Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Wuhan erinnern nur noch Masken an das Virus.
+
Auf einem Markt in der Millionenstadt Wuhan erinnern nur noch die Masken der Passantinnen und Passanten an das Coronavirus.

China

Corona-Pandemie: Chinas Führung inszeniert Wuhan als Erfolg – und ignoriert traumatische Folgen

  • vonFabian Kretschmer
    schließen

Die Menschen im einstigen Corona-Epizentrum Wuhan in China haben die Pandemie längst überwunden. Doch ein Jahr nach Ausbruch ist die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen noch frisch.

  • Ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie herrscht Normalität in Wuhan.
  • Viele Menschen in Wuhan sind von der autoritären Strategie überzeugt.
  • Die Kommunistische Partei Chinas inszeniert ihren Erfolg.

Wuhan – Wie jeden Morgen grüßt Dong Haokun beiläufig den alten Pförtner am Eingangstor, ehe er in schnellen Schritten den mit Werbung zugepflasterten Fahrstuhl betritt. Im 28. Stock angekommen, sperrt der 37-Jährige die Metalltür seines Tanzstudios auf. Gleißende Morgensonne fällt ungebrochen in den lichtdurchfluteten Raum, durch die bodentiefen Fenster reicht der Blick von der geschäftigen Jianghan-Straße bis hin zum Ufer des Jangtse-Flusses. „In Wuhan bin ich geboren, aufgewachsen und hier habe ich auch studiert“, sagt Dong sichtlich stolz, während er mit kerzengrader Haltung auf die Dächer seiner Heimatstadt blickt.

Ein Jahr nach Ausbruch von Corona in Wuhan: Nur noch Masken erinnern an Pandemie

Dass Wuhan vor einem Jahr zum Synonym für eine Pandemie geworden ist, die das gesamte Weltgeschehen von Grund auf verändert hat, scheint in Momenten wie diesen ein eher abstrakter Gedanke zu sein. Mehrere Monate liegt die letzte registrierte Infektion in Wuhan bereits zurück. Wer durch die Flaniermeilen, Einkaufszentren oder Nachtmärkte der Millionen-Metropole geht, wird nur mehr durch die Masken vor den Gesichtern der Menschen an das Coronavirus erinnert. Auch das Leben von Tanzlehrer Dong Haokun wird wieder von ganz gewöhnlichen Alltagspflichten bestimmt: In wenigen Minuten werden die ersten Kundinnen in sein Studio strömen, um sich in orientalischem Bauchtanz unterrichten lassen.

Angesichts des Normalzustands der zentralchinesischen Stadt wirken die Schlagzeilen vom letzten Januar geradezu surreal: Bilder von erschöpften Ärzt:innen gingen um den Globus, Fotos von offenen Leichensäcken in überfüllten Krankenhausgängen und Menschenmengen in Panik vor dem neuartigen Lungenerreger. In den Monaten danach hat wohl keine Bevölkerung sonst auf der Welt einen derart drastischen Lockdown über sich ergehen lassen müssen: Über zehn Wochen lang waren die sechs Millionen Einwohner:innen Wuhans in ihren Wohnungen eingesperrt. Weder Busse noch Autos sind mehr auf den Straßen gefahren, sämtliche Autobahnzufahrten wurden abgeriegelt.

Wuhan: Ein Jahr nach Ausbruch von Corona bleiben Narben

Wie also blicken die Menschen knapp ein Jahr später auf das kollektive Trauma zurück? Dong Haokun atmet einmal tief durch, bevor er mit besonnenen Worten antwortet. „Jeden Morgen war damals das erste, was wir taten, die Anzahl an Neuinfektionen nachschauen, und wie viele Leute gestorben sind“, erinnert er sich. Doch irgendwann sei ihm klargeworden, dass das Leben trotz allem weitergehen müsse. Yoga und Meditationsübungen haben seinen Geist beruhigt, mit einem zweiten Standbein als Online-Devisenhändler konnte er während des Lockdowns sogar ein wenig dazuverdienen.

Bilder aus dem Februar: Medizinisches Personal kämpft in einem Spezialkrankenhaus um das Leben der Infizierten.

Doch natürlich habe die dunkle Zeit des Lockdowns auch Narben hinterlassen. Dong Haokuns 90-jährige Großmutter erlitt am 2. März einen Herzinfarkt, seither ist sie regungslos ans Bett gefesselt. „Wie eine Pflanze“, sagt er: „Ich bereue es, sie zuvor nicht noch einmal gesehen zu haben. Ich kann mir nicht mal sicher sein, ob sie mich heute überhaupt noch erkennt“, sagt er.

Nur einen Steinwurf von Dongs Tanzstudio entfernt zeigt sich Wuhan, eine selbst in China eher unscheinbare Industriestadt, von seiner charmantesten Seite: Im alten Kolonialviertel werden die begrünten Gassen von historischen Art-Deco-Gebäuden und Streetart-Kunstwerken gesäumt, am Flussufer des Jangtse lassen Senioren ihre buntbemalten Drachen steigen und im Geschäftsviertel des Bezirks Hankou ziehen hunderte Baukräne neue Wolkenkratzer in den blauen Dezemberhimmel.

Corona in Wuhan: Träume wurden Opfer der Pandemie

Erst bei näherer Betrachtung kann man die geschlossenen Ladenzeilen erkennen – von Geschäften, die den Lockdown nicht überlebt haben. „Letztes Jahr hatten wir noch feste Ziele und Träume im Leben, aber jetzt geht es erstmal ums Überleben“, sagt der 20-jährige Wang Jun, ein schlaksiger junger Mann, der sich vor allem für amerikanischen Basketball, deutsche Sportwagen und ausgefallene Sneaker-Schuhe interessiert.

Kurz vor dem Lockdown hat Wang sein Diplom zum Kfz-Mechatroniker abgeschlossen, im Sommer hätte er nun für seinen zweiten Abschluss an die Fachhochschule Stralsund gehen sollen. Die Pandemie, die zu diesem Zeitpunkt auch schon in Deutschland wütet, hat jedoch einen Strich durch seine Rechnung gemacht. Viele von Wang Juns Klassenkameraden aus Wuhan, die ebenfalls nach Europa wollten, mussten ihre Pläne auf Eis legen. „Einige haben sich in der Zwischenzeit von der Armee verpflichten lassen“, sagt Wang.

Wuhan: Nach Corona-Ausbruch sind viele vom chinesischen System überzeugt

Er selbst hat mit seiner Freundin im Souterrain eines englischen Jugendstilhauses ein hippes Wohnzimmer-Café eröffnet. Die beiden bieten Latte Macchiato und Franziskaner-Weißbier an, viele Gäste kommen aber vor allem wegen „Mao Mao“, „Xiaodi“ und „Boss“ – drei ehemaligen Straßenkatzen. Während Wang Jun gerade Nürnberger Bratwürste kocht und von seinem Lieblings-Basketballteam der „Golden State Warriors“ spricht, lässt er wie beiläufig einen ebenso bemerkenswerten wie archetypischen Satz fallen: „Durch den Lockdown haben wir gesehen, dass das chinesische System sehr gut darin ist, eine Pandemie zu meistern. Viele Ausländer reden zwar von Freiheit, und dass sie jeden Tag raus müssen. Aber das Ergebnis ist, dass man so das Virus eben nicht kontrollieren kann“.

Wang steht bei weitem nicht alleine da mit seiner Meinung. Während in fast jedem Land der Welt die chinesische Staatsführung im Corona-Jahr an Sympathiepunkte eingebüßt hat, konnte sie innerhalb der eigenen Landesgrenzen ihre Stellung weiter festigen – wegen, nicht trotz der Pandemie.

Wie vorher: Menschen essen – fast ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie – gemeinsam in einem Restaurant.

Corona in Wuhan: Kontrolle und Zensur als Mittel Chinas

Natürlich lässt sich ein Jahr nach Ausbruch des Virus zweifelsohne festhalten, dass Chinas Regierung mit ihren drastischen, aber unheimlich effizienten Maßnahmen das Infektionsrisiko im Land fast ausgelöscht hat. Seit Monaten registrieren die Behörden nur vereinzelte Ansteckungen, die sofort durch gezielte Lockdowns und Massentests lokal eingegrenzt werden können. Darauf kann die Bevölkerung zurecht stolz sein, schließlich hat sie mit Disziplin und Gemeinschaftssinn zum epidemiologischen Erfolg erheblich beigetragen.

Gleichzeitig jedoch zeigen die Lobeshymnen ans eigene System auch, wie perfekt die Propaganda des Zensurapparats funktioniert. Denn die Regierung hat nicht nur das Virus kontrolliert, sondern ebenfalls das Narrativ für die Geschichtsschreibung: Wuhans Kampf ist zur heroischen Erfolgsgeschichte ohne jegliche Grautöne erklärt worden.

Ein Jahr nach Pandemie-Beginn in Wuhan: Kommunistische Partei Chinas inszeniert den Erfolg

Erzählt wird diese eine halbe Autostunde nördlich von Wuhans Stadtzentrum entfernt, in einem überdimensionalen Messezentrum. „Bitte sprechen Sie nicht mit den Leuten, Interviews sind verboten“, sagt die Rezeptionistin, nachdem sie das Journalistenvisum des ausländischen Korrespondenten inspiziert hat. Was in den Fußballfeld-großen Ausstellungsräumen folgt, ist eine perfekt choreografierte Inszenierung der Kommunistischen Partei als Retter des Volks. Bereits am Eingang begrüßt ein überdimensionaler Staatschef Xi Jinping die Besucher, sein Konterfei wird alle paar Meter zu sehen sein. Zwischen Krankenhausbetten, Rettungswagen und dokumentarischen Fotos lugt immer auch die Fahne der Partei hervor.

Auf Informationstafeln wird die wenig subtile Botschaft mit dem Vorschlaghammer eingebläut: Die Partei mit Xi an der Spitze hat den „historischen“ Kampf gegen die Epidemie „zum frühstmöglichen Zeitpunkt“ eingeleitet. „Der strategische Erfolg hat die starke Führung der Kommunistischen Partei Chinas und die bedeutsamen Vorteile des sozialistischen Systems weiter gefestigt“, heißt es an anderer Stelle.

Dass die Regierung jedoch zu Beginn der Pandemie Virusproben vernichten ließ und warnende Doktoren mit einem Maulkorb versehen hat, wird mit keinem Wort erwähnt. Auch dass Bürgerjournalist:innen aufgrund ihrer Berichterstattung aus Wuhan seit Monaten in Gefängniszellen ausharren müssen, wird unter den Teppich gekehrt.

Corona in Wuhan: Sozialarbeiterin berichtet von Nebenwirkungen der Pandemie

„Natürlich hat die Regierung nach dem Lockdown das Virus erfolgreich eingedämmt, aber dennoch ist eine solche Ausstellung nichts weiter als eine vereinfachende Heldengeschichte“, sagt die Sozialarbeiterin Guo Jing, die im letzten November nach Wuhan gezogen ist. Dass der Staat die Geschichtsschreibung über den Covid-Kampf vollständig kontrollieren würde, glaubt die 29-Jährige nicht: „Die persönlichen Erfahrungsberichte, die die Menschen in den sozialen Medien veröffentlicht haben, werden nicht aus dem Gedächtnis verschwinden. Viele Geschichten haben trotz der Kontrolle und Zensur seinen Weg ins Internet gefunden“. Guo Jings „Wuhan Tagebuch“ zählte zu den populärsten Geschichten der Stadtbewohner: In 77 Einträgen mit fast 80 000 Wörtern hat sie die Zeit vom 23. Januar zum 8. April dokumentarisch festgehalten. „Ich wusste nicht, was zu tun ist, als ich aufwachte und vom Lockdown erfuhr“, beginnt der erste Eintrag: „Freunde haben mir dazu geraten, meine Vorräte aufzustocken. Reis und Nudeln sind beinahe ausverkauft“.

Das Virus in China

Nahezu ein Jahr später erzählt die Aktivistin von den gesellschaftlichen Nebenwirkungen jener Zeit: „Der Lockdown hat meiner Meinung nach Frauen viel stärker getroffen – angefangen bei den Haushaltspflichten und der Kinderbetreuung, die meist an den Frauen hängen blieb“, sagt Guo Jung. Auch wenn es keine belastbaren Zahlen zu dem Thema gebe, habe im Frühjahr auch die häusliche Gewalt deutlich zugenommen. Viele Ehefrauen waren während des Lockdowns ihren gewalttätigen Partnern hilflos ausgeliefert, und viele Nachbar:innen haben das Problem schlicht als Privatangelegenheit ignoriert. Mit Online-Webinaren hat Guo Jing versucht, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Gemeinsam mit Bekannten haben sie Handbücher in der Nachbarschaft verteilt, um über Notrufhotlines zu informieren.

Wuhan: Ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie herrscht Normalität

Das Gefangensein in den eigenen vier Wänden gehört jedoch in Wuhan der Vergangenheit an. Selbst die Krankenhäuser operieren wieder im Normalbetrieb, wie der Ortsbesuch in einem Universitätsspital im Süden der Stadt demonstriert: Ein einzelner Pförtner mit roter Armbinde kontrolliert die Corona-App der Besucher, in der Eingangshalle warten dutzende Patienten dicht an dicht gedrängt auf ihre Wartenummer.

Eine Ärztin, die anonym bleiben möchte, führt durch die hektischen Gänge in ihr Büro. Dort stapeln sich die Geschenkpakete, welche sie von dankbaren Patienten nach wie vor erhält. Musste die Endfünfzigerin noch im Frühjahr über Tod und Leben entscheiden, hat sich ihr Arbeitsalltag wieder normalisiert.

„Doch die Pandemie hat das Denken der Leute stark verändert“, meint die Medizinerin. „Freunde, die ich zuvor nur einmal im Jahr gesehen habe, rufe ich nun regelmäßig an. Auch mit meinen Kollegen treffe ich mich oft und weiß das zu schätzen. Und die Blume am Wegesrand, die ich wohl früher ignoriert hätte, schaue ich mir mittlerweile mit voller Aufmerksamkeit an“. (Fabian Kretschmer)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare