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Bernie Sanders versteht es, seine Anhänger zu fesseln.

US-Vorwahlen

Clinton droht Niederlage gegen Sanders

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Bei den Vorwahlen in Iowa schaffte Hillary Clinton einen hauchdünnen Sieg gegen Bernie Sanders, in New Hampshire zeichnet sich Umfragen zufolge ein deutlicher Erfolg des demokratischen Senators ab. Das Clinton-Lager fragt sich: Wie konnte es dazu kommen?

Nummer 42 hat schlechte Laune. Als Bill Clinton zum Mikrofon greift, um in der High School von Milford zu sprechen, zeigt sich das schnell. Erst lobt er noch ausufernd die Fähigkeiten seiner Ehefrau Hillary, die im November zur ersten Präsidenten des Landes gewählt werden will. Doch dann wird sein Ton schärfer. Aggressiv wie selten zuvor attackiert der 42. Präsident der USA den Hauptkonkurrenten seiner Frau. Der sei ein Heuchler und überdies unredlich. Clinton muss es in diesem Moment Himmelangst sein, dass es seiner Ehefrau zum zweiten Mal nach 2008 nicht gelingen könnte, sich die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten zu sichern. Anders ist die Schärfe in seiner Stimme nicht zu erklären.

Der Kampf um die Nachfolge von Barack Obama, der am heutigen Dienstag mit den Vorwahlen im Neuengland-Staat New Hampshire in die nächste Runde geht, wird rauer. Die Republikaner fetzen sich, weil der Immobilienmillardär Donald Trump in den Umfragen vorne liegt. Und nun gibt es auch unter den zwei verbliebenen Kandidaten der Demokraten ein Hauen und Stechen, weil sich das Clinton-Lager so recht nicht erklären kann, warum dieser weißhaarige Mann in den Umfragen in New Hampshire so deutlich führt.

Der weißhaarige Mann ist 74 Jahre alt und heißt Bernie Sanders. Er ist zwar seit Jahrzehnten im Washingtoner Politikbetrieb eine feste Größe, hat aber wenig Einfluss. Er geriert sich als Anwalt der Entrechteten, als Advokat der kleinen Leute. Er müsste, würden die Gesetze der Tradition gelten, chancenlos sein.

Aber in diesem US-Wahlkampf gelten offenbar andere Gesetze, und Persephone Bennett findet das gut. Die 20 Jahre alte Studentin steht in der Menge, die Sanders in der Basketballhalle des Community College von Portsmouth bejubelt, ruckelt ein wenig an ihrer Brille und sagt: „Ich bin total begeistert von Sanders. Er sagt, was er meint. Er meint, was er sagt.“

Sanders beendet gerade seine Rede. Mit heiserer Stimme hat er in Anlehnung an den Wahlkampfslogan Obamas aus dem Jahr 2008 vom Wandel gesprochen, und gesagt, dass Veränderungen nicht von oben verordnet werden könnten, sondern von unten kämen. Sanders ist zwar kein begnadeter Redner, sein Vortrag wirkt wie der eines Hochschullehrers, der schon tausend Mal dasselbe erzählt hat. Doch Sanders redet mit Leidenschaft und löst damit Begeisterung aus. Als sie das Schlagwort des Kandidaten von der „politischen Revolution“ hört, die Sanders ausrufen will, nickt Persephone Bennett mit dem Kopf und sagt: „Der ist mit Leib und Seele dabei.“

Seit Jahrzehnten predigt Sanders Umverteilung, er will die größten Banken des Landes zerschlagen, er will der Wall Street eine Spekulationssteuer auferlegen, den Mindestlohn auf 15 Dollar verdoppeln, eine staatliche Krankenversicherung einführen, die Studiengebühren für staatliche Unis abschaffen, er will die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Mutterschutz.

Aus europäischer Sicht sieht das nach Sozialdemokratie aus. Mehrfach spricht Sanders an diesem Tag von Skandinavien, das für ihn ein Modell sei. Doch aus amerikanischer Sicht klingen Sanders’ Ideen gefährlich nach Sozialismus. Und die Studentin Persephone Bennett, die im Herbst zum ersten Mal einen Präsidenten wählen darf, sagt, Sanders’ Gegner schürten unberechtigterweise die Angst der Menschen im Land. „Was in den 50er Jahren geschehen ist, wirkt immer noch nach“, sagt Bennett. Damals gelang es Senator Joseph McCarthy und seinen Verbündeten, Abertausende von Amerikanern grundlos zu beschuldigen, mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung zu sympathisieren. Es war die wahrscheinlich erfolgreichste Rote-Socken-Kampagne der Geschichte.

Der demokratische Sozialist

Das mag manche Amerikaner noch heute beeindrucken, Persephone Bennett gehört nicht zu ihnen. Sie findet, dass sich Bernie Sanders völlig zurecht selbst einen „demokratischen Sozialisten“ nennt: „Sozialismus heißt für mich, dass jeder Mensch Chancen bekommt, etwas aus seinem Leben zu machen.“

So sehen das offenbar viele junge Menschen in den USA. Fast acht Jahre nach dem Ausbruch der schwersten Finanzkrise seit der großen Depression der 1930er Jahre geht es der US-Wirtschaft zwar wieder besser. Doch viele Menschen haben mehrere Jobs, um sich und ihre Familie über die Runden zu bekommen. Wenn Sanders von seinem Rednerpult gegen die ungerechte Verteilung von Vermögen wettert, wird der Applaus im Saal für gewöhnlich lauter, und die „Börnie-Börnie-Börnie“-Rufe klingen noch etwas überzeugter.

Lindsey Larson sitzt auf der Bank in der Sporthalle. Neben ihr liegt eine Krücke. Larson, 22 Jahre alt, sagt, sie sei gehbehindert und könne nicht arbeiten, um Geld für ihr Grafikdesign-Studium zu verdienen. „Außerdem ist meine Familie arm und kann mir nicht helfen.“ Die junge Frau rechnet damit, in einigen Jahren Schulden von mehr als 50 000 Dollar zu haben. „Wie soll ich das jemals abbezahlen?“, fragt sie. Auf Studienkredite verlangen die Banken mehr Zinsen als auf Baukredite. Also hofft Lindsey Larson darauf, dass Bernie Sanders zum Präsidenten gewählt wird. Der verspreche, die Zinsen zu senken und sogar das Studium kostenfrei zu machen.

Sanders liegt in den Umfragen für die Vorwahl der Demokraten in New Hampshire haushoch vor Hillary Clinton. Mag gut sein, dass er die ehemalige Außenministerin am Dienstag hinter sich lässt. Das heißt aber noch lange nicht, dass er auch der Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird. Im Süden des Landes, wo die nächsten Vorwahlen stattfinden, kennt Bernie Sanders kaum jemand. Hillary Clinton dagegen kann in den Bundesstaaten, in den deutlich mehr Delegiertenstimmen zu vergeben sind als in New Hampshire, auf eine gewaltige Wahlkampfmaschine zurückgreifen.

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