Hohe Zustimmungswerte

Viele Corona-Tote in Brasilien: Bolsonaro bleibt trotzdem extrem beliebt – Woran liegt das?

  • Tim Vincent Dicke
    vonTim Vincent Dicke
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Seit Beginn der Corona-Pandemie spielt Bolsonaro die Virus-Gefahr herunter – nun verzeichnet das Land 150.000 Corona-Tote. Trotzdem ist der Präsident beliebter denn je. Woran liegt das?

  • Brasilien ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder der Welt.
  • Staatschef Jair Bolsonaro spielt seit Beginn der Krise das Coronavirus herunter.
  • Trotzdem steigen die Beliebtheitswerte des rechtspopulistischen Staatschefs. Woran liegt das?

Brasília – Mehr als fünf Millionen Menschen haben sich in Brasilien seit Beginn der weltweiten Verbreitung mit dem Coronavirus angesteckt. Nach den Vereinigten Staaten und Indien verzeichnet das südamerikanische Land die meisten Infektionen. Dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro scheint die schlechte Lage jedoch kaum wehzutun: Seine Beliebtheitswerte steigen – trotz 150.000 Covid-19-Toten.

Brasilien: Jair Bolsonaro bezeichnet Coronavirus als „kleine Grippe“

Bolsonaro bezeichnete das Coronavirus als „kleine Grippe“ und sagte, man solle bei einer Infektion dem Virus „wie ein Mann, nicht wie Junge“ entgegentreten. Der stramm rechte Staatsmann feuerte seinen Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, weil dieser Corona ernst nahm.

Während Bolsonaro Ausgangssperren, Geschäftsschließungen und jede Art von Restriktionen ablehnte, befürwortete Mandetta die Abstandsregeln genauso wie die Mehrzahl der brasilianischen Gouverneure. Und trotz der starken Ausbreitung in dem Land sagte Bolsonaro, Isolation und Quarantäne zum Schutz vor weiteren Ansteckungen sei „für die Schwachen“.

Corona in Brasilien: Auftreten Bolsonaros erinnert stark an Donald Trump

Die Aussagen und das gesamte Auftreten Bolsonaros in der Corona-Pandemie erinnern stark an Donald Trump. Auch der US-Präsident spielte das Virus herunter, sprach sich gegen Beschränkungen aus und legte sich mit Gesundheitsexperten an. Trump griff immer wieder auch den eigenen Chefberater, den anerkannten US-Virenexperten Anthony Fauci an.

Wie Trump steckte sich auch Jair Bolsonaro mit dem Coronavirus an. Selbst als er das Virus noch in sich trug, machte er Spazierfahrten und unterhielt sich ohne Maske mit Passanten. Den milden Verkauf seiner Infektion schrieb Bolsonaro der Einnahme des Malaria-Medikaments Hydroxychloroquin zu, dessen Wirksamkeit gegen Covid-19 allerdings nicht bewiesen ist. Mittlerweile hat sich der brasilianische Rechtspopulist wieder erholt – nicht nur gesundheitlich.

Viele Corona-Tote und Infizierte in Brasilien: Jair Bolsonaro ist trotzdem beliebter denn je

Während Donald Trump seinem Herausforderer Joe Biden in den Umfragen hinterherhinkt, erreicht die Regierung um Bolsonaro Rekordwerte bei der Zustimmung. 40 Prozent finden einer Umfrage von Ibope zufolge die Arbeit gut oder sogar ausgezeichnet, 29 Prozent finden sie mittelmäßig, nur 29 Prozent schlecht oder gar miserabel. Bei einer Umfrage des Instituts im Dezember 2019 erreichte Bolsonaro nur eine Zustimmung von 29 Prozent.

Jair Bolsonaro: Trotz Corona-Krise läuft es gut für den Rechtspopulisten.

Insbesondere ein Hilfspaket für Arme macht Bolsonaro beliebt. Seit April bekommen rund 40 Prozent der erwachsenen Brasilianer etwa 600 Real – umgerechnet sind das etwa 90 Euro. Viel Geld ist das nicht, jedoch reicht das aus, damit genug Essen auf dem Tisch steht. Mit der Nothilfe gibt es zudem die Gewissheit, nicht komplett abzustürzen. Die Almosen haben Bolsonaro besonders in den Favelas einen Beliebtheits-Auftrieb verschafft.

Tatsächliche Corona-Zahlen in Brasilien dürften weit höher liegen

„Die hohe Opferzahl in Brasilien führt nicht – wie man von außen erwarten würde – zu einer hohen Ablehnung“, sagte der deutsch- brasilianische Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel von der Fundação Getulio Vargas in São Paulo der Deutschen Presse-Agentur. Ein großer Teil der Bevölkerung stelle nicht den Zusammenhang her, dass ihr Land – das mehr als 20 Mal so groß wie Deutschland ist – in der Corona-Krise im internationalen Vergleich schlecht dasteht.

Die tatsächlichen Corona-Zahlen in Brasilien dürften jedoch weit höher liegen, auch weil das Land sehr wenig testet. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass sich mindestens siebenmal so viele Menschen infiziert haben wie bislang bekannt, und doppelt so viele wie erfasst gestorben sind. (Von Tim Vincent Dicke)

Rubriklistenbild: © SERGIO LIMA/AFP

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