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Wer hilft wem? Gute Frage, nicht nur im Moment der Gefahr. 

Die Welt nach Corona

Systemrelevante Berufe: Klatschen ist gut, ordentlich bezahlen ist besser

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  • Andreas Streinzer
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Ob in der Familie oder im Supermarkt: Die Krise bringt zutage, wie sehr wir von schlecht oder gar nicht bezahlten Menschen abhängig sind. Es ist nicht nur Zeit, sie angemessen zu entlohnen – möglich ist es auch.

Die Krise trifft alle, aber alle trifft sie anders. Die einen sehen das Ende der bekannten Zeit, die anderen wundern sich über die krisenunerprobten Mitteleuropäer*innen. Die einen strotzen vor Souveränitätsbehauptung, die anderen vor Angst und Sorge. Die einen nutzen den Balkon zur Entschleunigung, die anderen schützen sich vor der Sonne auf der Baustelle. Alle betroffen, aber nicht alle existenzbedroht – so weit die „neue Normalität“.

Was könnte nun anders, gerechter werden nach der Krise? Die Forschung über Wirtschaftskrisen und Rezessionen kann ein Wegweiser sein, welche wirtschaftlichen und politischen Weichen gestellt werden und welche davon in eine womöglich bessere Gesellschaft führen können. In unserer Skizze schöpfen wir aus eigenen Forschungsarbeiten, etwa zu Ungleichheit in Mitteleuropa oder der Wirtschaftskrise in Griechenland, und aus Analysen des laufenden „Versus-Corona“-Projekts am Institut für Sozialforschung und der Goethe-Universität.

In der Corona-Krise zeigt sich, wer wen versorgt

„Versorgung“ ist ein zentraler Begriff der Wirtschaftsanthropologie, und in der Krise zeigt sich, weshalb. Scheinbar plötzlich wird sichtbar, wie viel Arbeit für die Ermöglichung eines „normalen“ Lebens notwendig ist, damit der Spargel auf dem Teller landet oder das Kind die Mathe-Hausübung versteht. Gibt es eine Kita und bringt jemand die Kinder hin? Wer tröstet die Freund*innen, wer pflegt die Schwiegermutter?

Solche Fragen sind alles andere als neu, und bei so manchen Sozialwissenschaftler*innen regt sich Frustration, dass diese zum kapitalistischen Alltag gehörenden Prozesse nun scheinbar Überraschung auslösen. Soziale Infrastrukturen verbinden den Küchentisch mit Erntearbeiter*innen, Paketbot*innen, Supermarkt-Mitarbeiter*innen und Pflegekräften, die nun überall aus Fenstern und Balkonen beklatscht werden. Gut wäre, wenn es nicht bei wackligen Handyvideos und gerührten Nachbar*innen bleibt, sondern die oft existenziell sehr schwierigen Lagen der versorgungsrelevanten (Haus-)Arbeiter*innen verbessert werden.

Gerade im Sichtbarmachen dieser alltäglichen Versorgungspraktiken liegt das Potenzial zur Veränderung – durch ihr Erkennen und Erleben und durch die neuen Formen von Zusammenhalt, Solidarität und Unsicherheit, die vielen zeigen, dass eine Gesellschaft mehr ist als ein ewiger Wettbewerb. Wir sind aufeinander angewiesen. Wie wir das jetzt und in Zukunft leben, müssen wir mitentscheiden.

Helfer in der Pandemie: „Die Familie“ soll es richten

In Katastrophenfilmen wird oft ein bizarres Bild krisenhafter Zustände gezeichnet: In wieder beliebten Klassikern wie „Contagion“ plündern panische Massen die Supermärkte und einsame Helden schießen sich den Weg frei. Weit daneben. Die Held*innen der Pandemie sind andere – sie scannen geduldig an den Kassen, schleppen Einkäufe zu Risikogruppen, ziehen in Altersheime zu ihren Klient*innen. Sie harren stundenlang am Telefon aus und beruhigen verängstigte Freund*innen. Sie ticken nicht aus, sondern sie ticken die To-Do-Liste der Versorgung ab. All das ist Arbeit.

Wirtschaftswissenschaftler*innen weisen schon lange auf den gesellschaftlichen Wert unbezahlter Arbeit hin – laut der Ökonomin Mascha Madörin ist die Summe der unbezahlt geleisteten Arbeit sogar mehr wert als jene, die in der formalen Wirtschaft erbracht wird. Häufig ist der Wert von Arbeit nicht nur in Geld zu bemessen, sondern entscheidet über Leben und Tod. Deutlich wird das am Beispiel der USA, wo die Pandemie von einem einzigen Pflegeheim ausgegangen war, weil die Pflegekräfte dort so wenig verdienen, dass sie in mehreren „Jobs“ arbeiten mussten und das Virus so weiter verbreiten konnten.

Scheinbar automatisch wird bei Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 davon ausgegangen, dass „die Familie“ einspringt. Von „Home Schooling“ bis zur Kita-Schließung erblüht die Vorstellung der Kleinfamilie als nützliches Arbeitsreservoir vor allem von Frauen, die mal so nebenbei Kinderbetreuung, Haushalt und Altenpflege organisieren können. In einer Pandemie, wohlgemerkt.

Pandemie – so teuer wie nie

1,137 Billionen Euro stellt der deutsche Staat für wirtschaftliche Maßnahmen bereit. Die Europäische Zentralbank (EZB) erweitert ihr Anleihenprogramm um 750 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor der größten Rezession der Geschichte und stellt ebenfalls Unsummen bereit. Die Rede ist von Geld. Viel Geld.

Bald wird sich die Frage aufdrängen, woher dieses Geld kommt und ob, beziehungsweise von wem, es zurückgezahlt werden muss. In der zeitgenössischen Finanzarchitektur müssen sich Regierungen bei profitorientierten Finanzfirmen (mit-) finanzieren. Zentrale Frage wird sein, wie dieses Verhältnis zwischen „den Märkten“, Finanzinstitutionen wie IWF oder EZB und den Regierungen gestaltet wird. Man sieht heute an den Diskussionen um Eurobonds, welche Bruchlinien diese Frage aufwirft. Das Neue an dieser Krise ist wohl, dass alle Regierungen hohe Schulden werden aufnehmen müssen, weit höher als etwa in der Eurokrise oder der Finanzkrise nach 2007/2008.

Ein in der Griechenlandkrise oft gehörtes Sprichwort lautet in etwa so: „Schuldest du der Bank 1000 Euro, gehörst du der Bank. Schuldest du ihr eine Milliarde, dann gehört die Bank dir!“. Die aufgenommenen Summen werden so hoch sein, dass die Banken „uns“ gehören könnten. Gelingt eine entsprechende Koordination nicht, dann geraten die Staaten in Wettbewerb – um niedrige Zinsen, günstige Rückzahlbedingungen und so weiter – und was das bedeuten kann, hat die Eurokrise deutlich gezeigt. Überschuldete Länder mit schlechteren Kreditbedingungen werden gezwungen, noch mehr von ihrer Daseinsvorsorge zu privatisieren. Es droht eine Radikalisierung von Sparprogrammen, und die günstigen Kredite werden die Reicheren den Ärmeren wegschnappen wie heute die Lieferungen von Atemmasken.

Auch in der Corona-Krise: Das Geld ist da, aber wo geht es hin?

Anna Wanka ist Dozentin für Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Schließlich macht die Corona-Krise mehr Menschen einen der zentralen Widersprüche des Kapitalismus klar: Nie gab es mehr verfügbares Kapital als heute, jede Armut ist menschengemacht. Milliardär*innen rufen zum Crowdfunding für ihre Arbeiter*innen auf. Unternehmer, die vorher mit Hohn über Armut gesprochen haben, gerieren sich als Opfer, denen nach drei Wochen Krise das Geld ausgeht. Sportstars und Vorstände verzichten nicht auf Millionen-Boni, aber wenn es um einen Extra-Hunderter für ALG-II-Bezieher*innen geht – wieder zur Erinnerung: während einer Pandemie –, klappt die Geldbörse ganz schnell wieder zu.

Derartige Ungleichheiten sind Unrecht und einer reichen Welt nicht würdig. Das gilt für alle, deren Existenzen von der Krise weggefegt werden, für Obdachlose, Flüchtlinge und alle anderen, denen der Zugang zu der wichtigsten versorgungsrelevanten Ressource – Geld – verwehrt ist. Zwei Maßnahmen können Abhilfe schaffen: stark progressive Einkommenssteuern und ein ordentliches Grundeinkommen für alle.

Andreas Streinzer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Die sozialwissenschaftliche Forschung über Rezessionen zeigt, was sonst in großem Ausmaß droht: Irgendwann geht nahezu allen der Reihe nach das Geld aus. Geschäfte schließen, Einkommen fallen, Haushalte sparen, Kredite werden nicht mehr bedient, Banken geraten in die Kreditklemme, Regierungen retten sie und zahlen so ohnehin, was ein Grundeinkommen mit viel weniger Leid schon heute erreichen könnte.

Mehr Zwietracht wagen

Diese bisher genannten Visionen – adäquate Bezahlung versorgungsrelevanter Arbeit, Koordination der Regierungsschulden, Umverteilung und Grundeinkommen – werden nicht automatisch kommen. Seit Jahren zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Menschen solche Maßnahmen befürwortet. Viele aber stellen Forderungen jetzt hintan, denn: „Wir“ müssen jetzt an einem Strang ziehen. Doch der Krisenkorporatismus des „Wir“ wird nicht lange bestehen: auf die Eintracht folgt Zwietracht.

In vielerlei Hinsicht ist das gut, denn eine Rückkehr zur „Normalität“ soll es nicht geben, wenn das für viele miese Entlohnung und Hunger bedeutet, wenn Menschen an den Grenzen sterben und „wir“ es in Kauf nehmen. Hier ist zielgerichtete Zwietracht wichtig. Letztendlich steht das gesellschaftliche Versorgungssystem wieder einmal an einer Weiche und wieder einmal stellen sich grundsätzliche Fragen darüber, was wir eigentlich wollen. Und wie und ob es in diesem System zu erreichen ist.

Was diese Krise verstärken kann, ist die Bereitschaft vieler, bestimmte Selbstverständlichkeiten noch deutlicher zu kritisieren und – entscheidend – für ihre Überwindung zu kämpfen. Care-Streiks gehörten in den letzten Jahren zu den größten Demonstrationen weltweit, getragen von der Hoffnung, dass solche Kämpfe um Fürsorge zu höherer Anerkennung und Entlohnung führen könnten. Was nicht passieren darf, ist, dass genau bei jenen heute als systemrelevant bezeichneten Gruppen gespart werden wird, wenn morgen – nach Ende der Wirtschaftshilfen – der Kassensturz kommt.

Kurzum: Was ist morgen wichtiger, das normale Leben mit Spargel am Tisch und dazu Flucht und Rezession in der Zeitung – oder eine Welt, in der Menschen lebenswert leben und für das, was sie für die Versorgung tun, auch ordentlich entlohnt werden? Klatschen ist gut, aber letztlich kommt es darauf an, sich politisch für jene zu engagieren, die in der Krise – und nach der Krise – die neuen „normalen“ Lebensweisen ermöglichen.

Von Anna Wanka und Andreas Streinzer

Die Serie

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung?

Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren haben ihre Teilnahme zugesagt, etwa die Philosophinnen Nancy Fraser und Rahel Jaeggi sowie der Erfolgsautor Paul Mason.

Die Autoren

Unter dem Titel „Versus-Corona“erforschen die Autorin und der Autor am Institut für Sozialforschung der Goethe-Universität in Frankfurt Veränderungen in Versorgungsnetzwerken von Privathaushalten . Das Projekt sucht unter anderem in Befragungen danach, welche Voraussetzungen bestimmte Lebensweisen haben, wer was dafür arbeiten muss, wie Güter und Dienstleistungen erbracht werden und welche Anerkennungs- und Umverteilungsaspekte zu berücksichtigen sind.

Wer teilnehmen will, findet Informationen unter https://www.soscisurvey.de/versus-corona/

Mit einem Phasenmodell macht die indische Ärztin Monika Langeh Mut, die Corona-Krise als Chance für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Sie erklärt, worauf es dabei ankommt.

In einem viralen Video klagen systemrelevante Migrantinnen und Migranten die Doppelmoral in der Corona-Krise an. 

Um die Corona-Pandemie zu überstehen braucht es Wissenschaft ohne nationale Grenzen. Deutschland muss beim Schutz ihrer Freiheit ein Vorbild sein.

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