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„Freedom Day“

Corona-Chaos in England: Boris Johnson „jenseits der Parodie“ – „Völlige Verachtung für das Volk“

  • Sonja Thomaser
    VonSonja Thomaser
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England lockert die Corona-Regeln. Nun wird auch die Selbstisolation bei Kontakt mit Infizierten aufgehoben – bei zehntausenden Neinfektionen am Tag.

Update 19.07.2021, 19.31 Uhr: Die britische Regierung will in England ab dem Herbst verpflichtende Corona-Impfnachweise für Nachtclubs und andere Großveranstaltungen verlangen. „Manche der größten Vergnügen und Möglichkeiten des Lebens werden zunehmend von Impfungen abhängig sein“, sagte Premierminister Boris Johnson am Montag (19.07.2021) in London. Bis Ende September hätten alle Erwachsenen in Großbritannien die Möglichkeit, sich vollständig gegen Corona impfen zu lassen.

Bis dahin sind jedoch für Clubs und andere Großveranstaltungen keine solchen Nachweise erforderlich. Nachtclubs werden lediglich dazu ermutigt, den sogenannten NHS Covid Pass beim Eintritt zu verlangen.

Corona in England: Boris Johnson „jenseits der Parodie“

Erstmeldung: London - In den Clubs wird wieder getanzt, in Büros darf wieder ohne Abstand gearbeitet werden und auf die Masken verzichten viele: In England sind am Montag (19.07.2021) fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben worden. Weder das Tragen von Masken noch Abstandsregeln oder zahlenmäßige Beschränkungen für Veranstaltungen sind im größten britischen Landesteil fortan vorgeschrieben. Doch von einer Entspannung der Lage könnte das Land kaum weiter entfernt sein. In England steigen die Infektionszahlen dramatisch. Bereits jetzt werden täglich zum Teil mehr als 50.000 Fälle registriert - beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Für den britischen Premierminister Boris Johnson hätte das Wochenende vor dem als „Freedom Day“ bezeichneten Ende fast aller Corona-Maßnahmen in England kaum schlechter laufen können. Ausgerechnet Gesundheitsminister Sajid Javid steckte sich mit dem Coronavirus an – und das, obwohl er zweifach geimpft ist. 

Corona in England: Johnson wollte sich um Quarantäne drücken

Kontaktpersonen von Javid waren dann auch noch Boris Johnson höchstselbst und sein Finanzminister Rishi Sunak - die zunächst versuchten, sich um die eigentlich für Kontaktpersonen vorgeschriebene Selbstisolation zu drücken. Die beiden nähmen an einem Pilotprojekt teil, das stattdessen tägliche Tests vorsehe, hieß es am Sonntagmorgen.

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, schlägt für England einen eigenen Weg ein.

Keine drei Stunden später, nach einem landesweiten Aufschrei - immerhin sitzen derzeit Hunderttausende Briten zu Hause, nachdem sie vom Nationalen Gesundheitsdienst NHS bei Kontakt mit einer infizierten Person zu einer zehntägigen Selbstisolation aufgefordert wurden - ruderte die Regierung zurück. Johnson befinde sich auf seinem Landsitz Chequers in Selbstisolation, hieß es dann.

Corona in England: Öffnung könnte zum „Chaos Day“ werden

Gewerkschaften und Unternehmerverbände sprachen sich unterdessen für eine Beibehaltung der Maskenpflicht und ein gleichzeitiges Ende der Pflicht zur Selbstisolation bei geimpften Kontaktpersonen aus. In vielen Branchen, vor allem bei Verkehrsbetrieben, kommt es zu Engpässen, weil viele Mitarbeiter in Selbstisolation sind. Der Chef der Verkehrsgewerkschaft RMT (The Rail, Maritime and Transport Union), Mick Lynch, warnte, der vielfach als „Freedom Day“ („Freiheitstag“) gepriesene Tag der Öffnung könne zum „Chaos Day“ werden.

Am Montagmorgen dann zog die britische Regierung die Reißleine, da es auch beim Nationalen Gesundheitsdienst NHS in England zu immer mehr Personal-Engpässen kam, und lockerte die Regeln zur Selbstisolation nach Kontakt mit Infizierten. In Ausnahmefällen dürften zweifach geimpfte Mitarbeiter die eigentlich vorgeschriebene zehntägige Selbstisolation durch einen negativen PCR-Test und tägliche Antigen-Tests ersetzen und weiterhin zur Arbeit erscheinen, hieß es in einer Mitteilung der Regierung.

Einem Bericht zufolge befinden sich derzeit bis zu 1,7 Millionen Menschen in Großbritannien in Selbstisolation. Das führte bereits dazu, dass Zugverbindungen ausfielen und Supermarktfilialen schließen mussten, weil nicht mehr genügend Mitarbeiter da waren. Nachdem in England nun fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben sind, wird mit einem weiteren Anstieg der „pingdemic“ gerechnet, wie britische Medien das Phänomen bezeichnen. Als „ping“ wird das Klingeln der Warn-App oder eines Anrufs der Kontaktverfolgungsteams auf dem Handy bezeichnet.

Corona-Fallzahlen in England am 19.07.2021
7-Tage-Inzidenz376,1
Neu gemeldete Infektionen48.161
Gemeldete Infektionen in den letzten 7 Tagen316.691
Anteil der Bevölkerung mit erhaltener Erstimpfung87,9%
Anteil der Bevölkerung mit erhaltener Zweitimpfung68,3%
Quelle: coronavirus.data.gov.uk

Johnson meldet sich aus der Isolation

Boris Johnson wandte sich aus seiner Isolation in einer Videobotschaft auf Twitter an seine Landsleute und gab sich zuversichtlich, dass die hohe Impfrate im Land auch ohne weitere Maßnahmen einen ausreichenden Schutz vor der Pandemie bietet. Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich eine erste Impfung erhalten. Knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft. „Das massive Impfprogramm hat die Verbindung zwischen Ansteckung und Krankenhauseinweisung und zwischen Ansteckung und schwerer Erkrankung und Tod erheblich geschwächt“, sagte Johnson.

Gut angekommen ist die Videobotschaft jedoch nicht. Kritiker:innen werfen dem Premierminister laut Independent vor, durch seine Worte noch mehr Öl ins Feuer gegossen zu haben, da er absolut keine Reue für seinen Versuch zeigte, sich vor der Selbstisolation zu drücken. Er habe sich die Option ja nur kurz angesehen, sagte Johnson in dem Video.

Die Videobotschaft wurde von einem SNP-Abgeordneten als „jenseits der Parodie“ beschrieben, während Labour-Frontbencherin Bridget Phillipson fragte: „Hält er uns alle für dumm?“ Der Labour-Chef Sir Keir Starmer sagte, Johnson und Sunak seien „erwischt“ worden, um den Folgen der Regeln zu entgehen, die sie anderen auferlegt hatten. Der Führer der Liberaldemokraten, Sir Ed Davey, sagte: „Die Tatsache, dass er dachte, er könnte damit durchkommen, zeigt seine völlige Verachtung für das britische Volk“, so der Independent.

Corona in England: 100.000 Neuinfektionen am Tag „beinahe unausweichlich“

Fachleute zweifeln daran, ob der Schutz durch die Impfungen ausreichen wird, um einer großen Infektionswelle standzuhalten. Dem Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College in London zufolge ist es „beinahe unausweichlich“, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 100.000 bald überschreitet. „Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr“, sagte Ferguson der BBC am Sonntag. Im schlimmsten Fall, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2000 oder 3000 täglich erreiche, müssten Maßnahmen ergriffen werden, um die Pandemie wieder in den Griff zu kriegen, warnte er.

Das will Johnson eigentlich unbedingt verhindern. Er hatte den Weg seines Landes aus dem Lockdown stets als „vorsichtig aber unumkehrbar“ beschrieben. „Bitte, bitte, seien Sie vorsichtig“, flehte er die Briten an. Ob er damit noch überzeugen kann, scheint fraglich. (sot mit dpa)

Rubriklistenbild: © Tayfun Salci/dpa

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