Tracing im Autokino? Im hochtechnologisierten Südkorea ist die Nutzung einer App für die meisten Menschen kein Problem. afp
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Tracing im Autokino? Im hochtechnologisierten Südkorea ist die Nutzung einer App für die meisten Menschen kein Problem.

Digitalisierung

Corona-App: Die Hoffnung auf Normalität ist digital

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie setzen mittlerweile viele Länder auf Apps.

  • Corona-App ist Mittel zur Eindämmung der Pandemie. 
  • Die App ist nicht unumstritten. 
  • Mindestens 60 Prozent müssten die Corona-App nutzen. 

Die ganze Welt sucht nach Mitteln, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Mit dem Smartphone könnte ein Werkzeug dafür bereits in vielen Hosentaschen stecken. In vielen Ländern werden verschiedene Apps zum Nachverfolgen der Kontakte von an Covid-19 erkrankten Personen entwickelt – manche sind schon im Einsatz. Kritiker sehen darin allerdings einen Schritt hin zu mehr digitaler Überwachung.

Corona-Warn-App soll Mitte Juni kommen

Die Bundesregierung hat die „Corona-Warn-App“ für Mitte Juni angekündigt. Die Nutzung soll freiwillig sein und so funktionieren: Wenn sich zwei Smartphonenutzer, die die App auf ihrem Gerät installiert haben, eine bestimmte Zeit lang nah genug für eine potenzielle Ansteckung sind, tauschen diese über die Datenübertragung Bluetooth sogenannte pseudonyme IDs aus. Diese Identifikatoren lassen zunächst keinen Rückschluss auf die konkreten Personen zu. Sollte eine der beiden infiziert sein, ist der Kontakt jedoch nachvollziehbar. Wer positiv getestet wird, kann das melden und so veranlassen, dass seine Kontakte informiert werden.

Nach einigem Hin und Her fiel die Entscheidung auf eine dezentrale statt auf eine zentrale Variante der App. Netzpolitische Organisationen wie der Chaos Computer Club hatten dies in einem offenen Brief an Regierungsvertreter gefordert. Dezentral bedeutet: Ob ein Nutzer Kontakt zu einem Infizierten hatte, wird nur auf den einzelnen Smartphones überprüft, nicht aber auf einem zentralen Server. Im Falle einer Infektion sendet der Betroffene diese Information einzeln an den Server. Dieser Ansatz garantiert laut Thorsten Holz, Professor für Systemsicherheit am Horst-Götz-Institut, „die datenschutzfreundliche Sammlung und Nutzung von Informationen und verhindert einen potenziellen Missbrauch“.

Corona-App international

Doch wie sieht es in anderen Ländern aus? In der Schweiz wird ebenfalls ein dezentraler Ansatz verfolgt. Ursprünglich sollte dieApp dort bereits am 11. Mai verfügbar sein. Doch nun soll zunächst eine Gesetzesgrundlage für die Einführung einer solchen App geschaffen werden. Wegen dieser Verzögerung durchlaufe die App derzeit eine Testphase, teilt der an der Entwicklung beteiligte Professor für digitale Epidemiologie, Marcel Salathé, mit. Die Entwickler gehen davon aus, dass letztlich mindestens 60 Prozent der Bevölkerung die Tracing-App nutzen müssten, damit sie Wirkung zeige. Ob solche Zahlen jedoch realistisch sind, ist nicht nur in der Schweiz fraglich.

Ebenfalls getestet wird seit einigen Tagen in Großbritannien. Hier werden die Daten zentral gesammelt. Die 140 000 Bewohnerinnen und Bewohner der Isle of Wight dienen derzeit als Testgruppe. Nach Angaben der britischen Regierung soll die App des Gesundheitssystems NHS dort nach wenigen Tagen rund 60 000-mal heruntergeladen worden sein. Jedoch seien darunter mehrfache Downloads nicht auszuschließen. Probleme gibt es bei der britischen Variante mit Apple-Produkten wie dem iPhone. Deren Betriebssystem hindert die App daran, im Hintergrund permanent Bluetoothsignale zu ver-senden. Daher wird über eine Umstellung auf ein dezentrales System diskutiert – nur so könnte das Problem beseitigt werden, heißt es.

Nutzung von Corona-App wird in Indien vorausgesetzt 

In Indien gibt es bereits eine App, die schon 100 Millionen Menschen nutzen sollen. Zwar ist die Nutzung nicht vom Staat vorgegeben, viele Regierungsorganisationen und auch Unternehmen verpflichten ihre Angestellten aber dazu. Einem Bericht des Magazins „Technology Review“ der US-Universität MIT zufolge werden in einigen indischen Städten Personen gar bestraft, wenn sie die App nicht installiert haben.

Ohne Drohkulisse kommt die App aus, die in Island schon viele Menschen installiert haben. Es gibt sie seit Anfang April und inzwischen nutzen sie fast 40 Prozent der knapp 350 000 Isländer. Die Technik setzt nicht auf das Übermitteln von Identifikatoren via Bluetooth, sondern überprüft mit der Ortungstechnologie GPS, wo sich Personen aufgehalten haben und ob Kontakt zu Infizierten bestand. Berichten zufolge ist der Nutzen der App jedoch gering: Die GPS-Daten sind ungenauer als die Bluetoothtechnologie.

Corona-App in China

Als besonders übergriffig wird die App eingestuft, die in China im Einsatz ist. Neben den Aufenthaltsorten der Nutzer werden auch deren Identität und persönliche Bezahlvorgänge unanonymisiert überwacht. Die Polizei vor Ort kann laut dem „MIT Technology Review“ so etwa überprüfen, ob Menschen die Vorschriften zur Quarantäne einhalten.

In den USA, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind, gibt es bislang noch keine landesweite App. Bisher haben nur einzelne Bundesstaaten Anwendungen auf den Weg gebracht.

Als Vorbild dient den Ländern, die eine App einsetzen oder einsetzen wollen, Südkorea. Das Land hat es – ohne Lockdown und dank einer rege genutzten Tracing-App – geschafft, die Infektionszahlen niedrig zu halten. Im Unterschied zu vielen anderen Staaten ist Südkorea jedoch ein durchdigitalisiertes Land – staatliche Überwachung wird hier weniger kritisch gesehen.

Frankreich startet Tracing-App: „StopCovid“ soll flexibler sein als die deutsche Version, doch die Bedenken in Sachen Datenschutz sind groß. Deshalb sollte der Bundestag beim Datenschutz für die Corona-App genauso schnell sein, wie bei der Einschränkung der Bürgerrechte zum Gesundheitsschutz. Ein Kommentar.

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