Umgang mit der Pandemie

Corona-Krise in Italien: Contes kalte Dusche für die Bevölkerung - kaum Lockerungen in Sicht

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Die Regierung in Rom sucht weiter nach einer Exit-Strategie aus dem Corona-Lockdown. Doch die ist nicht so einfach zu finden.

In Italien ist die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen so niedrig wie seit Beginn der Ausgangssperre am 10. März nicht mehr.

  • Italiens Regierungschef Giuseppe Conte informiert die Bevölkerung
  • Die wegen der Corona-Pandemie entstandenen Einschränkungen bleiben weitgehend bestehen
  • Der Unmut in Italiens Bevölkerung wächst

Am Sonntagabend hat sich Regierungschef Giuseppe Conte an die Bürger gewandt, um über die bevorstehenden Lockerungen in der Corona-Krise zu informieren. Doch was er zu sagen hatte, war für die 60 Millionen Italiener eine kalte Dusche: Die vor sieben Wochen eingeführtenmassiven Einschränkungen bleiben weitgehend erhalten. Die weitgehendste Lockerung besteht darin, dass die Italiener endlich wieder ihre Verwandten besuchen dürfen. Ansonsten herrscht weiterhin Hausarrest.

In Italien gelten strenge Quarantäne-Vorschriften – und nach Contes Ausführungen ist klar, dass das auf absehbare Zeit so bleiben wird. Nur wenn alle sich weiterhin alle an die Abstandsregeln hielten, könne die Phase der Lockerungen erfolgreich sein, erklärte der Premier. Auch die Besuche der Verwandten sollten „gezielte Besuche sein, bei denen die Abstandsregeln eingehalten und auch Atemschutzmasken verwendet werden“. Wem Italien am Herzen liege, der müsse das Übertragungsrisiko vermeiden.

Coronavirus in Italien: Der Schock sitzt tief

Großzügiger sind die Lockerungen für die Wirtschaft, die mehr oder weniger am Boden liegt. Vom 4. Mai an dürfen einige Unternehmen „von strategischer Bedeutung“ – etwa die stahl- oder holzverarbeitende Industrie – ihre Fabriken wieder öffnen. Auch Baustellen und exportorientierte Betriebe dürfen wieder aufmachen. Andere Branchen wie die Gastronomie und die Hotellerie müssen sich noch mindestens bis zum 18. Mai gedulden. Friseurgeschäfte werden erst am 1. Juni wieder öffnen können, ebenso Kosmetik- und Schönheitssalons. Kindergärten, Schulen und Universitäten bleiben bis September geschlossen.

Die extreme Vorsicht ist auf das Trauma vom März zurückzuführen: Italien war als erstes europäisches Land massiv von Covid-19-Fällen betroffen. Der Schock angesichts überfüllter Kliniken und der Militär-LKWs, die Dutzende Tote abtransportierten, sitzt tief. Dank der Quarantäne hat die Regierung die Epidemie weitgehend in den Griff bekommen: Am Sonntag zählte der Zivilschutz 260 Tote – der tiefste Wert seit sechs Wochen. Die Basis-Reproduktionszahl liegt, je nach Region, bei 0,2 bis 0,7 – niedriger als in Deutschland. Die Zahl der Covid-19-Patienten in den Intensivstationen hat sich zuletzt mehr als halbiert.

Corona-Krise in Italien: Menschen warten weiter auf Soforthilfe

Gerade in Mittel- und Süditalien sehen deshalb immer weniger Menschen ein, warum sie zu Hause bleiben sollen und nicht arbeiten dürfen. Einer ist der Bauarbeiter Stefano, 55. Er lebt in der Kleinstadt Lenola bei Rom, muss drei Kinder und seinen kranken Vater ernähren. Von den finanziellen Soforthilfen, die Premier Conte versprochen hatte, hat er bis heute keinen Euro gesehen. „Ich musste deswegen schon vor Wochen meine Scham überwinden und mich bei der Gemeinde um Essensgutscheine bewerben“, berichtet Stefano.

Weil die Bürokratie die schnelle Gewährung von Finanzhilfen und Krediten verhindert, geht es Hunderttausenden von Italienern wie ihm: Sie werden, zumindest vorübergehend, in die Armut gedrängt. „Die Hilfspakete, die Conte versprochen hat, waren nichts als Lügen“, sagt der Bauarbeiter.

Corona-Krise: In Italien drohen viele Pleiten

Frustration über zögerliche Lockerungen hat sich auch in sozialen Medien niedergeschlagen. Teils wurde dort zum zivilen Ungehorsam aufgerufen: „Schert euch nicht um die Vorschriften dieser kriminellen Regierung und verhaltet euch wie die Schlaumeier: Arbeitet schwarz, wenn ihr anders nicht überleben könnt“, hieß es unter anderem. Auch Matteo Salvini, Chef der rechtsextremen Lega, ist auf den Protestzug aufgesprungen und drohte mit Massendemonstrationen.

Die Geduld der Unternehmer ist schon länger am Ende: „Wenn wir unsere Betriebe nicht sehr bald wieder hochfahren können, dann droht die Gefahr, dass der Motor des Landes noch ganz absterben wird“, schrieben Arbeitgeberverbände in einem offenen Brief an Conte.

Corona-Krise in Italien: Lockdown gefährdet bis zu 30 Prozent der Unternehmen

Der Arbeitgeberverband Confindustria warnt, dass 20 bis 30 Prozent der vom Lockdown betroffenen Unternehmen ihre Tore nie mehr öffnen könnten, weil sie in der Zwischenzeit zahlungsunfähig wurden. Doch von den mehr als 8 Millionen Arbeitern, Angestellten und Selbständigen, die von der Regierung in die Zwangsferien geschickt worden sind, werden am 4. Mai nur 2,75 Millionen an die Arbeit zurückkehren können.

Rubriklistenbild: © M. Alpozzi/dpa

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