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Ein Cognac auf die Freiheit

C’est la libération / Mit der Kapitulation des Stadtkommandanten von Paris endet vor 60 Jahren eine der dramatischsten Episoden des Zweiten Weltkriegs"Bleib ruhig, Mädchen, und trink den guten Cognac! Du kannst Dir noch viele Paraden anschauen, aber Du kannst nur einmal im Ritz die Befreiung von Paris feiern." Ein gewisser Ernest Hemingway brummt am 25. August 1944 diese Sätze durch seinen Vollbart, als eine Mademoiselle die wohl gefüllte Bar des Luxushotels an der Place Vendôme verlassen will. Draußen, auf den Champs Élysées, feiern zwei Millionen überglückliche Menschen "le jour de gloire", den "Tag des Ruhmes", nach vier langen Jahren der Erniedrigung. Paris ist befreit.

Von HANS-HELMUT KOHL (PARIS)

"Bleib ruhig, Mädchen, und trink den guten Cognac! Du kannst Dir noch viele Paraden anschauen, aber Du kannst nur einmal im Ritz die Befreiung von Paris feiern." Ein gewisser Ernest Hemingway brummt am 25. August 1944 diese Sätze durch seinen Vollbart, als eine Mademoiselle die wohl gefüllte Bar des Luxushotels an der Place Vendôme verlassen will. Draußen, auf den Champs Élysées, feiern zwei Millionen überglückliche Menschen "le jour de gloire", den "Tag des Ruhmes", nach vier langen Jahren der Erniedrigung. Paris ist befreit: Fünf Stunden vorher hat General Dietrich von Choltitz, der von Hitler kurz zuvor ernannte Stadtkommandant der "Festung Groß-Paris", im Bahnhof Montparnasse die Kapitulationsurkunde unterschrieben.

Und Paris ist nicht nur befreit, sondern auch intakt. Die Wiege der französischen Revolution und der Menschenrechte, die Sammlungen des Louvre, der Eiffelturm, Concorde, der Triumphbogen und die Nationalversammlung, Notre Dame und Sacre Coeur, die Place de la Concorde und der Senat: Die französische Kapitale zeigt an diesem Abend ihr strahlendes, unversehrtes Sommerantlitz, das die Welt seit Jahrhunderten verzaubert. Ein Wunder? Ja, aber auch eine der dramatischsten Episoden des Zweiten Weltkriegs, an die an diesem Mittwochabend mit einem großen Volksfest auf der Place de la Bastille erinnert wird.

Hat er? Oder hat er nicht? Indem Adolf Hitler am 7. August 1944 von Choltitz zum Stadtkommandanten beruft, wählt er bewusst einen 50 Jahre alten preußischen Karriereoffizier, der bis zu jenem Tag noch jeden seiner Befehle gnadenlos ausgeführt hat. Und er gibt ihm die Sätze mit auf den Weg, die seitdem als strikte Anweisung interpretiert werden, Paris dem Erdboden gleichzumachen: "Sie verteidigen Paris bis zum letzten Ihrer Männer, selbst wenn dies dazu führt, dass Sie ein Trümmerfeld hinterlassen."

Die Autoren des Beststellers "Brennt Paris?", Dominique Lapierre und Larry Collins, haben von Choltitz 1963 an seinem Ruhesitz Baden-Baden befragt, ob er sich mit seiner Kapitulation nach nur fünf Tagen Barrikadenkämpfen dem "Führerbefehl" widersetzte.

Nicht in Paris sterben

Die Antworten des 1966 gestorbenen Heeresgenerals sind so wenig eindeutig wie sein Verhalten während dieser Augusttage 1944. Aber Lapierre und Collins haben jüngst im Magazin L?Express eine Reihe von Indizien zusammen getragen, die belegen, dass von Choltitz nicht gewillt war, in einer Ruinenstadt sein Leben zu beenden. Unmittelbar nach dem Treffen mit Hitler eröffnet ihm der berüchtigte Reichsleiter Robert Ley in dem Zug, der ihn nach Paris bringen soll, dass er soeben einen weiteren Führerbefehl erhalten hat, wonach die Frauen und Kinder der Generäle, die sich Hitler widersetzen, hinzurichtensind. Von Choltitz macht in Baden-Baden Station und umarmt seine Frau und seine drei Kinder, "womöglich zum letzten Mal", so die Autoren.

In Paris angekommen, setzt der Stadtkommandant alles, was ihm geblieben ist, zur Verteidigung der "Festung" in Szene: Gut 20 000 Soldaten, vier Dutzend Panzer und die gleiche Anzahl Flugzeuge auf Le Bourget. Er lässt am 12. August seine Truppe in den Tuilerien und auf den Champs Élysées paradieren und mischt sich in Zivil unter die Passanten, um die Reaktion der Bevölkerung zu testen, die längst Abend für Abend in der BBC den Vormarsch der Alliierten verfolgt. Drei junge Frauen am Nachbartisch, die sich über die Wehrmachtparade mokieren, machen ihm klar, dass es deutlicherer Zeichen bedarf, um die auf die Befreiung wartenden Einwohner der Hauptstadt zu beeindrucken.

Zwei Pionier-Kompanien, die an der Ostfront die Taktik der "verbrannten Erde" erfolgreich erprobt haben, verminen die Brücken und Wasserwerke, die Gas- und Elektrizitätszentralen, die Telefonvermittlungsstellen und eine Reihe von Monumenten, darunter den Senat, das Abgeordnetenhaus und den Eiffelturm. Am 17. August 1944 aber kauft sich General von Choltitz bei einem edlen Herrenausstatter auf den Champs Élysées einen dicken Wintermantel, weil er glaubt, "dass der nächste Winter besonders streng wird". Er will diesen Winter erleben und nicht Hitlers "letzter Mann in Paris" sein.

Und dann ist da noch Pierre Taittinger, der Bürgermeister von Paris, der angesichts der deutschen Verteidigungsvorbereitungen ins Hotel Meurice, den Sitz der Stadtkommandantur, eilt und von Choltitz eindringlich bitten will, die Stadt und ihre Menschen zu verschonen. Aber der Deutsche spricht kein Wort Französisch und war vor seiner Ernennung nie in Paris, hat also überhaupt keine emotionale Bindung an diese Stadt. Mitten in dem verzweifelten Plädoyer Taittingers wird von Choltitz plötzlich von einem Asthmaanfall geschüttelt und tritt hinaus auf den Balkon - vor das Panorama der Kapitale.

Da packt der Bürgermeister alle seine Deutschkenntnisse zusammen und sagt zu ihm: "Die Militärs haben oft die Macht zu zerstören, aber nur selten die Macht, etwas zu errichten. Stellen Sie sich vor, Herr General, Sie kommen eines Tages hierher als Tourist zurück und Sie sehen diese Zeugen unserer Geschichte und können sagen: Ich, General von Choltitz, hätte dies zerstören können und habe es erhalten, als Geschenk an die Menschheit. General: Wiegt das nicht den Ruhm jedes Eroberers auf?"

Taittinger beeindruckt den Stadtkommandanten. Doch der macht klar: Wenn es aber zu Revolten gegen seine Truppen kommt oder die versprochene Unterstützung durch zwei SS-Panzerdivisionen eintrifft, droht Paris das Schicksal Warschaus. Es ist zwei Wochen zuvor in einem Feuersturm mit 200.000 Toten untergegangen, weil die Rote Armee nicht eingreift, während die Nazis brutal den polnischen Aufstand niederschlagen.

Genau dies aber, die Revolte, der Aufstand, ist das Ziel der Résistance, die Paris nicht von den Alliierten befreit sehen, sondern die Deutschen aus eigener Kraft vertreiben will. Dies weiß auch Charles de Gaulle, der Führer des "Freien Frankreich", der 1940 mit seinem berühmte Londoner Aufruf die Ehre der "grande nation" gerettet hat.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie hat er sich in Bayeux flugs zum Chef der "Provisorischen Regierung" ausgerufen - eine Rolle, die ihm Eisenhower, Roosevelt und Churchill nicht zugestehen wollen, weil sie eine "Alliierte Regierung" im befreiten Frankreich vor Augen haben.

Jetzt, im August 1944, sitzt de Gaulle in seinem Hauptquartier im nordafrikanischen Algier und weiß um diese doppelte Bedrohung seiner Ambitionen. Er befiehlt seinem "Statthalter" in Paris, einem jungen General namens Jacques Chaban-Delmas, dem im Nachkriegsfrankreich eine brillante Politikerkarriere bevorstehen wird, mit allen Mitteln einen Aufstand der Bevölkerung zu verhindern, den vor allem die kommunistischen Résistance- Kämpfer fordern. Und zugleich fleht er Eisenhower an, auf Paris zu marschieren und die Stadt der Wehrmacht zu entwinden.

Doch der Oberkommandierende der Alliierten denkt nicht daran. Ein Memorandum seines Stabes, das Chaban-Delmas zugespielt wird, erklärt Eisenhowers strategische Entscheidung. Paris anzugreifen und einzunehmen: Das bedeutet Straßenkampf wie in Stalingrad und Zerstörung, vor allem aber, dass vier Millionen Menschen künftig mit Nahrung und Energie versorgt müssen. Und dies von einer Armee, die selbst jedes Stück Brot und jeden Tropfen Sprit braucht, um noch vor dem Winter die deutschen Linien zu durchbrechen und einen Brückenkopf östlich des Rheins aufzubauen.

Die Revolte bricht los

In dieser Situation bricht am 19. August die Revolte in Paris los. Henri Rol-Tanguy, ein im Spanienkrieg gestählter Kommunist und Chef der Pariser Résistance, ruft zum Generalstreik auf, lässt Plakate drucken und gibt als Parole an seine Kämpfer aus: "Jedem seinen Deutschen!" Die Polizeipräfektur wird besetzt, dann die Rathäuser der Arrondissements und die Postämter, die Polizeireviere und der Schlachthof - und nicht zuletzt die Comédie Française. Die Parisiens reißen das Pflaster auf und errichten Barrikaden, um die deutschen Panzer zu stoppen. "Aux armes Citoyens": Der Ruf der Revolution von 1789 eilt zum zweiten Mal durch Paris.

Von Choltitz lässt die deutschen Truppen zurückschlagen. Panzer beschießen die Präfektur, und der Stadtkommandant bittet die Luftwaffe auf dem Flugfeld Le Bourget um Hilfe. Das Szenario "Paris in Flammen" wird immer wahrscheinlicher. De Gaulle entscheidet sich, sofort nach Frankreich zurückzukehren. Das von den Alliierten versprochene Langstreckenflugzeug aber kommt nicht, um ihn abzuholen. Man will ihn, diesen widerspenstigen Franzosen, nicht bei der Befreiung Frankreichs dabei haben. Also lässt de Gaulle seine kleine Maschine mit einem Zusatztank ausrüsten.

Und wieder ist es ein unglaublicher Zufall, dass der künftige Staatschef überhaupt ankommt. Nach sechs Stunden Flug, so die Autoren Lapierre und Collins, signalisiert der Pilot, das ihm der Treibstoff ausgeht und er die Maschine, die über dem Ärmelkanal unterwegs ist, in England auf den Boden bringen muss. Die empörte Reaktion de Gaulles: "England? Niemals! Ich lande nur in Frankreich!"

Das Flugzeug dreht ab, eine Küstenlinie erscheint, aber keiner im Cockpit erkennt das Terrain. Der Bordmechaniker wird mit einer Karte zum "Chef" geschickt, der seine Brille aufsetzt und aufmerksam die Küste beobachtet.

Dann kommt der trockene Hinweis mit ausgestrecktem Finger auf der Karte: "Hier sind wir - im Osten von Cherbourg." Als die Maschine ausrollt, leuchtet unter den Instrumenten ein rotes Lämpchen auf: Genau für 120 Sekunden reichte der Sprit noch in de Gaulles Maschine.

Im alliierten Hauptquartier toben die US-Generäle angesichts der Straßenkämpfe in Paris. George Patton, der legendäre Panzerkommandeur, schimpft: "Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen?". Als de Gaulle eintrifft, ist Eisenhower finster entschlossen, seine Strategie einzuhalten und Paris zu umgehen. Aber der Franzose interessiert sich nicht für Generalstabsvorträge, sondern beschwört die Gefahr einer kommunistischen Räterepublik in der Hauptstadt, wenn die Résistance erfolgreich sein sollte.

Und de Gaulle kündigt an, er werde die 2. französische Panzerdivision unter General Leclerc, die mit den Alliierten in der Normandie gelandet war, dem Oberbefehl Eisenhowers entziehen und alleine auf Paris losmarschieren. Der "Supreme Commander" beugt sich und befiehlt der 2. französischen und der 4. US-Panzerdivision, die Kapitale anzugreifen. Nach zwei Tagen Gewaltmarsch, nach kurzem und heftigem Widerstand an den Rändern von Paris, ist der Spuk vorbei. Stadtkommandant von Choltitz ergibt sich und unterschreibt die Kapitulation vor Leclerc und Rol-Tanguy. Charles de Gaulle geht durch den Arc de Triomphe und nimmt die freudetrunkenen Huldigungen der Bevölkerung entgegen.

Albert Camus hat in diesen Stunden einen Traum für Frankreichs Zukunft. Er schreibt, als Chefredakteur des Combat, am Vorabend von de Gaulles Triumphzug: "Das Paris, das heute kämpft, will morgen befehlen. Nicht um der Macht willen, sondern für die Gerechtigkeit; nicht für die Politik, sondern für die Moral."

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