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Man kann alles von zwei Seiten sehen, auch die Aufklärung. Und die Natur

FR-Serie „Die Welt nach Corona“

Ein gutes Leben ist möglich! Nach dem „Lockdown“ stehen wir jetzt vor politischen Weichenstellungen 

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Warum Corona die Chance bietet, jenseits ökonomischer, technologischer und wissenschaftlicher Diktate die europäische Tradition der Aufklärung zu erneuern.

  • Die Corona-Krise bleibt weiterhin omnipräsent
  • Nach dem „Lockdown“ stehen wir jetzt vor politischen Weichenstellungen
  • Vor allem müssen wir entscheiden, wie das gesamtgesellschaftlichen Leben weiter funktioniert

Hitze, Stürme, Hochwasser. Artensterben, Gletscherschwund und Heuschreckenplagen. Schweinepest, Krebs, und jetzt: Corona. Man mag sich an die biblischen Plagen erinnert fühlen, doch der innere Zusammenhang dieser unterschiedlichen Krisenphänomene lässt sich auf einen Begriff bringen: das Anthropozän. Als Anthropozän wird jene Erdepoche bezeichnet, die in den 1950er Jahren angebrochen ist und in der der Mensch einen wichtigen Faktor in den biologischen, geologischen und atmosphärischen Erdprozessen bildet.

Corona in Deutschland: Kritik unserer gegenwärtigen Krisengestaltung

Bereits zu Beginn dieser Erdepoche haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer das biopolitische Muster des Anthropozäns auf den Begriff der „Dialektik der Aufklärung“ gebracht: im Streben nach Lebenserhalt haben wir ein System der Naturbeherrschung geschaffen, dessen Eigendynamik neue Abhängigkeiten und Krisen hervorbringt. In Bezug auf den Klimawandel ist der Begriff des Anthropozäns in den letzten Jahren häufig gefallen. Wenn wir auch unsere gegenwärtige Corona-Krise im Horizont des Anthropozäns verstehen, verschaffen wir uns nicht nur Möglichkeiten der Analyse und der Kritik unserer gegenwärtigen Krisengestaltung, sondern wir können darüber hinaus in konstruktiv-gestalterischer Hinsicht auch politische Lernprozesse skizzieren, in denen wir inmitten der Krise zugleich erste Ansätze zu einem alternativen Anthropozän ausbilden: einem Anthropozän, in dem die von Adorno und Horkheimer diagnostizierte Dialektik der Aufklärung unterlaufen wäre.

Corona: Die Corona-Pandemie in einem größeren Kontext 

Der Blick auf den Gesamtzusammenhang des Anthropozäns reiht die gegenwärtige Corona-Pandemie in den weiteren Kontext unseres Naturverhältnisses ein. Zugleich tritt das Ineinandergreifen von Lebenserhalt, Lebensbemächtigung und Lebensökonomisierung als Muster unserer gegenwärtigen Krisenbewältigung hervor. Alle Anstrengungen der Pandemiebekämpfung, die wir in den letzten Wochen getätigt haben und in nächster Zukunft wahrscheinlich noch tätigen werden – vom Schließen der Schulen, der öffentlichen und kulturellen Einrichtungen, Geschäfte, Restaurants über die Grenzschließungen im Schengenraum bis zu den Tracking-Apps – sind auf das Ideal des Lebenserhalts ausgerichtet: Leben vor der Vernichtung durch das Virus zu retten. Dabei überantworten wir die Lebensrettung dem modernen Gesundheits- und Medizinsystem. Den Virologen sprechen wir die Kompetenzen zu, die Krise richtig zu analysieren; den Intensivmedizinern, Covid-19-Patienten am besten zu begleiten. Damit übernehmen wir in unserer Krisenbewältigung aber die biopolitischen Muster, die sich im Zuge des modernen Gesundheits- und Medizinsystems ausgebildet haben: Leben um seines Erhalts willen immer weiter – man denke an die intensivmedizinische Reanimation – in die menschliche Verfügungsmacht einzubeziehen; und diese Anstrengungen der Lebensbemächtigung um seines Erhalts willen unter ökonomischen Maßgaben zu verfolgen.

Corona in Deutschland: Die Krisenbewältigung hat ihren Preis 

Unsere gegenwärtige Krisenbewältigung hat ihren Preis: inner- wie außermedizinisch. Unsere allein intensivmedizinische Begleitung von Covid-19-Patienten beschwört nicht nur die Gefahr der Triage herauf; in ihr wiederholt sich auch ein medizinethisches Problem, das seit Jahren kritisch diskutiert wird: dass die intensivmedizinische Bewahrung des Lebens nicht mehr notwendig mit einer entscheidenden Verbesserung des körper-leiblichen Gesamtbefindens zusammenfallen muss. Solch ein herausgezögertes Sterben ereignet sich in der Gegenwart immer wieder bei Covid-19-Patienten, die beatmet werden.

Olivia Mitscherlich-Schönherr lehrt Philosophische Anthropologie mit Schwerpunkt auf Grenzfragen des Lebens an der Hochschule für Philosophie in München.

Aber auch jenseits des Medizinsystems ist unsere biopolitische Bewältigung der aktuellen Krise nicht unproblematisch. Nicht nur läuft unsere Krisenbewältigung in der Gegenwart Gefahr, in ihrer alleinigen Fokussierung auf den Virus die anderen Krisen des Anthropozäns – insbesondere die Klimakrise – zu vergessen, denen wir hier und jetzt ebenfalls ausgesetzt sind, und die uns noch in ganz anderem Umfang bedrohen. Darüber hinaus droht unsere politische Krisenbewältigung in einen paternalistischen Politikstil zu kippen, der in Anleitung durch die Experten aus dem Medizinsystem „durchregiert“; dem öffentliche Debatten primär noch dazu dienen, in der Bevölkerung Akzeptanz für die beschlossenen Eingriffe in die Freiheitsrechte zu schaffen; und der in den Digitaltechnologien ein effektives Mittel zur Hand hat, um Ansteckungsketten zu verfolgen und die Einhaltung der Quarantänemaßnahmen zu überwachen.

Corona in Deutschland: Wir drängen Menschen in die Vereinsamung

Und schließlich bringt auch die Form der Solidarität, die wir gegenwärtig ausüben, eigene Ambivalenzen hervor. Die gemeinschaftliche Solidarität der Fürsorge für unsere Nächsten, die wir in unseren Maßnahmen der sozialen Distanzierung praktizieren, läuft Gefahr, in Mechanismen der Normalisierung und des Ausschlusses zu kippen: Wir drängen Menschen – insbesondere die vulnerablen Gruppen der Alten und Vorerkrankten – in die Vereinsamung, überlassen Kinder zerrütteten Familienstrukturen, zerstören die Existenzgrundlage vieler Berufsgruppen, vergessen die Flüchtlinge an der griechisch-türkischen Grenze und häufen Schuldenberge an, die unsere Kinder werden schultern müssen.

Unsere biopolitische Krisenbewältigung ist nicht alternativlos: weder in ihrem Naturverhältnis noch in ihrer Form der politischen Entscheidungsfindung. Nach dem „Lockdown“ stehen wir jetzt – am Beginn der „Protection“-Phase – vor politischen Weichenstellungen. Jenseits von ökonomischen, szientistischen und technologischen Diktaten können wir bei der weiteren Gestaltung der epidemiologischen Krise die europäische Tradition der Aufklärung erneuern – und erste Ansätze zu einem alternativen Anthropozän ausbilden, mit denen wir das Auseinanderdriften von Lebenserhalt und gutem Leben unterlaufen.

Corona: Debatte über das gesamtgesellschaftlichen Leben

Politisch ginge es zunächst darum, pluralistische Formen der Krisenbewältigung auszubilden, in denen das Wissen der unterschiedlichen natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen in die demokratischen Debatten eingespeist wird – anstatt entweder abgewehrt oder als Herrschaftsinstrument benutzt zu werden. In den kommenden Wochen und Monaten können und sollten wir – als Kinder, Eltern, Junge, Alte, Erkrankte, Gesunde, Agnostiker, Gläubige mit unterschiedlichsten Berufen und Lebensmodellen – über eine gute Gestaltung unseres gesamtgesellschaftlichen Lebens unter den Bedingungen der Pandemie debattieren.

In solchen pluralen Debatten können wir unsere Analysen der Corona-Krise, unsere Analysen der politischen Krisenbewältigung und unsere normativen Leitprinzipien aneinander abgleichen. Auf diese Weise können wir inmitten der aktuellen Krise politische Lernprozesse durchlaufen, in denen wir unterdrückte Aspekte des Guten zur Sprache bringen und in unsere künftige Lebensgestaltung einbeziehen. Damit können wir zugleich unsere Form der Solidarität in der Krise demokratisch erweitern. Jenseits unserer gegenwärtig getätigten, gemeinschaftlichen Solidarität bestünde eine genuin demokratische Solidarität nämlich genau darin: dass wir miteinander um eine Vervollkommnung unserer politischen Ordnung ringen, in deren Gestalt wir uns wechselseitig zum Verfolgen unserer pluralen Vorstellungen eines guten Lebens unter den Bedingungen des Anthropozäns befähigen.

Corona in Deutschland: Die ganzheitliche Erweiterung

In der anstehenden Debatte über eine Neuordnung unseres Gesundheits- und Medizinsystems ist meines Erachtens die vorherrschende Annahme zu überdenken, dass eine gute Begleitung von Covid-19-Patienten primär von der Intensivmedizin geleistet wird. Statt uns in die Fehlalternative bannen zu lassen, entweder das System des intensivmedizinischen Herauszögerns des Sterbens weiter auszubauen oder in utilitaristischer Manier Richter über Leben und Tod zu spielen, sollten wir vielmehr eine andere Bewegung weiterverfolgen, die wir unter unseren Corona-Ängsten vergessen haben: die ganzheitliche Erweiterung (nicht: Ersetzung) der Begleitung von alten, schwer kranken und sterbenden Menschen im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Sorge-Kultur, in der auch das Wissen der Palliativmedizin, der Hospizbewegung und der An- und Zugehörigen gehört wird.

Corona-Krise: Menschen im Sterben begleiten 

Im Rahmen einer solchen Sorge-Kultur könnten wir Menschen in ihrem individuellen Sterben begleiten und hoffentlich nicht isoliert von denjenigen sterben lassen, von denen sie sich hätten verabschieden wollen – und wir könnten selbst „gewinnen“, indem wir uns mit unserer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

In den Debatten über die wirtschaftlichen Wiederaufbauprogramme der kommenden Monate sollten wir das Ziel überdenken, zur Vor-Corona-Zeit zurückzukehren – um entweder dafür einzutreten, nach dem „Gießkannenprinzip“ alle gesellschaftlichen Gruppen ein bisschen zu unterstützen, oder unsere Hilfen auf die Stakeholder der neoliberalen Wirtschaftsordnung zu konzentrieren. Blieben wir darin doch der überkommenen Wirtschaftsordnung in den Bahnen der Naturbeherrschung und -ausbeutung verpflichtet.

Coronavirus in Deutschland: Die Lehre aus den letzten Wochen 

Vielmehr sollten wir diese Lehre aus den Erfahrungen der letzten Wochen ziehen: dass die Krisen des Anthropozäns nicht abstrakt bleiben, sondern in Mitteleuropa ankommen und uns unter anderem auch enorme wirtschaftliche Einbußen abverlangen; dass die neoliberale Marktordnung zu den gegenwärtigen Krisen mitbeigetragen hat, indem wir uns in Abhängigkeit von Billigwaren verstrickt haben, die außerhalb unseres Blickfeldes unter Verletzung basaler Sozial- und Umweltstandards hergestellt werden; und dass auch unsere neoliberalen Wirtschaftsprinzipien politisch eingeschränkt werden können, wenn sie ihrem übergeordneten Zweck des Lebenserhalts ganz offensichtlich nicht dienen.

Von diesen Erfahrungen sollten wir uns zu einer demokratischen Neuordnung unserer Wirtschaftspolitik motivieren lassen, die Umwelt- und Sozialstandards auf nationaler, europäischer und globaler Ebene durchsetzt: indem bei der Vergabe der Corona-Fördermittel nur solche Unternehmen berücksichtigt werden, die diese Standards in all ihren globalen Produktionsstätten einhalten; indem Europa als der Wirtschaftsraum, in dem wir die Einhaltung dieser Standards festsetzen und kontrollieren können, durch Corona-Bonds sowie die Förderung ansässiger Produktionsstätten gestärkt wird; und indem im europäischen Außenhandel Abgaben auf solche Waren erhoben werden, deren Produktion den europäischen Umwelt- und Sozialstandards nicht genügen.

Nebenbei verhielten wir uns mit diesen unterschiedlichen Ansätzen zu einem alternativen Anthropozän auch solidarisch mit den kommenden Generationen, über deren Welt wir in unserer gegenwärtigen Krisengestaltung mitentscheiden.

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr

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