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Beharrlich, bissig, bestimmt: Für Feinde und Verbündete war Coco Chanel stets mit Vorsicht zu genießen.

Coco Chanel

Wer war Coco Chanel?

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Wer hat sie gesehen, die echte Gabrielle Chanel? Wer hat sie gekannt, diese Coco? Wie Frauen heute aussehen, was sie heute kaufen ? die Modeschöpferin prägte es mit. Und trotzdem kann sich niemand sicher sein, wer diese störrische Streiterin eigentlich war.

Es ist quasi unmöglich, über diese Frau zu schreiben. Fast absurd also, dass es trotzdem so viele Autoren gemacht haben. Rund 60 Bücher über Coco Chanel sind bisher erschienen. Ob in auch nur einem endlich die volle Wahrheit steht? Wer weiß das schon. Auf die wichtigste Quelle jedenfalls, auf die Modeschöpferin selbst, konnte sich nie jemand verlassen.

Gabrielle Chanel, eine Tochter aus gutem Hause, mal aus der Auvergne, mal aus der Provence, wohlbehütet aufgewachsen, protestantisch erzogen? Eine Lüge. Am 19. August 1883 wird sie als zweites von sechs Kindern, als uneheliche Tochter des Hausierers Henri-Albert Chanel und der Wäscherin Eugénie Jeanne geboren. Die Mutter muss zur Niederkunft allein ins Hospiz, der Vater treibt sich lieber herum und trinkt, nicht mal beim Bürgermeisteramt anmelden will er die Kleine, irgendein Mitarbeiter vom Spital wird’s schon machen. Eingetragen wird das Kind als Gabrielle Chasnel, ihr Leben lang trägt sie ein „s“ zu viel in ihrer Geburtsurkunde.

Gabrielle Chanel, das geliebte, umsorgte Kind, dem der großzügige Vater, ein Ehrenmann, den Spitznamen „Coco“ schenkte? Eine Lüge. Nach dem frühen Tod der Mutter steckt der Vater Gabrielle 1895 ins Waisenhaus, macht sich auf und davon, auf nimmer Wiedersehen. Die Tochter wird sich später als Sängerin und Tänzerin in Moulins und Vichy durchschlagen, mit wenig Talent, die Lieder „Ko-Ko-Ri-Ko“ und „Qui qu’a vu Coco“ werden ihre Markenzeichen. „Coco, Coco, Coco“, brüllen ihr die Soldaten und Säufer Nacht für Nacht entgegen.

Gabrielle Chanel, die eigenständige, die selbstständige, die nichts und niemanden braucht als sich selbst, schon gar nicht die Männer? Eine Lüge. In jungen Jahren – Gabrielle arbeitet als Näherin und Putzmacherin – lässt sie sich aushalten, erst von den Offizieren des 10. Jägerregiments, später von namhaften Männern der Oberschicht. Sie lässt sich einladen nach Royallieu vom Industriellensohn Étienne Balsan, nach Compiègne vom Polospieler Arthur Capel, mit dessen Geld sie 1910 in der Pariser 21, Rue Cambon ein Hutatelier und 1913 im Seebad Deauville eine Modeboutique eröffnet.

Das Geschäft lässt sich gut an, die Damen schätzen Chanels schlichten Hüte, denen sie die Federn, Bordüren und Schmucksteine nimmt. Zum Ende des Jahrzehnts hin hat sie es geschafft. Sie zahlt Capel das geliehene Geld zurück, alles, bis auf den letzten Franc. Endlich steht sie auf eigenen Beinen. Bemerkenswert eigentlich, dass Coco Chanel das, was an ihrer Figur, an ihrem Werk heute am meisten fasziniert, zeitlebens zu verstecken versuchte: Da baut diese Dahergelaufene, dieses Mädchen aus ärmsten Verhältnissen ihr eigenes Unternehmen auf, in Zeiten, in denen Mädchen nichts aufzubauen hatten, außer einer Familie, außer einem gemütlichen Heim vielleicht.

Sie rettet es durch zwei Weltkriege, macht es weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt, berühmt, begehrt. Hinterlässt schließlich ein internationales Imperium, das ihren Namen trägt, 2017 um 11,5 Prozent gewachsen ist, das Geschäftsjahr mit einem Umsatz von 8,3 Milliarden Euro abschloss. 1999 wird sie postum als einzige Person ihrer Berufsgruppe vom „Time“-Magazin auf die Liste der „100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts“ gesetzt. Das ist der eine Teil ihres kaum zu fassenden Erbes. Der andere ist ihr Stil, der noch bis heute prägt.

Aber auch um ihre Ideen und ihre Mode erzählte Chanel gern Geschichten. Eine davon handelt von der Befreiung aus dem Korsett. Immer wieder hat Coco Chanel diesen Paukenschlag der Kostümgeschichte – mehr noch: diese Grenzmarke der weiblichen Emanzipation – für sich reklamiert. Oder zumindest nicht widersprochen, wenn ein anderer ihr die Sensation zusprach.

Tatsächlich waren es Jahre vor Chanel Männer wie die Architekten Henry van de Velde, Hermann Muthesius und William Morris, die sogenannte Reformkleider für ihre Frauen entwickelt hatten. Auch die Modeschöpfer Paul Poiret und Madeleine Vionnet lehnten schon Anfang des 20. Jahrhunderts das Korsett ab. Da lag etwas in der Luft also, auf das sich mehrere Couturiers stillschweigend geeinigt hatten, Chanel war bloß eine von ihnen. Manche Bücher behaupten sogar, es sei eher Chanels Streit- und Provokationslust, denn ihre Kreativität gewesen, die sie zu immer neuen Ideen antrieb.

In den 1910er Jahren war Paul Poiret ihr erbittertster Feind. Lüpfte der Couturier den Rock, sodass erstmals der Damenfuß sichtbar wurde, so legte Chanel gleich die Knöchel frei. Inszenierte Poiret die Taille weniger eingeschnürt, so ließ Chanel sie kurzerhand ganz weg. Wie viel eigene kreative Energie und wie viel Übertrumpfungswahn hinter den ästhetischen Entwicklungen steckte, lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Dass Coco Chanel aber von ihren Kollegen – den männlichen allen voran – kaum etwas hielt, daraus machte sie nie ein Geheimnis.

Legendär der Wortwechsel, den Poiret und Chanel einst auf den Straßen von Paris geführt haben sollen. „Wen betrauern Sie?“, fragt Poiret seine ganz in schwarz gekleidete Rivalin spöttisch. „Ich betrauere nur Sie“, schießt sie zurück. Poirets Mode – die Turbane und Pluderhosen im Harems-Stil, die japanischen Kimonos entlehnten Mantelformen – bezeichnete Chanel als „barbarisch“. „Dior?“, wird sie Jahre später sagen, „er zieht die Frauen nicht an, sondern er tapeziert sie.“ Yves Saint Laurent wiederum attestiert sie ein exzellentes Gespür, nur um dann linkisch auszuführen: „Je mehr er mich kopiert, desto besser wird sein Geschmack.“ Die Vordenkerin, das Original, die Ikone – so hat sich Coco Chanel am liebsten gesehen. Und manchmal stimmte das auch.

1916 erfindet ein Textilfabrikant namens Rodier einen Baumwollstoff für die Wäscheindustrie, den er „Jersey“ nennt. Kein Modeschöpfer will mes haben, dieses maschinengestrickte Material, das so hässlich beult. Chanel kauft den ganzen Bestand, alsbald will sie nachbestellen. Sie drängt Rodier regelrecht, der den Auftrag erst ablehnt, Angst hat, Rohmaterial zu verschwenden, am Ende vielleicht sogar auf seinen Jersey-Ballen sitzen zu bleiben. Chanel nennt Rodier eine „Memme“ – nur ein kleiner Vorgeschmack, wie sie fortan mit Lieferanten, Mitarbeitern und sogar Gesellschaftern reden sollte. Coco Chanel bekommt schließlich, was sie will.

Ihr erster Entwurf aus dem neumodischen Jersey war ein Redingote, ein loser, leicht ausgestellter Damenmantel für sich selbst. Sie merkt schnell, dass ihre Idee das eine, der Jersey aber das andere ist. Kaum lässt sich das allzu leichte Material richtig verarbeiten, bei der kleinsten schnitttechnischen Spielerei beginnt es zu beulen und zu fransen, an formgebende Abnäher ist gar nicht zu denken. Vereinfachen – das ist der einzige Weg. Was schließlich entsteht ist ein legeres Hemdblusenkleid, das als Vorbote ihres legendären „kleinen Schwarzen“ die Mode, und mit ihr nicht weniger als die gute Gesellschaft Frankreichs, revolutionieren sollte.

Was Mode wurde, entschied die Straße

Coco Chanel lässt ihr Kleid weit über dem Knöchel enden – und macht damit eine Jahrhunderte alte Geste passé, die den Herren doch so gut gefallen hatte. In ihren Kleidern war das leichte Anheben des Rocks obsolet geworden, die Frauen konnten selbstbewusst und ungehindert von Taft und Tüll die Treppen herauf- und hinabsteigen. Überhaupt: Die Haltung, die Bewegung der Frauen. Coco Chanel hatte sie verändert. Die Trägerinnen ihrer Mode gingen gerade, weder die Taille noch das Kreuz wurden betont. Und noch etwas: Mit der Einführung des deutlich preiswerteren Jerseys in die Oberbekleidung hatte Chanel lange vor der Entstehung der Prêt-à-porter in den 1960ern, der Mode von der Stange also, elegante Kleider geschaffen, die weit mehr Frauen erschwinglich waren, als die kostspielige Haute Couture.

Sie war von den Straßen verschwunden, die ausstaffierte Frau mit dem schweren Beiwerk, die Frau, die in Prousts Büchern noch „die lange Schleppe ihres malvenfarbenen Kleides hinter sich ausbreitete“. An ihre Stelle war eine junge Frau getreten, frisch und ambitioniert, mit festem, weitem Schritt, die in den folgenden 20ern zur Garçonne mit Pagenschnitt und Flapperkleid werden sollte. Coco Chanel hatte ihren Stil, ihre Aufgabe gefunden. Das weibliche Recht auf Bequemlichkeit – das war ihr Auftrag, ihr Lebenswerk irgendwann. Dass andere in die gleiche Richtung dachten? Poiret, Vionnet? Wen interessierte das schon. Coco Chanel jedenfalls nicht. Gerade, weil ihre Ideen in der amerikanischen Presse gut ankamen.

Der Erste Weltkrieg war in vollem Gange, in Frankreich gab es längst keine Magazine mehr. Was Mode wurde, entschied die Straße. Die Gäste und Journalisten aus anderen Ländern können ihren Augen kaum glauben: Da laufen diese Pariserinnen in ihren gerade geschnittenen Kleidern umher, ohne jede Taillierung, ohne jeden Pomp und Putz, zeigen mehr noch als den Knöchel. 1916 veröffentlicht die amerikanische Zeitschrift „Harper’s Bazaar“ das erste Modell überhaupt, das Chanel reproduziert hatte. Und weil es sich kaum beschreiben lässt – was gibt es schon zu beschreiben an diesem modernistischen Kleid, was soll man schon erzählen, wenn es doch keine Puffärmel, keine Rüschen, keine Volants, nicht einmal einen Ausschnitt gibt -, bedenken sie den Entwurf bloß mit einem Beisatz: „Chanels charming chemise dress“. Das „charmante Hängerkleid“, ein erster internationaler Erfolg. In der Heimat sollte es noch vier Jahre dauern, bis die Medien Notiz von ihr nehmen, erst 1920 werden Zeichnungen ihrer Kleider von französischen Druckpressen aufs Papier gebracht.

Zu dieser Zeit besaß Coco Chanel neben den Geschäften in Paris und Deauville auch einen kleinen Laden in Biarritz, beschäftigte bereits rund 300 Näherinnen. An ihrer Seite war stets Arthur Capel, der Polospieler geblieben – bis er 1919 bei einem Autounfall starb. Chanel war allein, schon wieder, das kannte sie ja schon, die verstorbene Mutter, der davongelaufene Vater, das Waisenhaus. Aber sie machte weiter. Und wie! In den 1920ern wächst ihr Geschäft stetig und gesund, aus den 300 Näherinnen werden 4000 Angestellte, Hollywood-Diven wie Marlene Dietrich und Greta Garbo entdecken ihre Mode.

Mit Geschäftspartnern gründet sie den Unternehmenszweig „Parfums Chanel“, entwickelt 1921 zusammen mit dem Parfümeur Ernest Beaux den bis heute meistverkauften Duft. „Chanel No 5“, das erste populäre Parfüm, das nicht nach einer Blume riecht – das erste Parfum überhaupt, das nicht nach einer Blume riecht, wird Chanel fortan behaupten. Die nächste Geschichte. Zu gut passte das doch: Die Frau als duftendes Blümchen, als hübsche Blüte, als Beiwerk, als Schmuck? Nicht mit Coco Chanel! Sie hatte eine neue Anekdote gefunden, die sie als Kämpferin feierte. Erzählen, erzählen, lügen, lügen, feiern, feiern – 1939 war Schluss damit.

Coco geht leer aus

Mit Kriegsbeginn schließt Chanel ihr Unternehmen, alle Angestellten verlieren ihre Arbeit. Ende, aus, vorbei, der Rückzug in die französisch-spanische Grenzregion. Lange hält sie das nicht aus. Schon ein Jahr später kehrt Coco Chanel zurück nach Paris und bezieht eine Suite im legendären Pariser Ritz – für den Rest ihres Lebens sollte das ihr Zuhause bleiben.

Die 1940er sollten das dunkelste Kapitel in Chanels Leben werden. Während der deutschen Besetzung lernt sie Günther von Dincklage kennen, Sonderbeauftrager des Reichssicherheitshauptamts in Frankreich. Die Nazis erkennen Chanel als nützliche Person – diese Kontakte! –, 1941 soll sie in der britischen Botschaft in Madrid kriegswichtige Informationen in Erfahrung bringen. In einem Buch wird der US-Journalist Hal Vaughan Coco Chanel 2011 einen Nazi-Spitzel nennen, „Agentin F-7124“, „Codename Westminster“, „Operation Modellhut“. Alles nur Geschichten?

Als Chanels Geschäftspartner, der deutschstämmige Jude Pierre Wertheimer, Eigentümer ihrer Parfumsparte, 1940 enteignet werden soll, versucht Coco Chanel jedenfalls in den vollen Besitz von „Parfums Chanel“ zu gelangen. Wertheimer aber hatte seine Anteile rechtzeitig einem Freund übertragen, bekommt sie nach dem Weltkrieg schließlich zurück, noch heute ist seine Familie in dritter Generation Alleinbesitzer der Chanel-Gruppe. Coco geht leer aus. Mehr noch: Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie als Kollaborateurin verhaftet, nur durch ihre Beziehungen wieder freigelassen, muss schließlich fliehen. Bis 1954 lebt sie im Schweizer Exil in Lausanne. Das war’s also, ausgespielt, verloren. Sollte das das Ende sein?

„Ich mache keine Mode. Ich bin die Mode“ – eine Frau, die solche Sätze sagt, kann sich kaum mit Rückzug zufrieden geben. Es geht weiter. Nach wenigen Jahren in Lausanne kehrt Chanel abermals nach Paris zurück. Sie ist nicht kleinzukriegen, diese Coco. Und sie ist verärgert. Chanel hatte ihren Rivalen das Feld überlassen müssen. Auf den Straßen von Paris weht ein anderer Wind. Christian Dior, der schon 1947 mit seinem „New Look“ Erfolge feierte, hat die Pariserinnen fest im Griff. Und keine Mode könnte sich mehr von den Kleidern Chanels unterscheiden: Zwar waren auch Diors Röcke wadenlang geblieben, doch sprangen sie auf, die Taille seiner „Bar-Jackets“ wurde dafür schmaler, in den Salons der Stadt wird die Sanduhr-Linie populär.

Für die Modezeitschriften der Zeit war das die Rückkehr zur klassischen Eleganz, für Chanel die Rückkehr zu Zwang und Einengung. Jetzt’s reicht’s! Nach neunjähriger Pause eröffnet Chanel wieder ihr Geschäft. Aber formlose Jersey-Kleider? „Charming chemise dresses“? „Chanel No 5“? Eine neue Erfindung muss her: Coco Chanel entwickelt ihr klassisches Kostüm, gerader Rock und kastenförmige Jacke, in Schwarz, in Weiß, in Beige, aus Tweed jedenfalls. Dazu Perlen, ganz viele, keine echten allerdings: Chanel macht den preiswerteren Modeschmuck populär.

Wieder sind es amerikanische Medien, die Chanel eine „Revolution“ zuschreiben. Und auch die Kundinnen sind begeistert: Romy Schneider und Ingrid Bergman, Brigitte Bardot, Grace Kelly, Elizabeth Taylor – keine Berühmtheit da draußen, die in den 50ern nicht Chanel getragen hätte. Sie war zurück, da wo sie immer hinwollte, immer hingehörte, so glaubte sie, ganz oben eben, tonangebend. Und für die letzten Jahre ihres Lebens sollte sie dort weitgehend bleiben. Das perfekte Ende für ihre Geschichte, noch ein Punkt dahinter vielleicht, das war’s dann. So hat sie sich selbst immer erzählen wollen.

Am 10. Januar 1971, mit 87 Jahren, entschläft Gabrielle Chanel in ihrer Suite im Pariser Ritz. „So stirbt man also“ – das sollen ihre letzte Worte gewesen sein. So einfach und schmucklos wie ihre Mode. Ob’s stimmt? Wer weiß das schon.

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