Ein französisches Restaurant mit leeren Stühlen im Außenbereich.
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In vielen Städten Frankreichs dürfen Restaurants nur unter Auflagen öffnen.

Corona-Krise

Corona in Frankreich: Ausgangssperren in Großstädten - Land erklärt Gesundheitsnotstand

  • vonBirgit Holzer
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  • Stefan Brändle
    Stefan Brändle
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Weil die Zahlen in Frankreich die Höhe schnellen, kündigt Staatschef Macron strengere Auflagen an.

Paris - Ausgiebiges Feiern bis in die Nacht hinein ist einem großen Teil der Franzosen künftig nicht mehr möglich. Von Samstag an gilt in der Hauptstadtregion sowie acht weitere Metropolen, darunter Lille, Lyon und Marseille, eine Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 6 Uhr – und das für mindestens vier Wochen. Damit sollen private Feiern reduziert werden, die als Hauptursache für die starke Verbreitung des Coronavirus gelten.

Für das ganze Land führt Frankreich den Gesundheitsnotstand wieder ein, der den zuständigen Präfekten weitreichende Kompetenzen, darunter auch die Entscheidung über lokale Lockdowns. Das waren die Hauptbotschaften, die Präsident Emmanuel Macron am Mittwoch Abend in einem Fernsehinterview verkündete. Eine Verschärfung der bestehenden Regeln war befürchtet worden – vor allem von den Gastronomen und Beschäftigten in der Kulturbranche. Macron versprach staatliche Hilfen für Bars und Restaurants, Kinos, Theater und andere kulturelle Einrichtungen, über die Aufrechterhaltung der großzügigen Kurzarbeiter-Regelungen hinaus.

„Ich will nicht , dass unsere Unabhängigen, unsere kleinen und mittleren Unternehmen pleite gehen“, so der Präsident. Die aktuelle Entwicklung mit ständig steigenden Infektionszahlen nannte er „besorgniserregend“: Im Schnitt werden täglich rund 20000 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Frankreich führt derzeit 1,3 bis 1,4 Millionen Tests pro Woche durch, doch die Ergebnisse lassen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung für die Labore meist mehrere Tage auf sich warten. Rund 33000 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, sind seit Ausbruch der Pandemie gestorben.

In einigen großen Städten sind bis zu 40 Prozent der Betten auf den Intensivstationen mit Covid19-Patienten belegt: Die Krankenhäuser warnen vor baldigen Engpässen, wie es sie bereits bei der ersten Welle der Pandemie in manchen Gegenden gegeben hat. Das Versprechen, die Zahl der Intensivbetten in Frankreich bis zum Herbst auf 12 000 zu erhöhen, konnte die Regierung nicht einhalten; auch fehlt es an ausreichendem Pflegepersonal. Besonders angespannt ist die Situation im Großraum Paris, wo inzwischen 413 von 100000 Einwohnern infiziert sind. Bereits vor einer Woche wurde dort der Katastrophenplan „plan blanc“ aktiviert. Er sieht vor, dass zwingend notwendige Operationen verschoben werden können, die Leitungen der Krankenhäuser dürfen auch während der anstehenden Herbstferien Urlaubssperren verhängen.

Gastronomie wehrt sich Zugleich steigt das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung. Nur gut ein Drittel der Menschen bescheinigt ihr ein gutes Krisenmanagement. Ein neuer, unabhängiger Expertenbericht zum Krisenmanagement, der auch einen internationalen Vergleich zieht, stellt der französischen Regierung kein gutes Zeugnis aus. Demnach herrscht in Frankreich ein Mangel an Abstimmung zwischen den medizinischen, wissenschaftlichen und politischen Stellen. Es fehle an Erklärung über die „Richtigkeit mancher Maßnahmen“.

Dem versuchte Macron am Mittwoch entgegenzuwirken. Ob es ihm gelungen ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Jugend- und Studentenverbände protestierten gegen die „Stigmatisierung“ ganzer Altersgruppen und sagten, einmal mehr seien es die Jugendlichen, deren Freiheit am stärksten beeinträchtigt werde. Dabei müssten sie ohnehin die Folgekosten der Corona-Krise in den kommenden Jahrzehnten berappen. Widerstand kommt auch von der Gastronomie. Hotelbedienstete und Köche blockierten am Dienstag die Pariser Ringautobahn, um zusätzliche Staatshilfen über die Kurzarbeitszuschüsse hinaus zu erwirken. Macron wird ihnen zweifellos entgegenkommen müssen. Er kann nicht gut behaupten, er tue alles für die Weiterexistenz der Wirtschaft des Landes, wenn er zugleich die Hotel- und Restaurantbranche im Regen stehen lässt. (Von Stefan Brändle und Birgit Holzer)

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