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Rachel Johnson macht eine klare Ansage.

Familie Johnson

Ein Clan fröhlicher Chaoten

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Brexit-Marktschreier Boris Johnsons proeuropäische Schwester will mit der neuen britischen EU-Partei „Change UK“ nach Brüssel.

Am besten, glaubt Ivo Dawnay, vergleicht man Treffen von Großbritanniens politischem Glamour-Clan mit „einem Rudel junger Golden Retrievers: Sie machen viel Lärm, springen überall herum und wischen beim Schwanzwedeln empfindliche Objekte vom Tisch“.

Dies eigentlich schöne Bild beschreibt jene Mischung aus Faszination und Grauen, mit dem politisch interessierte Briten die Karrieren der Geschwister Johnson verfolgen. In den Mittelpunkt hat sich dieser Tage die Journalistin Rachel geschoben; Dawnay ist seit mehr 25 Jahren ihr Partner. Das Paar lebt in der Nähe von Exeter in Englands Südwesten. Dort kandidiert Johnson für die neue Partei „Change UK“ und will dadurch den Brexit verhindern, weil der, wie die 53-jährige Johnson sagt, „die Zukunftschancen junger Leute ruiniert“ – inklusive der ihrer drei erwachsenen Kinder. Sie betont aber, dass ihre Kandidatur keinen Angriff auf ihren älteren Bruder darstelle.

Das glaubt kaum jemand. Schließlich ist Alexander Boris Johnson, von der Familie „Al“, vom Rest der Welt stets nur Boris genannt, nicht nur aussichtsreichster Kandidat auf die Nachfolge der glücklosen Theresa May als konservativer Parteichef und damit auch Premierminister. Der einstige Londoner Bürgermeister und kurzzeitige Außenminister, 54, trat auch als einziger im Johnson-Clan für den Brexit ein, weshalb es vor dem EU-Referendums 2016 zu lautstarken Auseinandersetzungen gekommen sein soll.

Sie habe sich „hingesetzt und geweint“, berichtete Rachel am Morgen nach der verloren gegangenen Volksabstimmung. Seither arbeitet sie sich ab an „Al“, der an jenem Junitag vor drei Jahren selbst aussah, als wolle er ein paar Tränen vergießen. Politiker, findet Rachel, „sollten niemals der Öffentlichkeit eine Frage stellen, auf die sie keine Antwort wissen“.

Das Psychodrama zwischen dem Möchtegern-Premier und der Möchtegern-Europaparlamentarierin, die er stets für seinen frühkindlich entwickelten Ehrgeiz verantwortlich gemacht hat, entzückt die britischen Medien. Es ist die Wiederauflage eines Konflikts, den es zur Unterhauswahl 2017 schon einmal gab. Damals trat Rachel für die EU-freundlichen Liberaldemokraten an; ein Wahlerfolg hätte, erstmals in der britischen Geschichte, ein Geschwistertrio im britischen Parlament zur Folge gehabt: Der jüngste Bruder Joseph, 47, vertritt dort seit neun Jahren einen Süd-Londoner Wahlkreis, Boris hat – derzeit für den West-Londoner Bezirk Uxbridge – bereits elf Parlamentsjahre auf dem Buckel. Nur Leo, Bruder Nummer Drei, hält sich aus der Politik heraus und arbeitet als Wirtschaftsprüfer.

Rachel blieb der Einzug ins Unterhaus verwehrt. Nun will sie die Familientradition im Europaparlament fortsetzen: Vor 40 Jahren gehörte Vater Stanley – Abkömmling der französischen Adelsfamilie de Pfeffel, einer illegitimen Tochter des Prinzen Paul von Württemberg sowie eines 1922 ermordeten türkischen Dichters, kurzum: ein Europäer par excellence – zu den ersten direkt gewählten Abgeordneten, die für die Torys nach Brüssel gingen. Gelebt hatte er dort mit seiner Frau, einer Künstlerin, und den vier Kindern schon zuvor, nämlich als Beamter für die Kommission in den Jahren nach Großbritanniens Beitritt zur EWG 1973.

Seither hat sich Stanley, 78, als Öko-Aktivist und Buchautor einen Namen gemacht. Vor zwei Jahren beschrieb er in der Polit-Satire „Kompromat“ eine Figur, die seinem ältesten Sohn bis aufs Haar gleicht: Am Ende des Buches steht der frühere Londoner Bürgermeister und Außenminister Harry Stokes kurz davor, mit russischer Hilfe die schwache Premierministerin Mabel Killick zu ersetzen. Nach der Qualität des Machwerks gefragt teilte der derart Verunglimpfte mit todernster Miene mit, das Buch sei „so gut, dass ich nicht einmal dagegen klagen werde“.

Solche lustigen Sprüche kommen nicht nur gut an; mit seinem Sprachwitz verdient Boris Johnson auch viel Geld. Der Autor mehrerer Bestseller, darunter einer Biografie seines Vorbildes Winston Churchill, erhält für eine Wochen-Kolumne im „Daily Telegraph“ umgerechnet 289 000 Euro pro Jahr. Eine einzige Rede in Indien brachte ihm kürzlich 142 200 Euro ein. Die Schamlosigkeit, mit der er Geld für seine Ambition aufs höchste Regierungsamt sammelt, tut seiner Popularität bislang ebenso wenig Abbruch wie die Tatsache, dass er seine Einkünfte dem parlamentarischen Register immer wieder viel zu spät mitteilt.

Im Schatten des Brexit-Marktschreiers hat der jüngere Bruder Joseph mehrere Jahre geräuschlos als Staatssekretär gedient (wie es sich für den Civil Service traditionell gehört), ehe auch er gegen Premierministerin May rebellierte, aber aus anderem Grund als „Al“. Wie Rachel will nämlich auch Joseph den EU-Austritt verhindern, den Stanley neuerdings für unausweichlich hält, genau wie Boris. Treffen der Familie Johnson werden, das steht fest, auch in Zukunft spannend sein.

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