Vorbehalte

Neue Studie zeigt auf: Wer sich eher an Corona-Regeln hält – und wer nicht

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Der Politologe Reimut Zohlnhöfer über die Akzeptanz der Corona-Vorgaben in der Bevölkerung, das Zögern bei der Warn-App und verbreitete Vorbehalte gegen eine Impfung.

  • Online-Befragung: Mehr als 80 Prozent halten sich an Corona-Maskenpflicht.
  • Wähler der AfD halten sich, laut der Befragung, allerdings „tendenziell weniger an die Corona-Regeln“.
  • Hinsichtlich der Corona-Warn-App und Impfungen gehen die Meinungen in Deutschland offenbar außeinander.

Herr Zohlnhöfer, Ihre repräsentative Onlinebefragung hat ergeben, dass erstaunlich viele Menschen in Deutschland die Anti-Corona-Maßnahmen befolgen. Mehr als 80 Prozent halten sich demnach immer oder meistens an die Maskenpflicht, Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen. Welche Faktoren sind denn für dieses Verhalten ausschlaggebend?

Zunächst einmal handelt es sich dabei um Selbstauskünfte. Wir haben natürlich das tatsächliche Verhalten der Menschen nicht beobachtet. Offenbar befolgen aber bestimmte Gruppen eher die staatlichen Vorgaben. Dazu gehören beispielsweise ältere Menschen. Auch Einstellungen spielen eine Rolle. Die Befragten, die mit der Demokratie zufrieden sind, halten sich stärker an die Corona-Regeln. Das gilt auch für diejenigen, die der Meinung sind, man müsse Gesetzen grundsätzlich Folge leisten. Außerdem haben wir noch herausgefunden, dass AfD-Wähler sich tendenziell weniger an die Corona-Regeln halten. Bei den anderen Parteien haben wir diesen Effekt nicht feststellen können.

Bei Demos gegen die Corona-Regeln versammelten sich diverse Verschwörungstheoretiker. Was wissen Sie über diese Gruppierungen?

Da wir einen Psychologen im Team haben, wurde auch die Verschwörungsmentalität abgefragt. Da zeigt sich, dass beispielsweise Menschen, die glauben, dass Geheimorganisationen die Politik kontrollieren oder dass Dinge zusammenhängen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben, weniger bereit sind, die Corona-App zu installieren oder sich impfen zu lassen.

Reimut Zohlnhöfer ist Professor für Politische Wissenschaft an der Uni Heidelberg.

Corona-Regeln in Deutschland: Nur relativ wenige Menschen haben Angst krank zu werden

Warum befolgen denn mehr Frauen als Männer die Regeln?

Der Effekt ist nicht riesig, Frauen und Männer verhalten sich nicht fundamental anders. Allerdings behaupten etwas mehr Frauen von sich, den Regeln zu folgen. Eine mögliche Erklärung könnten die klassischen Rollenbilder sein, wonach Frauen sich mehr als Männer an Vorgaben halten müssen.

Welchen Einfluss hat denn die Furcht vor Strafen und Kontrollen durch Polizei und Ordnungsamt auf das Verhalten?

Das hat Auswirkungen. Weniger als die Hälfte der Befragten hält es allerdings für wahrscheinlich, dass sie erwischt werden. Diese Einschätzung variiert aber zwischen den einzelnen Bundesländern. Eine wichtigere Rolle spielt aber die Vorstellung, wie schlimm es ist, wenn man erwischt wird. Dabei kann es sowohl um die sozialen als auch um die staatlichen Sanktionen gehen. Somit scheint die Logik, die Bevölkerung sowohl zu informieren als auch im Fall von Regelbrüchen Strafen anzudrohen, ein Stück weit zu funktionieren.

Stimmt der Abstand? Kontrollgang am Aileswasensee in Neckartailfingen. Thomas Kienzle/afp

Hängt die Bereitschaft, Regeln zu befolgen, auch mit der persönlichen Risikobewertung zusammen, ob man selbst schwer an Covid-19 erkranken könnte?

Ein Ergebnis der Studie ist, dass nur relativ wenige Menschen in Deutschland Angst haben zu erkranken. Zwei Drittel, die überwiegende Mehrheit, hält das für unwahrscheinlich. Dabei haben wir nur diejenigen berücksichtigt, die nicht bereits selbst oder deren Familienangehörigen nicht mit dem Coronavirus infiziert waren. Diese Einstellung spielt zum Beispiel eine wesentliche Rolle bei der Bereitschaft, sich impfen zu lassen. Diejenigen, die es für unwahrscheinlich halten, dass sie oder ihre Familie erkranken, sind weniger bereit, den Impfstoff zu nehmen, sofern er verfügbar ist. Nötig wäre in dem Fall vielleicht mehr Öffentlichkeitsarbeit, damit sich mehr Menschen impfen lassen.

Corona-Regeln: Jeder Vierte will sich nicht impfen lassen

Ihre Befragung hat ergeben, dass jeder Vierte sich nicht impfen lassen will. Das ist eine bedenklich hohe Zahl.

Die Impfgegner sind weniger zufrieden mit der Demokratie und der Corona-Politik der Bundesregierung. Darüber hinaus haben sie weniger Vertrauen in die Wissenschaft und die Medien.

Ein ganz wichtiger Punkt ist offensichtlich doch das Vertrauen. Letztlich entscheidet sich an dieser Grundeinstellung, wie sich der Einzelne während der Pandemie verhält, wie er die Maßnahmen umsetzt und ob er sich impfen lässt.

Es ist völlig richtig, das Vertrauen spielt eine große Rolle. Was mich als Politologen sehr überrascht, ist, dass es dabei gar nicht so sehr um das Vertrauen in die jeweilige Landesregierung, die Bundesregierung oder den Bundestag geht, sondern vielmehr um das Vertrauen in die Medien und die Wissenschaft sowie das zwischenmenschliche Vertrauen. Die Ausbreitung und Übertragung des Virus lässt sich ja für die Bürgerinnen und Bürger nicht beobachten, so dass wir auf die Einschätzungen der Experten angewiesen sind. Menschen, die diesen Experten nicht trauen, denken, dass sie sich an die Corona-Regeln dann auch nicht halten müssen, die auf der Expertise von Wissenschaftlern basieren.

Bei der Corona-Warn-App gehen die Meinungen in der Bevölkerung offenbar ebenfalls weit auseinander. Welche Ergebnisse lieferte Ihre Umfrage?

Ein erheblicher Anteil der Menschen hat die App bereits installiert oder will dies noch tun. Allerdings wollen auch rund 30 Prozent die App auf keinen Fall nutzen und zehn Prozent geben an, die App aus technischen Gründen oder weil sie kein Smartphone besitzen, nicht herunterladen zu können. Bei bis zu 40 Prozent der Bevölkerung ist also nicht ohne Weiteres zu erwarten, dass sie das Warnsystem nutzen. Das ist ein nennenswerter Anteil, der noch davon überzeugt werden müsste oder der beträchtliche Anreize benötigt, die App doch noch einzusetzen.

Akzeptanz von Corona-Einschränkungen: Zwei Drittel halten Schließung von Schulen und Kitas für richtig

Wie hoch ist die Akzeptanz, dass die Grundrechte während der Pandemie vorübergehend eingeschränkt wurden?

Gut 70 Prozent sind bereit, das zu akzeptieren. Dagegen hält jeder Vierte die Einschränkungen eher oder überhaupt nicht für gerechtfertigt. Während 46 Prozent dagegen waren, dass weitreichende Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung auch ohne Zustimmung des Bundestags beschlossen werden, sprachen sich immerhin 43 Prozent dafür aus. Fraglich ist, ob die letztere Einstellung auf Dauer für die Demokratie förderlich ist. Der größere Teil ist jedoch überzeugt, dass Gerichte die Rechte der Bürgerinnen und Bürger wirksam schützen.

Ist es nicht ein Widerspruch, dass zwei Drittel der Befragten die Schließung von Kitas, Schulen und Geschäften für richtig halten, aber 52 Prozent angeben, dass sie den wirtschaftlichen Schaden der Anti-Corona-Maßnahmen als größer einschätzen als deren Nutzen?

Dazu kann ich noch keine abschließende Erklärung abgeben, da wir uns die Daten noch genauer anschauen müssen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die Zeitdimension hierbei den Ausschlag geben könnte, also dass die Menschen die Maßnahmen im Prinzip für richtig halten, aber sich eine frühere Lockerung gewünscht hätten.

Interview: Franziska Schubert

Rubriklistenbild: © THOMAS KIENZLE/AFP

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