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Missbrauch und Vertuschung

Chronik des Skandals

Januar 1998: An die Odenwaldschule (OSO) im südhessischen Ober-Hambach kehrt ein alter Bekannter zurück. Schulleiter Wolfgang Harder holt seinen Vorgänger

Januar 1998: An die Odenwaldschule (OSO) im südhessischen Ober-Hambach kehrt ein alter Bekannter zurück. Schulleiter Wolfgang Harder holt seinen Vorgänger und langjährigen Weggefährten Gerold Becker wieder an das Internat. Der Theologe lehrt Religion, nimmt Abiturprüfungen ab und nächtigt mit Schülern unter einem Dach - wie er es in den 70er und 80er Jahren immer tat.

10. Juni 1998: Jürgen Dehmers und Thorsten Wiest (Namen geändert), zwei Altschüler der OSO, schreiben einen Brief an Harder. Darin heißt es: "Wir wurden Opfer sexueller Übergriffe seitens Gerold Beckers." Und: "Wir sind leider nicht die einzigen." Schon in ihrer Zeit an der Schule, den 80er Jahren, habe es unter Schülern geheißen, "Gerold stehe auf kleine Jungs". Es sei schwer zu glauben, "dass niemand im Kollegium davon wusste bzw. es zumindest vermutete".

16. Juni 1998: Harder erhält den Brief. Er informiert den Vorstand und Gerold Becker, danach alle relevanten OSO-Gremien. Tags darauf telefoniert er mit Wiest. Dieser schwört, Harder habe auf drei Nachfragen dreimal betont, er habe um Beckers Pädophilie gewusst, aber gedacht, dieser könne "verantwortungsvoll damit umgehen". Harder bestreitet das heute.

21. Juni 1998: Dehmers schreibt erneut an Harder: "Es müsste die Sache der Odenwaldschule sein, (...) bedingungslose Aufklärungsarbeit zu leisten." Harder führt "eine Vielzahl von Einzelgesprächen" und stößt auf "Bestürzung".

3. Juli 1998: Sechs OSO-Mitarbeiter bestätigen Dehmers und Wiest schriftlich: "Es gab Gerüchte." Zwei Vorstandsmitglieder, darunter der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi, räumen beim Treffen mit den Altschülern ein, dass den Gerüchten nie nachgegangen wurde.

6. Juli 1998: Becker schreibt dem Vorstand des OSO-Trägervereins und legt seinen Vorsitz des Fördervereins nieder. Den Vorwürfen widerspricht er nicht.

17. August 1998: Der Vorstand verspricht schriftlich, alles dafür zu tun, dass die Odenwaldschule "ein Ort bleibt, der dem Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen guttut". Die Erklärung soll verwendet werden, sollten Medien von den Vorwürfen erfahren.

Ende August 1998: Becker informiert laut Harder Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) "schriftlich und/oder mündlich" über die Vorwürfe. Holzapfel bestreitet das. Becker bleibt Berater des Ministeriums.

11. September 1998: Becker informiert den Vorstand der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime und tritt mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Vorstandsvorsitzender zurück.

25. März 1999: Die Odenwaldschule lädt zu einer Mitarbeitertagung, in der es unter anderem um den "Umgang mit Sexualität" geht. Auf der Tagesordnung heißt es: "Es gibt die Behauptung, es habe in der Geschichte der Odenwaldschule verbale/körperliche Übergriffe von LehrerInnen auf SchülerInnen gegeben." Die näheren Umstände dieser Übergriffe werden weiterhin schulintern nicht aufgeklärt.

18. August 1999: Dehmers erstattet Anzeige gegen Becker bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt.

30. September 1999: Diese stellt ihre Ermittlungen ein - wegen Verjährung, wie es heißt. Wer wie ermittelt hat, ist bis heute unklar. Mit Dehmers oder Wiest hat kein Ermittler je gesprochen.

Oktober 1999: Die beiden Altschüler Dehmers und Wiest nehmen Kontakt zur Frankfurter Rundschau auf.

17. November 1999: In der FR erscheint ein Artikel mit der Überschrift "Der Lack ist ab". Er enthält konkrete Vorwürfe gegen Gerold Becker, die von insgesamt fünf Altschülern und auch von Lehrern bestätigt werden.

18. November 1999: Die Schule teilt mit, sie halte die Vorwürfe für "berechtigt". Das Hessische Kultusministerium unter Leitung von Karin Wolff (CDU) entlässt seinen Berater Gerold Becker. Dieser schweigt. In der FR gehen Briefe von Ex-Lehrern, Ex-Schülern und vom Parlament der OSO ein, die der Zeitung "Sensationsjournalismus" vorwerfen. Der Vorsitzende des Altschülervereins, Florian Lindemann, schreibt vom "Missbrauch des Missbrauchs" durch die FR. 2003 wird Lindemann Geschäftsführer des Kinderschutzbundes in Frankfurt am Main.

Ende November 1999: Der Darmstädter Künstler und Altschüler Gerhard Roese berichtet dem neuen OSO-Leiter Whitney Sterling, er sei Opfer sexueller Übergriffe geworden. Täter sei der ehemalige Musik-lehrer Wolfgang H. Der Schule sind nun mindestens zwei Täter und mindestens drei Opfer namentlich bekannt. Ein Brief Roeses an Kultusministerin Wolff bleibt unbeantwortet.

2. Dezember 1999: Alle OSO-Gremien veröffentlichen eine gemeinsame Stellungnahme, in der nur von zwei missbrauchten Altschülern und dem mutmaßlichen Täter Becker die Rede ist; Roese und Wolfgang H. werden nicht erwähnt. Die Odenwaldschule richtet einen "Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch" ein und verspricht, künftig Kontakt zu Gerold Becker zu meiden.

10. Januar 2000: Dehmers und Wiest schreiben erneut an die Schule. Sie äußern sich empört darüber, dass aufklärungswillige Lehrer unter Druck gesetzt würden. So soll Vorstandsvize Conradi den Pädagogen Salman Ansari auf einer Konferenz angeherrscht haben: "Nur dumme Lehrer sprechen mit Journalisten!"

25. Januar 2000: Rektorin Whitney Sterling antwortet den Altschülern, vertröstet sie mit internen "Arbeits-ergebnissen" und erbittet mehr Zeit.

1. Dezember 2001: Gerold Becker moderiert das Hertener Symposium "Jugendarbeitslosigkeit", gesponsert von der Freudenberg Stiftung. Deren Vorsitzender ist zu diesem Zeitpunkt Hermann Freudenberg, der 1999 auch Vorstandsvorsitzender der OSO war. Mindestens bis 2004 sind für die Stiftung außerdem tätig: der aktuelle OSO-Geschäftsführer Meto Salijevic, der ehemalige Altschüler-Sprecher Lindemann und Benita Daublebsky, auch sie war schon 1999 im Amt als OSO-Vorstandsmitglied.

15. März 2002: Das Kollegium des hessischen Landerziehungsheims Schloss Bieberstein protestiert beim Vorstand der Hermann-Lietz-Stiftung dagegen, dass Gerold Becker wieder in das Gremium berufen wurde. Der Vorsitzende Jan Rüggeberg erwidert, er wisse von Becker, dass die Vorwürfe "unzutreffend" seien. "Für den Vorstand gilt das Wort eines bewährten Kollegen mehr als ein reißerischer Artikel in einer Tageszeitung!" Becker bleibt bis Ende 2009.

Herbst 2002: Gerold Becker gibt für den Friedrich Verlag eine Schülerschrift zum Thema "Körper" heraus. Der Lehrer Ansari schreibt an die OSO-Vorstandsvorsitzende Sabine Richter-Ellermann und fordert sie auf zu protestieren. Richter-Ellermann ist der Ansicht, dies sei "nicht die Aufgabe" ihrer Schule. Ansaris Sohn schreibt daraufhin an den Friedrich Verlag. Die Antwort: "Welche Neigungen die Herausgeber unserer Zeitschrift haben, interessiert mich nicht, solange sie nicht zu strafbaren Handlungen führen."

6. Januar 2003: Roese schreibt erneut an Kultusministerin Wolff, schildert seine Erlebnisse und erhält wieder keine Antwort.

27. Juli 2005: Hartmut von Hentig gibt im Beltz-Verlag sein pädagogisches Manifest "Bewährung" heraus. Als Berater führt er auf: Gerold Becker, Wolfgang Harder und Annemarie von der Groeben, die bis heute im Trägerverein der Odenwaldschule. Ein weiterer Berater ist Ingo Richter. Er war langjähriger Leiter des Deutschen Jugendinstituts und ist Ehemann der OSO-Vorsitzenden Richter-Ellermann.

22. April 2008: Jürgen Dehmers schreibt an die neue OSO-Schulleiterin Margarita Kaufmann. Er will wissen, wie die Schule an ihrem 100. Geburtstag 2010 mit der Missbrauchsthematik umzugehen gedenkt. Kaufmann ist überrascht. Bei ihrem Amtsantritt 2007 habe man ihr gesagt, das Thema Gerold Becker sei Geschichte.

Mai 2008 - März 2009: Briefwechsel zwischen Kaufmann und einer Gruppe Altschüler, die eigene Recherchen zur OSO-Vergangenheit anstellt. Man vereinbart, sich zu moderierten Gesprächen zu treffen.

27. Juni 2009: Erstes Treffen in Frankfurt am Main. Die Altschüler bezichtigen weitere Lehrer. Mehr als ein Dutzend Opfer sind inzwischen namentlich bekannt.

15. Juli 2009/2. September 2009: Zweites und drittes Treffen. Die Vertreter der Schule beklagen eine "Erpressungssituation". Die Betroffenen gewinnen den Eindruck, einem "Tätersystem" aus Vertuschern und Verschweigern gegenüber zu sitzen, die ausschließlich um den Ruf der Schule fürchten.

9. Dezember 2009: Auf einer OSO-Mitarbeiterkonferenz berichten Kaufmann und die Altschülerin Stefanie Michael konkret von sexuellen Übergriffen über Jahrzehnte. Der Vorstand des Trägervereins ist nur teilweise anwesend. Eine Stellungnahme erfolgt nicht.

Februar 2010: Mehrere Altschüler der Odenwaldschule wenden sich erneut an die Frankfurter Rundschau.

26. Februar 2010: Der Vorstand, über die FR-Recherchen informiert, beschließt eine Stellungnahme, die im Fall einer Veröffentlichung der Vorwürfe herausgegeben werden soll. Sie enthält eine Entschuldigung für den "jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen" und verspricht eine "neue Haltung" gegenüber den Opfern.

6. März 2010: Der FR-Bericht "Im Wald" erscheint.

8. März 2010: Schulleiterin Kaufmann fordert den Vorstand des OSO-Trägervereins zum Rücktritt auf. In der Schule melden sich immer mehr Missbrauchsopfer. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt nimmt neue Ermittlungen auf, diesmal auch gegen Ex-Rektor Harder wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Odenwaldschule versichert an Eides statt, Harder schon Mitte der 80er Jahre auf einen sexuellen Übergriff Beckers aufmerksam gemacht zu haben. Harder bestreitet das.

12. März 2010: Hartmut von Hentig äußert sich in der Süddeutschen Zeitung über die Vorwürfe gegen seinen Lebensgefährten Becker. Er glaube nicht, dass dieser Kinder missbraucht habe - allenfalls könne er sich vorstellen, dass ein Schüler ihn "verführt" habe.

18. März 2010: Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) und ihr Staatssekretär nehmen vor dem Schulausschuss des Landtages ihre Behörde und die Staatsanwaltschaft Darmstadt in Schutz. 1999, behaupten sie, habe es stets nur Hinweise auf einen Täter und zwei Opfer gegeben. Die Briefe, die Roese an Ex-Ministerin Wolff schrieb, sind angeblich nicht mehr auffindbar. Bei der Staatsanwaltschaft heißt es, die Akten von damals seien vernichtet.

19. März 2010: Gerold Becker äußert sich knapp zu den Vorwürfen: Er räumt "Annäherungsversuche oder Handlungen" an Schutzbefohlenen ein und bedauert diese "zutiefst".

27. März 2010: Der Trägerverein der Odenwaldschule trifft sich in Ober-Hambach zur Krisensitzung. Einzelne Mitglieder, die schon im Jahr 1999 dabei waren, werfen Opfern "erpresserischen Druck" vor, Conradi schreibt, er empfinde die Kritik an den Verantwortungsträgern von einst als "ungerecht". Der Vorstand, dem noch immer drei Mitglieder von 1999 angehören, beugt sich dem Druck von Altschülern, Eltern und Aufklärungswilligen und tritt zurück.

7. April 2010: Weitere Missbrauchsfälle werden bekannt, die bis weit in die 90er Jahre reichen. Rektorin Kaufmann berichtet ebenso von Opfern, die "furchtbare Misshandlungen von Schülern an Schülern" geschildert hätten.

15. April 2010: Der Vorstand des Frankfurter Kinderschutzbundes entlässt Geschäftsführer Florian Lindemann. Zur Begründung wird dessen "verharmlosende" Haltung gegenüber den Missbrauchsfällen angegeben. Lehrer Reimund B., den Schüler massiv belastet hatten und der daraufhin mit juristischen Schritten gedroht hatte, legt seine Mitgliedschaft im Trägerverein nieder.

17. April 2010: Die Gründung der OSO jährt sich zum 100. Mal. Der Neuanfang steht noch aus. Im Trägerverein sitzen nach wie vor Sabine Richter-Ellermann, Benita Daublebsky, Meto Salijevic, Peter Conradi und Annemarie von der Groeben. Sie alle hatten spätestens seit 1999 von den sexuellen Übergriffen Kenntnis.

Zusammengestellt von Jörg Schindler

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