Coronavirus

Brasilien taumelt durch die Krise: Corona-Zahlen steigen extrem, Bolsonaro agiert kopflos

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
    schließen

Brasilien verzeichnet schon mehr als 16.000 Corona-Tote und die Infektionszahlen steigen steil an. Selbst Nachbarländer fühlen sich zunehmend bedroht.

Rio de Janeiro – Zwei Gesundheitsminister, die innerhalb eines Monats verheizt wurden, explodierende Zahlen bei den Corona-Infektionen und ein irrlichternder Präsident, der noch vor Erreichen des Höhepunktes der Pandemie in seinem Land die Wirtschaft nach und nach wieder öffnen will. 

Brasilien: Corona-Hotspot in Südamerika

Brasilien taumelt führungslos durch diese harten Zeiten und hat sich so zum neuen Corona-Hotspot auf dem amerikanischen Kontinent entwickelt. Die Infektionskurve im größten Land Lateinamerikas steigt weiter steil an. Längst hat Brasilien Deutschland und Italien bei den Ansteckungen überholt.

Die Fallzahlen des Coronavirus nach Staaten.

Laut Johns-Hopkins-Universität waren bis zum 18. Mai rund 241.000 Menschen infiziert, mehr als 16.000 erlagen der Lungenkrankheit

Wie die Vereinigung der Ureinwohner Apib meldete, sind bereits 38 indigene Völker betroffen. Das Virus erreiche mit „beängstigender Geschwindigkeit“ alle Gebiete der Ureinwohner, die als besonders gefährdet gelten. Derweil regiert Präsident Jair Bolsonaro immer autoritärer. Die Bevölkerung hat vom rechtsextremen Staatsoberhaupt zunehmend die Nase voll.

Brasilien: Corona-Krise – Zweiter Gesundheitsminister geht 

Am 15. Mai ging in Nelson Teich der zweite Gesundheitsminister in kurzer Zeit, still, kommentarlos und schwer frustriert, nachdem Bolsonaro verkündet hatte, Schönheitssalons, Friseure und Fitnessstudios seien „systemrelevant“ und die Wiedereröffnung per Dekret verfügte. Zudem hatte er durchzusetzen versucht, dass das Malaria-Mittel Chloroquin trotz nicht nachgewiesener Wirksamkeit zur Bekämpfung der Lungenkrankheit eingesetzt wird. 

Der Onkologe Teich wurde Mitte April als Gesundheitsminister installiert, nachdem Bolsonaro dessen Vorgänger Luiz Henrique Mandetta entlassen hatte. Auch Mandetta hatte Differenzen mit Bolsonaro über Abstandsregeln, Ausgangssperren und die Anwendung von Chloroquin. Teich hatte erst kürzlich gewarnt, es sei noch gar nicht abzusehen, wann der Höhepunkt der Infektionen erreicht wird.

Vorerst übernimmt die Nummer zwei im Ministerium, General Eduardo Pazuello, die Leitung des Ressorts, bis ein Nachfolger gefunden ist. Damit zeichnet sich ein Stück weiter die „Militarisierung“ der brasilianischen Regierung ab. Zehn Generäle bekleiden in Bolsonaros Kabinett entscheidende Posten, und Vize-Präsident Hamilton Mourão gilt als wichtiger Berater und auch bisweilen Korrektiv des unberechenbaren Präsidenten. Der ehemalige Fallschirmjäger Bolsonaro fühlt sich unter Militärs wohler als unter Politikern, und er verherrlicht die Diktatur im Land noch immer nostalgisch.

In den besonders vom Virus betroffenen Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro machten die Menschen ihrem Ärger über die Nachricht vom Rücktritt Teichs mit „Panelaços“ Luft, dem Schlagen auf Töpfen und Pfannen. Und wieder ertönten die „Fora Bolsonaro“-Rufe. Bolsonaro raus.

Corona in Brasilien: „Wie kann die Regierung Bolsonaro nur so eine verantwortungslose Politik machen“

Auch die Nachbarländer Brasiliens besorgt der nachlässige Umgang mit der Corona-Pandemie zunehmend. Paraguays Präsident Mario Abdo Benítez bezeichnete Brasilien vergangene Woche als „eine große Bedrohung“ für sein Land. Die beiden Staaten eint eine 7000 Kilometer lange Grenze, die seit Mitte März geschlossen ist. Und vorerst auch dicht bleibt: „So wie Brasilien die Krise managt, komme ich nicht im Traum auf die Idee, die Grenze zu öffnen“, unterstrich Abdo. 

Argentiniens Präsident Alberto Fernández, der seit Ausbruch der Pandemie seinem Land eine rigorose Quarantäne verordnet hat, schimpfte: „Nach Argentinien kommen jeden Tag LKW aus São Paulo, einem der am stärksten betroffenen Bundesstaaten. Wie kann die Regierung Bolsonaro nur so eine verantwortungslose Politik machen“.

Die kolumbianische Regierung hatte kürzlich mehr Soldaten an die Grenze zu dem im Umgang mit dem Virus nachlässigeren Brasilien geschickt, nachdem die Infiziertenzahlen in der Grenzregion stark angestiegen waren. Nach einem virtuellen Treffen mit kolumbianischen und brasilianischen Ministern wird nun doch auch Brasilien aktiv und verstärkt seine Militärpräsenz an der Grenze zu Kolumbien.

Von Klaus Ehringfeld 

Das Coronavirus verbreitet sich in Brasilien rasant. Dennoch verlangt Bolsonaro Lockerung der Ausgangssperren.

In ganz Lateinamerika sind Millionen Menschen auf das Geld ihrer im Ausland arbeitenden Angehörigen angewiesen. Das fällt nun wegen Corona größtenteils weg – mit dramatischen Folgen.

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare