Corona

Clemens Tönnies: Skrupellos bis ganz nach oben

  • vonAndreas Morbach
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Fleischfabrikant Clemens Tönnies hat seinen Ruf verspielt. Nicht, dass er vor dem Coronavirus als freundlicher Zeitgenosse hätte dastehen wollen. Ein Porträt.

  • Der Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik hat zu einem Lockdown eines Kreises geführt. 
  • Zahlreiche Mitarbeiter des Betriebes sind mit dem Coronavirus infiziert. 
  • Clemens Tönnies muss sich nun allerlei Fragen gefallen lassen.

Wieso das Video, das Clemens Tönnies singend inmitten von Menschen auf einer Messe zeigt, grade jetzt aufgetaucht ist? Das ist genauso unklar, wie die Frage, wie alt es ist. Doch der Text, den der Manager ins Mikrofon röhrt, klingt wie ein trotziger Kommentar zur aktuellen Situation. „Ich mach mein Ding“, singt Tönnies. „Egal was die anderen labern, was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal.“

Clemens Tönnies: Der Ruf des „Fleischbarons“ ist ruiniert 

Denn „die anderen labern“ derzeit eine Menge. Nachdem der Covid-19-Ausbruch in der Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück die Missstände in dem weltweit agierenden Konzern offengelegt hat, ist der Ruf des 64-Jährigen „Fleischbarons“ gehörig ruiniert.

Dabei muss man Clemens Tönnies eines lassen: Da wo er heute steht, steht er nicht ganz freiwillig. Das Unternehmen hat 1971 sein älterer Bruder Bernd gegründet. Der starb 1994 nach einer Nierentransplantation an den Folgen einer Lungeninfektion – nur fünf Monate, nachdem er von der Schalker Mitgliederversammlung zum Präsidenten gewählt worden war. Am Sterbebett seines Bruders soll Clemens Tönnies damals das Versprechen gegeben haben, sich nicht nur um dessen Fleisch-Unternehmen zu kümmern, in das er selbst 1982 eingestiegen war. Sondern auch um die Geschicke des Fußballvereins.

Tönnies-Skandal: Erfolg auf Kosten osteuropäischer Arbeiter 

Seitdem hat der gelernte Fleischtechniker die Firma zu einem von Deutschlands größten Schlachtbetrieben für Schweinefleisch gemacht. Pro Jahr schlachtet und verarbeitet das Unternehmen allein hierzulande fast 17 Millionen Schweine, 2019 erzielte der Konzern erstmals mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz. Dass der Erfolg auch auf Kosten Tausender, meist osteuropäischer Arbeiterinnen und Arbeiter geht, ist seit langem bekannt. Schon im Jahr 2007 nannte der damalige Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium Gerd Andres auf einer Pressekonferenz das Unternehmen Tönnies als Beispiel für unhaltbare Zustände in der Fleischindustrie.

Und dann ist da noch Clemens Tönnies Engagement bei Schalke 04. Seit 2001 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats. Fünf Jahre später drängte er den mächtigen Schalke-Manager Rudi Assauer aus dem Amt. Im Januar 2007 zog er für den Klub den Gaskonzern Gazprom, an dem der russische Staat 50 Prozent plus eine Aktie hält, als Hauptsponsor an Land.

Clemens Tönnies: Ohne Skrupel zum Erfolg 

Mit Russlands Präsident Wladimir Putin pflegt Tönnies eine Freundschaft, bei Besuchen brachte er in der Vergangenheit Eisbein mit. „Das mache ich immer selber, bei mir zu Hause. Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt. ‚Wo sind die Eisbeine?‘ – das ist immer das Erste, wonach er fragt“, berichtete Tönnies 2015. Ein Jahr zuvor musste er sich wie sein Bruder einer schweren Operation unterziehen. Ein Tumor wurde aus der linken Niere entfernt.

Er sei eigentlich kein Mann für die erste Reihe, soll Tönnies mit Blick auf seine Rolle beim FC Schalke einmal gesagt haben. Trotzdem führt er den Verein nun seit fast zwei Jahrzehnten – wobei er im vergangenen Sommer unter anderem den Ehrenrat auf den Plan rief. Wegen diskriminierender Äußerungen gegen Afrikaner, die er als Festredner beim „Tag des Handwerks“ in Paderborn getätigt hatte. Seine Aussage bezeichnete er später als „töricht“, erklärte aber – nachdem er sein Amt für drei Monate hatte ruhen lassen –, er sei falsch verstanden worden.

Der Ehrenrat sprach Tönnies vom Vorwurf des Rassismus frei. Die Richterin Kornelia Toporzysek, erst wenige Monate im Amt, trat kurz darauf aus dem Gremium zurück. Und nun, ein Dreivierteljahr später, wollen 2000 Schalke-Anhänger während der Partie ihres Teams in Freiburg am eigenen Stadion zu einer Demonstration zusammenkommen. Das markige Motto der Anhänger: „Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins“.

Rubriklistenbild: © David Inderlied/dpa

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