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Trügerische Leere: In manchen Vierteln New Yorks sind trotz Corona weiterhin viele Menschen unterwegs. 

USA

Corona in New York: Erfahrungsbericht - Mitten im Katastrophengebiet

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FR-Autor Sebastian Moll lebt seit 20 Jahren in New York. Jetzt fürchtet er um sein Leben – Erlebnisse im Zentrum der Pandemie um Corona.

New York - Wenn es Frühling wird, bin ich gewöhnlich besonders froh, dass ich in Harlem lebe und nicht weiter Downtown, in Bezirken, die durchgentrifiziert sind und in denen die Menschen eines Wohnblocks den Blick senken und den Schritt beschleunigen, wenn sie aneinander vorbeilaufen. Wenn die Temperaturen hier oben, nördlich der 125ten Straße, ansteigen, dann strömen die Menschen auf die Straße und feiern ein Wiedersehen nach den langen kalten Monaten in den eigenen vier Wänden. Man sitzt abends auf den Treppenstufen vor den Häusern, die Musik wird aufgedreht, die Kinder spielen auf der Straße Ball. Und ja, die Drogendealer stehen auch wieder an der Ecke.

Diese Tage überkommen mich jedoch ganz andere Gefühle als sonst, wenn das Stimmengewirr der Straße die drei Stockwerke zu mir heraufdringt. Anstatt Freude über das Wiedererwachen des Viertels zu empfinden, überwältigen mich Wut und Panik. Wie überall in den weniger wohlhabenden Teilen der Stadt beachtet hier kaum jemand die Quarantäne-Vorschriften. Von meinem Hauseingang zur Bodega an der Ecke zu kommen und dabei mindestens einen Meter Abstand zu den Menschen zu halten, ist zu einem komplizierten Tanz geworden, der Planung und Geschick erfordert.

Corona: New York hat bereits 26000 Fälle

Bis vor einer Woche konnte ich das noch mit einem gewissen Maß an Humor nehmen. Ich hatte sogar eine gewisse Sympathie für den anarchischen Geist der Regelmissachtung. Doch seither ist die Lage in New York bitterernst geworden. Am vergangenen Freitag erreichte die Zahl der bestätigten Corona- Fälle in New York 26 000. Das waren über 1000 mehr als noch am Morgen. Am Freitagabend waren 450 Menschen in der Stadt gestorben, 84 sind es allein an diesem Tag.

New York ist nun offiziell das Epizentrum der Pandemie, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Die USA haben seit Freitag mehr Coronafälle als China und Italien und ein Drittel davon kommen aus New York. Nirgendwo ist es so schlimm wie hier.

Noch vor einer Woche hatte man sich mit einiger Zuversicht in der Quarantäne eingerichtet. Für einen Heimarbeiter wie mich würde sich ohnehin nicht viel am Alltag ändern, man würde halt den Einkauf ein wenig besser planen und die Hände waschen müssen. Und als Journalist gibt es ja jetzt viel zu tun. Man hat die Krise als interessierter Beobachter betrachtet.

In New York ist Corona außer Kontrolle geraten

Doch plötzlich sind wir alle in einem Katastrophengebiet. Inzwischen kennt jeder in New York jemanden, der sich das Virus eingefangen hat. Man liest aus den Erzählungen auf Facebook, wie schlecht es den Leuten damit geht. Die Sorge, dass man morgen selbst an einem Beatmungsgerät hängen könnte, ist sehr greifbar geworden.

Das Schlimmste daran ist jedoch der Eindruck, dass die Dinge völlig außer Kontrolle geraten sind. Die Infektionszahlen schießen trotz Ausgangssperre ungebremst in die Höhe. Und keiner der Verantwortlichen scheint auch nur ansatzweise einen Plan zu haben, wie die Epidemie in den Griff zu kriegen ist. Die Kavallerie, die in jedem guten Western erscheint, wird diesmal nicht kommen.

Ich habe einen solchen Systemzusammenbruch schon einmal erlebt. Vor 15 Jahren war ich in New Orleans, um über den Hurrikan „Katrina“ zu berichten. Auch damals haben die Leute vergeblich auf Rettung gewartet. In überschwemmten Häusern, in Stadien und Kongresszentren und in Krankenhäusern, in denen es am Ende keinen Strom und kein Wasser mehr gab – und die Leute elend zugrunde gingen. Auch damals kam niemand zu Hilfe. Der Abbau des Staates, der in den USA in den 1980er Jahren mit Ronald Reagan begonnen hatte, trug bittere Früchte.

Coronakrise in den USA: „Ich will nicht in einem Messezentrum sterben“

Damals habe ich das Geschehen als Reporter von außen betrachtet. Jetzt bin ich mitten drin. Jeden Tag schaue ich wie viele andere auf die Zahlen der Neuinfektionen in der Stadt, die Karten mit der Ausbreitung in den verschiedenen Bezirken. Jeden Tag stelle ich die Rechnung an, wie die Chancen sind, ungeschoren durch die Sache durch zu kommen. Und jeden Tag werden sie schlechter.

Die größte Furcht der meisten New Yorker ist jetzt, in ein Krankenhaus zu müssen. Eine befreundete Journalistin, die seit zehn Tagen mit Covid-19 zu Hause liegt, schreibt: „Meine größte Sorge ist, dass die Symptome schlimmer werden und ich rechtzeitig zum Höhepunkt des Ausbruchs in einem überfüllten Hospital lande oder schlimmer noch in Javits Messezentrum, das jetzt in ein Notkrankenhaus umgewandelt wird. Ich will nicht in einem Messezentrum sterben.“

Der Höhepunkt des Ausbruchs, so wird vorhergesagt, ist etwa drei Wochen entfernt, also Ostern. Genau der Zeitpunkt, zu dem Donald Trump die USA wieder „fürs Geschäft“ öffnen will. Bis dahin, so die Vorhersage, wird New York 140 000 Krankenhausbetten brauchen. Derzeit stehen 53 000 zur Verfügung.

In vielen Krankenhäusern ist schon jetzt der Betrieb zusammengebrochen. So kursierte am vergangenen Donnerstag ein schockierender Bericht der „New York Times“ aus einem Krankenhaus im Stadtteil Elmhurst, in dem die Ärzte verzweifeln. Wegen des Ansturms von Erkrankten musste man dort ein Zelt aufbauen, um die Neuaufnahmen zu behandeln. Infizierte von nicht-infizierten Patienten zu trennen, ist unmöglich geworden. Die Ärzte schätzen, dass etwa die Hälfte der Patienten das Virus haben, unabhängig davon mit welcher Diagnose sie eingeliefert wurden.

Corona: Krankenhaus in New York hat nicht genug Tests

Genau weiß es jedoch niemand, weil das Krankenhaus wie alle anderen noch immer nicht genügend Tests hat. Es fehlt an allem. Das Personal muss drei Tage lang die gleiche Schutzmaske tragen. Und dann ist da natürlich die notorische Knappheit an Beatmungsgeräten.

Sie hat sich in der vergangenen Woche zum nationalen Thema Nummer Eins entwickelt. Immer wieder sah man die Bilder des zornigen Gouverneurs Andrew Cuomo, der das Weiße Haus um dringend benötigte 30 000 Maschinen anflehte. Und Trump, der sich weigerte, die Geräte, die der Bund auf Lager hat, frei zu geben, weil er Cuomo nicht mag. Und weil er seine Heimatstadt New York nicht mag, die ihn nie akzeptiert hat, die ihn immer als vulgären Außenseiter behandelt hat und an der er sich jetzt rächt.

Bei denjenigen von uns, die nur einen Supermarktbesuch davon entfernt sind, ein solches Gerät zu benötigen, ruft dieses Spektakel einen übermächtigen Zorn hervor. Er tut gut, weil er hilft, die Angst zu überdecken.

Natürlich habe ich in der vergangenen Woche auch öfter daran gedacht in einen jener 15 Flieger zu steigen, die noch immer jede Woche nach Frankfurt gehen und die Pandemie im wohlorganisierten Deutschland auszusitzen. Aber dann war das Gefühl stärker, nach mehr als 20 Jahren hierher zu gehören, das Gefühl, dass es eine Art von Verrat an meinen Mit-New Yorkern wäre, jetzt das Weite zu suchen. Also bleibe ich hier in Harlem und möchte um keinen Preis irgendwo anders sein.

Corona: Die Angst davor, wie es in den nächsten Wochen in New York werden kann

Gestern, an einem absurd schönen Frühlingsnachmittag, hatte ich ein ausführliches Gespräch mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt, per Zoom versteht sich. Wir haben unsere Sorge darüber geteilt, wie schlimm es in den nächsten Wochen werden kann, wie viele Leichen aus den Notaufnahmen kommen, wie viele Ärzte und Pfleger krank werden und sterben und wie viele unserer Freunde und Bekannten es erwischt.

Am Ende des Gesprächs stand dann aber doch, ganz amerikanisch, die Hoffnung. Die Hoffnung, dass diese Krise die Trump-Regierung als inkompetent bloßstellt. Die Hoffnung, dass die Menschen durch das Virus begreifen, wie sehr wir alle vernetzt und voneinander abhängig sind und wie sinnlos es ist, die Welt in „Wir“ und „die Anderen“ einzuteilen.

Das Gespräch hilft dabei, einen weiteren Tag durch zu stehen, einen weiteren Tag, an dem man darauf horcht, ob ein Nachbar auf dem Flur vielleicht etwas zu viel hustet. Irgendwie wird New York schon durchkommen.

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