1. Startseite
  2. Politik

Corona in Großbritannien: Boris Johnson hat Nigel Farage im Nacken

Erstellt:

Von: Sebastian Borger

Kommentare

Diese Floristin in der bitischen Kleinstadt Battle arbeitet künftig hinter verschlossenen Türen.
Diese Floristin in der bitischen Kleinstadt Battle arbeitet künftig hinter verschlossenen Türen. © Gareth Fuller/dpa

Boris Johnsons Corona-Politik steht unter Beschuss – aus der Wissenschaft und der eigenen Partei.

Zu spät, zu hart, zu unklar: Vor dem geplanten Corona-Lockdown 2.0 prasselt auf Boris Johnson Kritik nieder. Im Unterhaus musste sich der britische Premierminister gegen heftige Kritik der Opposition sowie aus den eigenen Reihen verteidigen; mehrere Dutzend konservative Abgeordnete aus den hinteren Reihen der Partei wollen bei der Abstimmung am Mittwoch den neuen Einschränkungen nicht zustimmen. Öffentlich bezichtigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Regierung, ihr zögerliches Vorgehen im Kampf gegen Sars-CoV-2 habe unnötig viele Menschenleben gekostet und ökonomischen Schaden verursacht. Selbst in der Regierung gibt es Unklarheit über die Einzelheiten des Maßnahmenpakets.

Die Nervosität aufgebrachter Torys ist durch das neuerliche Auftauchen eines wohlbekannten Tory-Quälgeists in die Höhe geschnellt: Der frühere Ukip-Vorsitzende Nigel Farage will seine im vergangenen Jahr gegründete Brexitpartei in Reform UK umtaufen und gegen den Lockdown zu Felde ziehen. Farage, 56, gehörte mehr als 20 Jahre lang dem Europaparlament an, zuletzt als Chef der Brexitpartei, die bei der letzten EU-Wahl unter britischer Beteiligung 2019 aus dem Stand 30,5 Prozent gewann und damit den Wechsel im Partei- und Staatsamt von Theresa May zu Johnson auslöste.

Corona-Pandemie in Großbritannien: Der Lockdown kommt zu spät

Ausgerechnet im torytreuen „Daily Telegraph“ durfte Farage am Montag eine Art Manifest veröffentlichen. Das gesamte politische System des Landes bedürfe einer „radikalen Reform“, schließlich habe die Regierung zuletzt schlecht gearbeitet. Neben dem bekannten Protest gegen die „illegale Einwanderung“ von Asylsuchenden macht sich Farage dabei Argumente zu eigen, die bisher vor allem auf der politischen Linken zu hören waren. Umgerechnet 13,3 Milliarden Euro seien an das schlecht funktionierende, zentrale Track&Trace-System zur Nachverfolgung von Covid-Infektionen verschwendet worden; es wird statt von einer Wissenschaftlerin von einer alten Bekannten Johnsons, der konservativen Baroness Dido Harding, geleitet. Privatfirmen erhielten „die tollsten Aufträge“ ohne ordentliche Ausschreibungen durch die öffentliche Hand. „Der Brexit gibt uns die eigene Regierungsführung zurück. Jetzt brauchen wir gutes Regieren.“

Borsi Johnson stößt in den Umfragen auf Ablehnung

Genau dies vermissen die Britinnen und Briten seit Monaten bei ihrer Regierung. In jüngsten Umfragen lagen die Torys erstmals hinter der Labour-Opposition, Premier Johnson stößt bei einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung auf Ablehnung. Zum „Trübsinn“, den die „Financial Times“ bei vielen Wirtschaftsvertreter:innen ausmacht, hat wesentlich der Schlingerkurs im Kampf gegen Covid-19 beigetragen.

Im September hatte das wissenschaftliche Beratungsgremium Sage einen auf zwei Wochen begrenzten Lockdown („Circuit Breaker“) für Oktober ins Spiel gebracht, um die schon damals rasante Entwicklung der Neuinfektionen zu unterbrechen. Während die Regionalregierungen von Wales, Schottland und Nordirland mit unterschiedlicher Härte den Vorschlag umsetzten, hielt Johnson für den bei weitem größten Landesteil England an regionalem Vorgehen fest. Noch vor vierzehn Tagen denunzierte er die Idee des wissenschaftlichen Gremiums als „totale Absurdität“ und verhöhnte Labour-Oppositionschef Keir Starmer, der sich den Vorschlag zu eigen gemacht hatte, als „Kapitän Im Nachhinein“ (Captain Hindsight).

Labour-Chef Starner: „Katastrophaler Mangel an Führung und Urteilsvermögen“

Am Montag schlug Starmer zurück. Dass der Premierminister seine wissenschaftlichen Berater:innen 40 Tage lang ignoriert habe, stelle „einen katastrophalen Mangel an Führung und Urteilsvermögen dar“, sagte der Labour-Chef. Ein führender Epidemiologe nahm gegenüber der BBC kein Blatt vor den Mund: Der frühere Circuit Breaker hätte „Tausende von Menschenleben“ gerettet und der Volkswirtschaft „deutlich weniger Schaden“ zugefügt, sagte Professor Andrew Hayward vom Londoner University College UCL.

Von den Hinterbänken der Tory-Fraktion melden sich einflussreiche Parlamentarier wie der Chef des 1922-Ausschusses zu Wort. Graham Brady spricht von einer „beispiellosen Einschränkung fundamentaler Menschenrechte“, der er nicht zustimmen könne: „Die Regierung will den Menschen sogar vorschreiben, mit wem sie Sex haben können.“ Sein Vize Charles Walker beklagt das „Abdriften in einen autoritären Staat“. Dennoch gilt die Annahme des Lockdown 2.0 für vier Wochen bis zum 2. Dezember durch das Unterhaus am Mittwoch als ausgemacht.

Corona in Großbritannien: Mehr als 60.000 Tote

Johnson verteidigt sein Vorgehen als alternativlos: Ohne drakonische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werde die Todesrate im Winter „zweimal so schlimm oder noch schlimmer“ ausfallen als im Frühjahr, sagte er im Unterhaus. Die Gesamtzahl der an den Folgen einer Corona-Infektion Verstorbenen liegt der Statistikbehörde ONS zufolge bei mehr als 60 000 Menschen. Auf die Bevölkerung bezogen sind europaweit nur in Belgien und Spanien mehr Menschen mit Sars-CoV-2-Infektion gestorben als in Großbritannien.

Auch interessant

Kommentare