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Labour-Chef Corbyn (Mitte) vollzieht eine Wende.

Großbritannien

Corbyn gibt nach

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Der Labour-Chef gibt seinen Widerstand gegen Neuwahlen auf – doch die Chancen auf einen Abstimmungserfolg sind mau.

Es ist erst zwei Jahre her, dass die Organisatoren des Labour-Parteitags Jeremy Corbyn für ein Video buchstäblich übers Wasser gehen lassen wollten. Der Chef der Opposition sollte für die Kameras in biblische Sphären gehoben werden. Es kam nicht soweit, und doch zeigten die Jesus-Pläne das Selbstbewusstsein der britischen Sozialdemokraten, die den Vorsitzenden Corbyn frenetisch bejubelten.

Heute sieht alles etwas anders aus. Wochenlang sperrte sich der Oppositionschef gegen den Wunsch von Premierminister Boris Johnson, noch in diesem Jahr Neuwahlen abzuhalten. Nun gab er den Forderungen des Konservativen nach und sagte zu, bei der Abstimmung am Dienstag eine vorweihnachtliche Wahl zu unterstützen. Der Druck war zu groß geworden und sein Argument nach der Einigung der 27 übrigen Mitgliedstaaten auf einen Brexit-Aufschub kaum noch haltbar. Immer wieder hatte Corbyn betont, er werde Neuwahlen erst zustimmen, wenn ein ungeordneter EU-Austritt ohne Abkommen ausgeschlossen sei. Die Bedingung, dass ein ungeregelter EU-Austritt vom Tisch sein müsse, sei jetzt erfüllt, hieß es. Das Argument durfte als nobler Grund bezeichnet werden, auch wenn hinter dem Zögern vor allem die Gewissheit der Opposition steckte, dass ein kurz vor dem Urnengang vollzogener Brexit mit Austrittsvertrag Johnson beflügeln würde.

Kann Corbyn das berauschende Gefühl vom Frühjahr 2017 wiederbeleben? Damals werteten die Labour-Anhänger das Abschneiden bei den vorgezogenen Parlamentswahlen als Erfolg des Altlinken. Die Sozialdemokraten erreichten weitaus mehr als erwartet, nachdem die Partei in Umfragen lange weit abgeschlagen war. So konnte sich Corbyn – trotz Niederlage – als großer Sieger feiern. Und blieb an der Spitze der tief gespaltenen Partei.

„Er sitzt auf dem Zaun“

Einige Beobachter sind nun der Ansicht, Corbyn sei in die Falle Johnsons getappt. Zwar sind seine Fans überzeugt, dass der 70-Jährige noch einmal eine ähnliche Kampagne liefern könnte wie vor zwei Jahren. In Umfragen liegt Labour aber deutlich hinter den Tories – wegen des Schlingerkurses beim Brexit, wegen antisemitischer Skandale in der Partei und der Unfähigkeit der Führung, sich davon klar genug zu distanzieren. Und vor allem wegen Corbyn, der seit vier Jahren Labour führt. Er schreckt etliche Wähler ab, insbesondere moderate Labour-Anhänger.

Angesichts des Brexit-Dramas, so die Kritik, müssten die Sozialdemokraten eigentlich längst an der Macht sein. Oder zumindest die Umfragen uneinholbar anführen. Doch Labour ist in der Europafrage tief zerstritten. Und Corbyn? „Er sitzt auf dem Zaun“, wie die Briten seine Unentschiedenheit nennen. Der lebenslange Europaskeptiker wollte und will sich bei der wichtigsten Aufgabe der Nachkriegsgeschichte Großbritanniens schlichtweg nicht festlegen. Er fordert, „dass die Menschen die Möglichkeit haben, zwischen einem Verbleib in der EU und einem Austritt mit einem Abkommen zu wählen, das wir von Labour ausgehandelt haben“. Mit diesem Plan will er die europaskeptischen Wähler von der Abwanderung zu den Tories oder der Brexit-Partei abhalten.

Der Haken für die Pro-Europäer: Ob Corbyn für den mit Brüssel vereinbarten Deal oder für einen Verbleib werben würde, lässt er bislang offen. Wie lange sich der Labour-Chef weiter auf „dem Zaun“ halten kann, werden die nächsten Wochen zeigen. Um eine Chance zu haben bei der Dezember-Wahl, muss er sich vermutlich endlich für eine Seite entscheiden.

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