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Vor allem kleinere Kinder fordern alleinerziehenden Eltern bei der Betreuung viel ab.
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Vor allem kleinere Kinder fordern alleinerziehenden Eltern bei der Betreuung viel ab.

Psyche in der Pandemie

Corona und alleinerziehend: „Zeit für mich selbst habe ich nie“

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Schlaflose Nächte und ständig schlechtes Gewissen: In der Corona-Pandemie zerreiben sich Alleinerziehende zwischen Kindern, Schule und Beruf.

Frankfurt - Ein Tag hat 24 Stunden, daran gibt es kein Rütteln. Wie viel Arbeit und Aufgaben in einen Alltag passen können – und passen können müssen – wissen viele Eltern gut, besonders aus den vergangenen Monaten, in denen Kinder rund um die Uhr betreut, bespaßt und beschult werden mussten. Noch mehr gilt das für die, die dabei nur auf sich gestellt sind: für Alleinerziehende.

Gabriele Bues ist Diplompädagogin, ehemals selbst alleinerziehend, und arbeitet seit zwölf Jahren für den Verband alleinerziehender Mütter und Väter (Vamv) in Frankfurt. Normalerweise wenden sich Mütter und Väter vor oder während einer Trennung an sie, um sich Tipps zu holen. In letzter Zeit aber wird Gabriele Bues häufig von erschöpften Eltern kontaktiert. „Erst letzte Woche hatte ich zwei Anrufe von Müttern, die wirklich verzweifelt waren: Ihre Kinder flippen aus“, sagt Bues. „Alleinerziehend sein ist natürlich sowieso eine Herausforderung. Corona potenziert das.“ Für Alleinerziehende bedeute die Zeit eine Doppelt-, Dreifach- oder Vierfach-Belastung.

Mehrfach-Belastung durch Corona: Neun von zehn erwerbstätigen Alleinerziehenden sind Frauen

Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2019 rund 2,2 Millionen Mütter und gut 400 000 Väter in Deutschland alleinerziehend. Für den Alltag im vergangenen Jahr bedeutete das oft: den Haushalt regeln, also einkaufen, aufräumen, Essen zubereiten, Finanzen und Papierkram – immer begleitet von einem, zwei, drei oder mehr Kindern, die Aufmerksamkeit einfordern.

Dazu für ein, zwei, drei oder mehr Kinder die Lehrkraft ersetzen und sie individuell fördern und liebevoll betreuen. Egal unter welchen individuellen Bedingungen, sowohl finanziell und technisch als auch hinsichtlich der Lernfähigkeit der Kinder und der Raumsituation zu Hause. Dazu noch der eigenen Berufstätigkeit nachgehen. Eltern, die sich ihre Arbeitszeit einteilen können, verlegen sie auf die frühen Morgenstunden und den späten Abend. Dann stellt sich noch die Frage: wann schlafen?

Am Ende des Tages fix und fertig - Alleinerziehende verlangen sich selbst alles ab

Im Jahr 2018 waren 692 000 Alleinerziehende mit Kindern unter 13 Jahren erwerbstätig, davon 292 000 in Vollzeit und 400 000 in Teilzeit. 620 000 davon, das entspricht 90 Prozent der erwerbstätigen Alleinerziehenden, waren Frauen.

Von der Herausforderung, nebenbei das Berufsleben zu managen, kann auch eine 43-jährige Frankfurterin berichten. Sie erzieht ihren siebenjährigen Sohn allein. „Am Ende des Tages war ich oft fix und fertig und alles wurde immer perspektivloser“, sagt sie. Ihre Situation war vertrackt. „Ich bin Ökologin, aber zu Beginn von Corona war ich auf Jobsuche.“

Kein Anspruch auf Betreuung in der Corona-Pandemie

Deshalb hatte sie keinen Anspruch auf Betreuung und schrieb neben Haushalt und Homeschooling Bewerbungen. „Es war ein Teufelskreis, weil ich einfach keine Zeit hatte, mich darum zu kümmern“, sagt sie. Und: „Man kann ja auch kein Kind zu einem Vorstellungsgespräch mitnehmen.“ Mittlerweile hat sie sich selbstständig gemacht – und hat jetzt Anspruch darauf, dass ihr Sohn zur Schule gehen kann.

Almut Schnerring gehört der Initiative „Equal Care Day“ an. Diese setzt sich für eine stärkere Wertschätzung von Fürsorgearbeit ein – beruflich wie privat. „Kinder zu bekommen gilt immer noch als privater Luxus.“, sagt sie. „Wer sich dafür entscheidet und sich dann auch noch um sie kümmert, muss als Folge finanzielle und berufliche Benachteiligung in Kauf nehmen.“

Wegen Corona: Kinder dürfen den Vater in der Schweiz nicht besuchen

Auch eine zweifache Mutter aus Bad Nauheim berichtet vom Kraftakt, während des Lockdowns alleinerziehend zu sein. „Bis nach den Herbstferien die Notbetreuung auch auf nicht systemrelevante Berufe ausgeweitet wurde, habe ich bei meiner Arbeit im Einzelhandel Minusstunden gesammelt“, berichtet die 41-Jährige. „Zum Glück habe ich eine sehr entgegenkommende Chefin“, sagt sie – die ihr überhaupt die Möglichkeit gab, die Arbeit auszusetzen.

Die 41-Jährige hat zwei Söhne, neun und zwölf Jahre alt; der Vater lebt in der Schweiz. Ihn sehen die Kinder normalerweise, wenn er Urlaub hat – eine Verschnaufzeit für die Mutter. „Als im ersten Lockdown die Grenzen zu waren, haben sie ihn gar nicht gesehen. In den Herbst- und Winterferien, als Teile der Schweiz zum Risikogebiet erklärt wurden, konnten sie auch nicht zu ihm fahren.“

Im Corona-Lockdown: Die Care-Arbeit bleibt an Frauen hängen

Keine Seltenheit, sagt die Sozialarbeiterin vom Alleinerziehenden-Verein. „Manchmal gibt es gar keine Möglichkeit, dass der zweite Elternteil übernimmt: Der Kontakt ist schlecht, sie wohnen in anderen Städten oder im Ausland.“ Bues berichtet von einem Fall, bei dem der Vater das Kind nicht nehmen wollte, weil seine neue Frau schwanger ist. „Er wollte, dass das Kind erst in Quarantäne statt in die Kita geht.“ Das ging für die berufstätige Mutter aber nicht.

Nicht immer – vor allem nicht während Corona – ist es möglich, dass sich beide Elternteile die Arbeit teilen. „Nur da, wo zwei Partner:innen sind, lässt sich über die Aufteilung der alltäglichen Care-Arbeit überhaupt verhandeln“, sagt Schnerring von der Initative „Equal Care Day“.

Hilfen:

Infos zu Unterstützungsmöglichkeiten und Steuererleichterungen gibt es auf der Website des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (Vamv): www.vamv.de

Eine Krisen-Hotline mit psychosozialer Beratung für Alleinerziehende hat der Vamv NRW eingerichtet: Telefon 0201-82 774-799

Auch das Bundesfamilien- und das Bundesarbeitsministerium informieren über Hilfen: www.bmfsfj.de/corona
www.bmas.de/corona. FR

Auch die Frankfurter Mutter ist im Alltag meist auf sich gestellt. „Der Vater meines Sohnes wohnt eine Stunde entfernt“, sagt die 43-Jährige. „Während des ersten Lockdowns ist er gar nicht gekommen, um unseren Sohn vor einer Ansteckung zu schützen.“ Für Alleinerziehende gilt dann: Sie sind mit allen Aufgaben und der gesamten Verantwortung ganz auf sich gestellt.

„Bei einer Mutter ist ihr Grundschulkind über den Schulaufgaben durchgedreht“, sagt Bues vom Vamv. „Sie merkte, sie ist dem nicht mehr gewachsen.“ Die Sozialpädagogin beruhigt und berät dann bestmöglich. Ihr Tipp in diesem Fall war eine direkte Entschärfung, keine Dauerlösung: das Homeschooling ein paar Tage ruhen und das Kind sich austoben lassen. „Beide mussten mal merken, dass das Leben nicht nur aus dem Kampf mit dem Homeschooling besteht.“

Geschlossene Schulen in der Corona-Pandemie: Mutter ersetzt monatelang die Lehrkräfte

Bues’ Einschätzung ist: Mit Grundschulkindern seien die vergangenen zwölf Monate am schwierigsten gewesen, besonders mit Erstklässlern, die Schule noch nicht richtig kennengelernt haben. „Jugendliche organisieren und beschäftigen sich besser selbst.“

Das bestätigt die 41-jährige Mutter aus Bad Nauheim. Ihr zwölfjähriger Sohn sei ziemlich selbstständig – sowohl in seiner Freizeit als auch bei den Schulaufgaben. „Er hat einen Laptop. Es gab Zoom-Treffen, Einzelarbeit, Zoom-Treffen, Einzelarbeit.“ Komplizierter sei es für sie mit dem neunjährigen Sohn, für den sie monatelang den kompletten Unterricht übernommen habe. „Das Homeschooling raubt mir viel Kraft.“ Ein Grund dafür seien die Unmengen an Arbeitsblättern. „Weil wir keinen Drucker haben, haben wir die Zettel jeden Morgen bei der Lehrerin abgeholt“ - ein enormer Zeitaufwand.

Homeschooling während des Lockdowns: Mein Sohn hört nicht auf mich, wie er auf die Lehrer hört“

Dazu komme, dass dem Sohn beim Homeschooling die Verbindlichkeit fehle: Tagesstruktur, Klassenraum, Gruppendynamik, Lehrkraftautorität. „Das kann ich als Einzelperson nicht ersetzen. Es ist ja nicht so, als könnte man einem Kind in dem Alter sagen: Mach mal das – und dann machen die das.“

Diese Homeschooling-Erfahrung teilt die Frankfurter Mutter. „Mein Sohn hört nicht auf mich, wie er auf seine Lehrerinnen und Lehrer hört.“ Der Sohn der 43-Jährigen ist Zweitklässler – zur Erleichterung seiner Mutter besucht er die Schule seit wenigen Monaten auch wieder. Die Hausaufgabenbetreuung im Hort findet wegen der Hygienebestimmungen aber nicht statt.

Alleinerziehende fühlen sich immer erschöpft

„Ich hatte Sorge, dass mein Sohn Rückschritte macht“, sagt seine Mutter. „Ich habe hohe Erwartungen. Deshalb geht er jetzt nicht in den Hort, sondern ist nachmittags hier, und ich betreue die Aufgaben während der Arbeit.“ Manchmal sei sie auch schon sehr launisch gewesen, weil die Erschöpfung so groß war. „Ich habe angefangen, ihn anzuschreien. Da war er dann sehr traurig.“ Das passiere äußerst selten.

Ihr Sohn wolle viel mit ihr spielen, und sie versuche so gut wie möglich, die fehlenden sozialen Kontakte auszugleichen. „Ihm geht es gut, weil ich mich so sehr anstrenge“, sagt sie. Die Konsequenz: „Ich bin immer müde, habe viele schlaflose Nächte.“ Almut Schnerring nennt das die „Last der Verantwortung“ oder „Mental Load“ – neben dem Zeitaufwand die wahre unsichtbare Belastung der Fürsorgearbeit.

Alleinerziehende Care-Arbeitende kennen keinen Feierabend

Hier liegt laut Schnerring der Unterschied zwischen der Person, die bei der Familienarbeit Hilfe anbietet, und der Person, die letztlich die Verantwortung trägt. „In jedem anderen Arbeitsgebiet versteht sich von selbst, dass die Organisation der Aufgaben, ihre Planung, Verteilung und das dazugehörige Fachwissen Teil der Arbeit sind“, sagt Schnerring. Aber es gibt noch eine weitere Differenz zwischen Erwerbs- und privater Fürsorgearbeit: Care-Arbeitende kennen keinen Feierabend.

Gabriele Bues bekommt in Beratungsgesprächen mit, dass viele Eltern dauerhaft ein schlechtes Gewissen haben – das schlägt sich auch auf die Psyche der Alleinerziehenden nieder. „Betreuen sie die Kinder nebenbei, haben sie die Sorge, ihnen nicht gerecht zu werden. Nehmen sie die Notbetreuung in Anspruch oder spannen die Großeltern ein, machen sie sich Gedanken wegen Corona.“

Corona-Pandemie: Studierende Eltern können erst seit kurzem die Notbetreuung nutzen

Für Familien, die aus einem Elternteil bestehen, kommen neben Haushalt, Homeschooling und Erziehung individuelle Herausforderungen dazu. Die 41-jährige Bad Nauheimerin sorgt sich, weil ihr älterer Sohn eine Lese-Rechtschreibschwäche hat, die seit fast einem Jahr nicht behandelt wird.

Schule und Job am Wohnzimmertisch: So sieht der Corona-Alltag für viele Mütter und ihre Kinder aus.

Bei einer anderen Alleinerziehenden, von der Gabriele Bues berichtet, war die Situation kompliziert, weil sie Studentin ist. Neben der Betreuung ihres Kindes arbeitete sie an einer dringenden Abgabe. „Sie rief mich an und meinte: Ich halte das nicht mehr aus.“ Erst seit Mitte Januar können studierende Eltern in den meisten Bundesländern eine Notbetreuung ihrer Kinder in Anspruch nehmen – aber nur in konkreten Bedarfsfällen wie der Prüfungsvorbereitung.

Flohmärkte fallen durch den Corona-Lockdown aus - vieles wird teurer

Bis dahin hatten Eltern im Studium keinen Anspruch auf Kinderkrankentage oder Notbetreuung. Vorlesungen und Seminare, Hausarbeiten und Klausurvorbereitung mussten nebenbei absolviert werden. In diesem Fall habe die Großmutter nach dem Telefonat die Krisenintervention übernehmen können, sagt Bues.

Bei anderen Alleinerziehenden wird die finanzielle Situation durch Corona schwieriger. Viele Kosten – wie für Heizung und Strom – hätten sich erhöht. Und weil die Kinder jetzt immer zu Hause essen, steigen auch die Lebensmittelkosten. Oft müssen zusätzliche technische Geräte angeschafft werden, damit alle Kinder gleichzeitig an der Online-Schule teilnehmen können. Viele Tauschangebote und Flohmärkte finden nach wie vor nicht statt – das wird zum Problem, wenn Kinder dauernd aus ihren Kleidern herauswachsen. „Viele können sich Neuware nicht leisten – und kauf’ mal Kinderschuhe online“ - Gabriele Bues kennt die Probleme ihrer Klient:innen.

Unterstützung für Alleinerziehende: Der Kinderbonus kommt nicht ganz bei ihr an

Die Mutter aus Bad Nauheim übt auch Kritik an der Unterstützung für Alleinerziehende durch den Bund. „Über den Kinderbonus im Sommer habe ich mich sehr gefreut, allerdings ist der nicht ganz bei mir angekommen.“ Er wurde bei beiden Elternteilen zur Hälfte angerechnet. „Aber eine Scheidung ist meistens eine komplizierte Angelegenheit. Wer in Trennung lebt, der weiß das“, sagt die Mutter zweier Kinder. Der Vater habe seinen Unterhalt in diesem Monat nicht um den Bonus-Betrag erhöht. Ihr Wunsch, falls ein weiterer Kinderbonus genehmigt werden sollte: dass er den Elternteil erreicht, der die Betreuung übernimmt.

Auch Almut Schnerring fordert finanzielle Verbesserungen und mehr hilfreiche Anerkennung für private Fürsorgearbeit. „Als Alleinerziehende die Kinderbetreuung bei geschlossenen Kitas und Homeschooling samt Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bekommen, geht schon lange auf Kosten von Gesundheit, Kindeswohl, Einkommen und gesellschaftlicher Teilhabe.“ Aktuell werde besonders deutlich, dass sich das Wirtschaftssystem auf die unausgesprochene Übereinkunft stütze, private Care-Arbeitende ohne finanzielle Entschädigung auszunutzen.

Im Corona-Lockdown: Keine Zeit für das eigene Wohlbefinden

Das eigene Isolationsgefühl während der Corona-Lockdowns zu überlisten, mit persönlichen Tiefschlägen umzugehen und Zuversicht zu bewahren, ist für die Alleinerziehenden wichtig – und wie gut es gelingt, das wirkt sich auch auf die Kinder aus. Sich um ihr inneres Wohlbefinden zu kümmern, sei völlig auf der Strecke geblieben, sagt die alleinerziehende Mutter aus Frankfurt. „Die Tatsache ist: Ich habe in diesem letzten Jahr gar keine Zeit für mich gehabt.“ (Sophie Vorgrimler)

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