dieser Tage dem britischen Premier Boris Johnson zuhört, kann den Eindruck bekommen, im Vereinigten Königreich sei alles in bester Ordnung. Die Corona-Daten gäben keinen Anlass zur Sorge, so die Meinung Johnsons. Kein Anlass also für Plan B, der seit Monaten in der Schublade liegt, aber dort auch bleiben soll. Die Inzidenz liegt währenddessen bei um die 400, also noch höher als in Deutschland, wo die Alarmglocken im Moment so laut schlagen wie nie zuvor.

Corona in Großbritannien: Rund 1000 Tote wöchentlich

Selbst die für den Plan B vorgesehenen Maßnahmen, an deren Einführung Boris Johnson nicht denken will, sind alles andere als drastisch: Der Plan beinhaltet lediglich die Empfehlung, von zuhause zu arbeiten, Masken in einigen Räumen und Impf- oder Testnachweise für einige Großveranstaltungen. Nachweispflichten, in Deutschland mittlerweile wie selbstverständlich unter den kryptischen Abkürzungen 3G, 2G und 2Gplus diskutiert, sind in England für viele unvorstellbar. Schon vor Monaten gab es riesige Widerstände gegen ein solches System, schon vor ihrer Einführung waren die Zertifikate als „diskriminierend“ gebrandmarkt. Schottland und Wales hingegen, die eigenständig über ihre Corona-Maßnahmen entscheiden, machen schon seit einer Weile von Impfnachweisen Gebrauch.

Corona, war da was? Der britische Premier Boris Johnson wischt alle Bedenken beiseite.

Gerade im Ausland hat sich der Eindruck eingeschlichen, die Briten seien mit ihrem „Freedom Day“ Mitte Juli - der Aufhebung praktisch aller Corona-Maßnahmen - irgendwie durchgekommen und das Schlimmste sei ausgeblieben. Doch das stimmt nur teilweise. Richtig ist, dass es eine Überlastung des Gesundheitsdienstes NHS wie im vergangenen Winter seitdem nicht gegeben hat. Gleichzeitig arbeiten Ärztinnen und Ärzte am Limit und die Wartelisten für Operationen sind so lang wie nie. Zur Wahrheit gehört aber auch: Seit Wochen zählt das Land Woche für Woche um die 1000 Todesfälle. Der Preis für die britische Freiheit ist, sich an diese Zahlen gewöhnt zu haben.

Corona in Großbritannien: Boris Johnson warnt, tut aber nichts

Dass die Delta-Variante die Fallzahlen in Deutschland, Österreich und anderen Ländern in bislang ungekannte Höhen getrieben hat, ist auch in der Downing Street nicht unbemerkt geblieben. So warnte Boris Johnson, der mal wieder mit einer bizarren Rede aufgefallen ist, vor der Welle, die den Kontinent überrolle und von der noch niemand wisse, ob sie auch über die englische Küste schwappen werde.

„Das ist etwas irreführend“, sagt der Gesundheitsexperte Azeem Majeed vom Imperial College London im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Fakt ist nämlich: Seit Monaten ist die Situation auf der Insel um keinen Deut besser als in Europa - im Gegenteil. „Seit Juli hatten wir nie weniger als rund 30.000 Fälle pro Tag“, so Majeed. Erst kürzlich wurde Großbritannien von Ländern mit noch höheren Corona-Raten überholt. Zuletzt zählte man meist 40.000 bis 50.000 pro Tag. Der größte Unterschied zur Lage in Deutschland ist: Es redet kaum noch jemand darüber.

Experte kritisiert Boris Johnsons Corona-Politik 

Von der Impfquote her ist die britische Situation mit der deutschen vergleichbar: Knapp 69 Prozent der Bevölkerung sind doppelt geimpft, mit den Booster-Impfungen geht es schleppend voran. Ihr Effekt zeigt sich jedoch bereits im Altersvergleich: Während die Positivraten in den älteren, bereits geboosterten Gruppen eher niedrig sind, fallen sie unter Schulkindern am höchsten aus.

„Plan B hätte schon vor einer ganzen Weile eingeführt werden sollen“, sagt Majeed. Doch die britische Regierung habe sich dafür entschieden, nicht präventiv zu reagieren, sondern frühestens dann, wenn es eigentlich schon zu spät sei. Aktuell sei man glücklicherweise bei den Krankenhauseinweisungen dank der Impfungen in keiner so dramatischen Situation wie im vergangenen Winter.

Corona-Zahlen für das Vereinigte KönigreichStand 22. November 2021
Infektionen gesamt9.897.206
7-Tage-Inzidenz423,2
Todesfälle gesamt144.369
Impfquote vollständig67,67%

Der deutsche Corona-Experte Christian Drosten äußerte zuletzt die Vermutung, die Lage im Vereinigten Königreich könne sich über den Winter entspannen, da es durch die starke Durchseuchung viel mehr Genesene gebe. Der Brite Majeed kann diese Vermutung nachvollziehen, ist aber vorsichtiger: „Das kann leicht wieder außer Kontrolle geraten.“

Corona in Großbritannien: Booster-Impfungen für die über 40-Jährigen

Ganz sorglos ist allerdings auch die Regierung Johnson nicht. In Großbritannien können sich von diesem Montag (22.11.2021) an alle über 40-Jährigen für eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus anmelden. Zum Termin muss die zweite Impfung mindestens ein halbes Jahr her sein. Bisher können nur über 50-Jährige sowie Gruppen mit erhöhtem Risiko einen sogenannten Booster buchen. Neu ist zudem, dass zum Wochenstart 16- und 17-Jährige - insgesamt etwa 200 000 Menschen - Termine für ihre zweite Dosis erhalten können.

Und schon verbreitet man auf der Insel wieder Optimismus. Dies bedeute nämlich, dass die Menschen ein sicheres Weihnachtsfest genießen könnten, teilte das Gesundheitsministerium in London am Sonntag mit. Und weist die Forderungen nach Wiedereinführung von strengeren Corona-Regeln erneut entschieden zurück. (skr/dpa)

Rubriklistenbild: © Jessica Taylar/afp

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