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Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer: Wirksamkeit übertrifft alle Erwartungen 

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die Ankündigung des Mainzer Unternehmens zum neuen Corona-Impfstoff löst große Freude aus. Entscheidende Fragen sind aber noch offen.

  • Das Unternehmen Biontech aus Mainz hat einen vielversprechenden Corona-Impfstoff entwickelt.
  • Die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von Biontech liegt weit über den Erwartungen.
  • Jetzt muss das Unternehmen Biontech, das den Impfstoff in Kooperation mit Pfizer entwickelt noch Fragen beantworten

Mainz – Ein Impfstoff mit einer Effektivität von angeblich 90 Prozent, ohne bislang beobachtete gravierende Nebenwirkungen – selbst sonst eher zurückhaltende Wissenschaftler lassen sich da zu begeisterten Kommentaren hinreißen. „Das ist extrem vielversprechend“, sagt Jesse Goodman, der frühere Chef der Impfabteilung der US-Arzneimittelbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA), „einfach außergewöhnlich“, sagte der Immunologe Anthony Fauci, Leiter des nationalen Gesundheitsinstituts der USA.

Clemens Wendtner, Infektiologe und Tropenmediziner von der Münchener Klinik Schwabing erkennt einen „Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont“. Und der Infektiologe Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln findet, es sei „unglaublich, dass in so kurzer Zeit dieser Fortschritt mit Entwicklung eines Impfstoffs und klinischer Prüfung innerhalb weniger Monate erzielt werden konnte“. Das werde „unseren Umgang mit der Pandemie entscheidend beeinflussen“.

Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer macht Hoffnung

Vor allem in Europa und den USA haben die am Montag veröffentlichten Zwischenergebnisse des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Pharmakonzerns Pfizer, die gemeinsam an einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 arbeiten, die Hoffnung auf ein baldiges Ende des derzeitigen Ausnahmezustands genährt. Bei Pfizer schätzt man, bis zum Ende des Jahres 50 Millionen Impfdosen zur Verfügung stellen zu können. Da das Vakzin in zwei Dosen gegeben wird, ließen sich damit 25 Millionen Menschen impfen.

Impfstoff von Biontech aus Mainz in Kooperation mit Pharmakonzern Pfizer: Neues Prinzip

Das deutsch-amerikanische Team setzt dabei auf ein völlig neues Prinzip, einen genbasierten sogenannten mRNA-Impfstoff. Bisher wurde noch kein Impfstoff dieser Art je zugelassen, es lagen nur Erfahrungen früherer klinischer Studien vor, etwa zu einem potenziellen Tollwutimpfstoff der deutschen Firma Curevac, die ebenfalls an einem mRNA-Corona-Impfstoff arbeitet. Auch die Krebsforschung setzt große Hoffnungen in dieses Verfahren, das Immunreaktionen gegen Tumore stimulieren soll.

Anders als herkömmliche Vakzine enthalten mRNA-Impfstoffe kein komplettes Antigen – also etwa einen abgetöteten oder abgeschwächten Erreger –, sondern lediglich genetische Informationen für Bruchstücke davon. Das Kürzel mRNA steht dabei für die Boten-Ribonukleinsäure (RNA). Die Ribonukleinsäure ist die einsträngige Schwester der Desoxyribonukleinsäure (DNA) und bildet das Erbmaterial des Coronavirus.

Konkret enthält der Impfstoff von Biontech und Pfizer die Erbinformation für Bausteine des Spike-Proteins, das auf der Oberfläche des Virus sitzt und für das Binden an die Zellen im menschlichen oder tierischen Wirt sorgt. Das Besondere: Mit diesem Erbmaterial liefert der Impfstoff dem Körper quasi einen Bauplan, um nach dieser Anleitung die Bestandteile des Erregers selbst zu produzieren.

Biontech und Pfitzer: Corona-Impfstoff soll Viren erkennen

Ist das geschehen, soll sogleich das Immunsystem in Aktion treten, die hergestellten Virenfragmente als fremd erkennen und vernichten. In der Wissenschaft und bei den Herstellerfirmen betont man stets, dass diese Virenbausteine weder infektiös seien, noch die eingeschleusten Erbinformationen irgendwie in das humane Genom eingebaut werden könnten.

Pfizer und Biontech entwickeln Corona-Impfstoff: Bisher an 40 000 Menschen getestet

Der Biontech-Pfizer-Impfstoff ist in der laufenden klinischen Phase-III-Studie bislang an mehr als 40 000 Menschen aus verschiedenen Ländern getestet worden, darunter viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gesundheitsberufen. Dabei soll es zu nur 94 Infektionen gekommen sein, nach Angaben der beiden Firmen vor allem bei jener Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ein Placebo statt der echten Impfung erhalten hatten.

Allerdings weist Marylyn Addo, Infektiologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die mit ihrem Team an einem anderen Corona-Impfstoff forscht, darauf hin, dass bisher noch keine „Primärdaten“ zur Verfügung stünden und „mit einer abschließenden Einschätzung“ deshalb noch gewartet werden müsse. „Derzeit gibt es noch wenige Details über die genauen Daten, zum Beispiel, in welchen Altersgruppen und welchen Gruppen die 94 Fälle genau aufgetreten sind.“

Entwicklung von Corona in Deutschland

Die Wirksamkeit des Impfstoffs soll sieben Tage nach Gabe der zweiten Dosis mehr als 90 Prozent betragen haben. Demnach würde der Impfschutz bereits 28 Tage nach Beginn der Impfung aufgebaut. Nach Angaben der beiden Unternehmen sollen keine relevanten Nebenwirkungen aufgetreten sein.

Wirkung des Corona-Impfstoffs von Biontech und Pfizer: Wirksamkeit weit über den Erwartungen

Das alles scheint in der Tat vielversprechend zu klingen. 90 Prozent wären ein sehr hoher – ein unerwartet hoher – Wert. Nicht ganz so viel wie etwa bei der Masernimpfung, die einen 97-prozentigen Schutz bietet, aber weitaus mehr als bei der Grippeimpfung, die jedes Jahr neu angepasst werden muss, und je nachdem, wie gut das gelingt, nur zu 40 bis 60 Prozent schützt.

Gleichwohl sind einige entscheidende Fragen noch nicht geklärt. So sagt Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, dass „der Beobachtungszeitraum für relevante Impfnebenwirkungen noch zu kurz ist“. Auch ließe sich nicht sagen, ob der Impfstoff in den Risikogruppen wie älteren Menschen genauso effektiv sei. Vor allem ältere Menschen bilden nach Impfungen häufig eine weniger ausgeprägte Immunität aus. „Außerdem ist es enorm wichtig zu untersuchen, ob diese Impfung vor schweren Verläufen von Covid-19 schützt“, sagt der Berliner Infektiologe.

Pfizer und Biontech entwickeln Corona-Impfstoff: Noch offene Fragen

Angesichts der Kürze der Zeit, in der das Vakzin entwickelt wurde – so schnell wie noch nie –, lässt sich bislang nicht einschätzen, wie lange der Impfschutz anhält. Denn es ist auch noch nicht bekannt, wie lange eine Immunität nach einer durchgemachten Infektion besteht.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor könnten mögliche Mutationen des Virus darstellen. Nach Ansicht der Entwickler:innen soll ein Vorteil von mRNA-Impfstoffen darin bestehen, dass sie schneller an veränderte Erreger angepasst werden können. Nachgewiesen ist das noch nicht.

Kampf um den Impfstoff: China muss Rückschlag einstecken

Während hierzulande die Freude über die guten Nachrichten groß ist, muss man in China einen Rückschlag einstecken. In Brasilien, wo ein Vakzin des chinesischen Herstellers Sinovac an Menschen getestet wurde, haben die Behörden die klinische Studienphase wegen eines „ernsthaften negativen Vorfalls“ bei einem Teilnehmer gestoppt.

Für den Impfstoff von Biontech und Pfizer ist das insofern nur wenig relevant, als beide auf völlig unterschiedliche Technologien setzen: Sinovac hat einen Totimpfstoff entwickelt, ein seit langem erprobtes Prinzip, das auch bei gängigen Impfungen gegen Keuchhusten oder Tetanus eingesetzt wird. Gleichwohl mahnt der Zwischenfall, dass es selbst bei einem so bewährten Impfverfahren zu bösen Überraschungen kommen kann. (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Biontech

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