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Übergabe: Laurent Fabius (l.) hat sein Amt als Außenminister Frankreichs niedergelegt, Jean-Marc Ayrault (r.) wird sein Nachfolger.

Frankreichs neuer Außenminister

Comeback des Ex-Premiers

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Jean-Marc Ayrault kehrt als französischer Außenminister auf die politische Bühne zurück. Der ehemalige Premierminister ist kein Lautsprecher und gilt als grundsolide. Damit ist er der Gegenentwurf zu einer anderen potentiellen Kandidatin für das Amt.

Ein Aufatmen geht durch die Amtsstuben des Quai d’Orsay. Ségolène Royal, die wegen ihres schwer ausrechenbaren Temperaments gefürchtete frühere Lebensgefährtin des Staatschefs François Hollande, bleibt Frankreichs Diplomaten erspart. Jean-Marc Ayrault hat das Rennen gemacht. Der Expremier kehrt als Außenminister auf die politische Bühne zurück. Und der 66-jährige Nachfolger des an die Spitze des Verfassungsrats wechselnden Laurent Fabius ist so etwas wie der Gegenentwurf zur umtriebigen Umweltministerin.

Ayrault ist die Ruhe in Person. Als grundsolide gilt er. Fest verankert in der westfranzösischen Provinz, wo er als Bürgermeister von Nantes in mehr als 20-jähriger Regentschaft das Wohl der Stadt gemehrt hat, hebt sich der Sozialist wohltuend von Kabinettskollegen ab, die lieber den Selbstdarsteller geben als den Diener des Volkes. Der Sohn eines Arbeiters und einer Schneiderin hat keine Elitehochschule besucht. Er hat sich hochgearbeitet, ohne zu vergessen, wo er herkommt.

Deutschlehrer, Kantonalrat, Abgeordneter der Nationalversammlung, Fraktionsvorsitzender – Schritt für Schritt ging es nach oben. Überall wurde der Mann mit dem kantigen Kinn und den blauen Augen als diszipliniert und arbeitsam gerühmt, wurde im Amt bestätigt, sofern er dieses nicht aus freien Stücken niederlegte. Nach dem Einzug Hollandes in den Élysée-Palast ging es 2012 noch höher hinauf. Als „ganz normaler Präsident“, wie der Wahlsieger sich seinen Landsleuten zu empfehlen pflegte, hielt Hollande Ausschau nach einem „ganz normalen Premier“. Die Wahl fiel fast zwangsläufig auf den langjährigen Weggefährten Ayrault. Gut ein Jahrzehnt hatten die beiden Sozialisten Seite an Seite in der Nationalversammlung gesessen, Ayrault als Fraktions-, Hollande als Parteichef.

Die Deutschen schätzen Ayrault als Franzosen, der ihr Land kennt, mag und auch noch dessen Sprache spricht. In Brüssel ist der Expremier als überzeugter Europäer in Erinnerung geblieben. Zu einer Zeit, da die Flüchtlingskrise, der drohende Austritt Großbritanniens und das Erstarken rechtsnationalistischer Populisten die EU in ihren Grundfesten erschüttern, ist die Berufung Ayraults an die Spitze des Quai d’Orsay gewiss keine schlechte Nachricht. Was nicht heißt, dass sie zu Hoffnungen berechtigte, Ayrault werde nun mit Hollande und den Kollegen Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel den deutsch-französischen Motor anwerfen und Europa Wege aus der Krise weisen. Kühne Projekte, mitreißende Reden sind Ayraults Sache nicht. Ein geduldiger Sachwalter ist er, kein charismatischer Anführer. Wenn er im März 2014 den Regierungspalast Matignon verlassen und dem energisch zupackenden Manuel Valls weichen musste, dann genau deshalb. Hollande war zu der Überzeugung gelangt, dass es in Wirtschaftskrisenzeiten an der Spitze der Regierung einen Gestalter brauche, keinen Verwalter.

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