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COP27 in Ägypten: Der Fluch der Ressourcen

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Von: Johannes Dieterich

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Durch die geplanten Ölbohrungen ist der zweitgrößte Regenwald der Welt in Gefahr.
Durch die geplanten Ölbohrungen ist der zweitgrößte Regenwald der Welt in Gefahr © Imago

In der Demokratischen Republik Kongo liegen große Öl- und Gasfelder unter dem Regenwald. Die Regierung will sie ausbeuten lassen

Zumindest kann man Tosi Mpanu Mpanu keinen geheimnisvollen Umgang mit der Wahrheit vorwerfen. „Unsere Priorität ist nicht, die Welt zu retten“, erklärt der Klimabeauftragte der Regierung der Demokratischen Republik Kongo: „Für uns ist das Wirtschaftswachstum wichtiger.“ Der Berater des kongolesischen „Ministers für Kohlenwasserstoffe“ unterstützt deshalb vorbehaltslos seinen Auftraggeber, der die sagenhaften Erdöl- und Erdgasvorkommen des Riesenstaats im Zentrum Afrikas ausbeuten will – selbst wenn diese unter dem zweitgrößten Regenwald der Welt, unter den Habitaten der letzten Berggorillas und unter dem größten Klimagasspeicher der Erde verborgen sind.

Öl und Gas im Kongo: Regierung erwartet Schub für die Entwicklung

In der bis zu acht Meter dicken Torfschicht des Kongobeckens sollen rund 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden sein: Wenn der als Kohlendioxid freiwürde, wäre das so viel wie sämtliche Fahrzeuge, Heizungen und Industrieanlagen der Welt in drei Jahren in die Atmosphäre blasen. Trotz eines weltweiten Aufschreis schrieb die Regierung in Kongos Hauptstadt Kinshasa Ende Juli insgesamt 30 Blöcke für die Erdöl- und Erdgasgewinnung aus: Auf einem Gebiet, das elf der 160 Millionen Hektar des Regenwalds sowie eine Million Hektar Torfland abdeckt.

Dort sollen rund 16 Milliarden Fass Rohöl im Boden schlummern, die derzeit gut 650 Milliarden Euro wert sind – zwölf Mal mehr als die jährliche Wirtschaftskraft des Kongo. „Können Sie sich vorstellen, was dieses Erdöl für uns tun kann?“, fragt Mpanu Mpanus Chef, Minister Didier Budimbu: „Es wird unserer Entwicklung einen einzigartigen Schub verschaffen.“

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Mineralölmultis haben bis Februar Zeit, ihre Angebote einzubringen. Immerhin drei – Total, Eni und Shell – winkten bereits ab: Ihnen ist die Erdölgewinnung in einer der labilsten Landschaften der Welt zu heikel. Auch wenn Kongos Regierung verspricht, dass bei der Förderung des fossilen Rohstoffs alles nach modernsten umweltverträglichen Maßstäben zugehen wird, müssen doch Straßen in den Urwald geschlagen, Pipelines verlegt und Schneisen für die seismischen Messungen gerodet werden – von möglichen Unfällen ganz zu schweigen.

Davon können die Manager von Shell ein Lied singen: Die regelmäßigen Ölpests im nigerianischen Niger-Delta haben das Feuchtgebiet von der Größe Baden-Württembergs weitgehend ruiniert. Das Kongobecken sei „der schlechteste Ort der Welt, um Erdöl zu fördern“, urteilt Simon Lewis, Professor für Klimawandel am University College in London: Die Absicht der kongolesischen Regierung leite „eine Klima-, Wildtier-, Gesundheits- und Menschenrechtskatastrophe“ ein.

Wie die Gewinnung fossiler Brennstoffe das Sozialgefüge eines Landes zerstört, ist in so gut wie jedem afrikanischen Rohstoff-Staat abzulesen. Im Sudan hat sie zu mehreren Kriegen geführt, in Nigeria zum kriminellen Bandenwesen, in Angola zur endemischen Korruption und in Mosambik sollen sich Kämpfer des Islamischen Staats (IS) mit den Gegnern der dortigen Erdgasgewinnung vermischt haben.

Öl und Gas im Kongo: Weltnaturerbe gefährdet

Von wo im Kongo die Gefahr droht, ist schon heute klar: In den im Osten des Landes ausgeschriebenen Explorationsblöcken tummeln sich zahllose Kämpfer der unzähligen ostkongolesischen Rebellentruppen. Auch der weltberühmte Virunga-Park, vor dem die staatlichen Erdölprospektoren nicht Halt machten, dient mit seinen Berggorillas und Okapis bereits heute mehreren Milizen als Versteck und Lieferant von Nahrungsmitteln.

Werden in das Gemisch auch noch Erdölarbeiter, Holzfäller, Lastwagenfahrer und kommerzielle Wilderer geworfen, wird der Kollaps des Weltnaturerbes der Unesco nicht mehr aufzuhalten sein. „Wir sorgen uns mehr um Menschen als um Gorillas“, sucht Kongos Informationsminister Patrick Muyaya beim Wahlvolk zu punkten: Europäer:innen wird in Afrika oft vorgeworfen, wilde Tiere wichtiger als Menschen zu nehmen (zumindest wenn es sich bei diesen um Afrikaner:innen handelt).

Ob Kongos Bevölkerung den Beteuerungen ihrer Regierung vertraut, wonach es ihr nicht um das Füllen der eigenen Taschen, sondern auf das Volk, dessen Wohlstand und Entwicklung ankommt, muss allerdings bezweifelt werden: Denn obwohl Afrikas Bodenschatzkammer schon seit Jahrzehnten riesige Summen am Export von Kupfer, Kohle, Coltan oder Uran einnimmt, blieb der Kongo einer der ärmsten Staaten der Welt. Statt zum Wohlstand haben die Gold-, Kobalt- und Zinn-Minen im Osten des Landes zu endlosen Bürgerkriegen geführt: Das Land ist eines der erschütterndsten Beispiele für den „Fluch der Ressourcen“ – weitere Milliarden aus dem Erdöl- und Erdgas-Verkauf würden diesen nur noch korrupter und tödlicher machen.

Kongos Regierung will Geld, um Öl und Gas im Boden zu lassen

Gegenüber Journalisten der britischen „Financial Times“ ließ Kohlenwasserstoffminister Budimbu jüngst durchblicken, dass sein Ministerium für die 27 Erdöl- und drei Erdgasblöcke auch Angebote von Interessenten annehmen würde, die den Rohstoff nicht fördern, sondern als Einlage auf dem Emissions-Markt nutzen wollen. Falls der fossile Brennstoff im Boden gelassen wird, könnte sein Wert als Carbon-Kredit an emissionsreiche Industrien verkauft werden. So wollte es schon Equadors Präsident Rafael Correa vor 15 Jahren halten, als er die Erdölförderung im Yasuni Nationalpark bei Zahlung ausländischer Entschädigung erst gar nicht aufnehmen wollte. Als drei Jahre später jedoch nur 13 Millionen der nötigen 3,6 Milliarden US-Dollar zusammengekommen waren, ließ der Präsident doch mit der Erdölförderung im Yasuni-Park beginnen.

Dasselbe Schicksal steht nun auch dem zweitgrößten Regenwald- und größtem Torfgebiet der Welt bevor. Dass der Kongo die 650 Milliarden Euro, die seine Erdöl- und Erdgasblocks wert sein sollen, als Entschädigung bekommen wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Beim letztjährigen Klimagipfel in Glasgow wurde dem Kongo für den Schutz des Urwalds 500 Millionen Euro in fünf Jahren versprochen: Nicht einmal ein Tausendstel der Summe, mit der er bei einer Ausbeutung seiner fossilen Brennstoffe rechnen könnte.

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