+
Odenwaldschule: gescheiterte Reformpädagogik?

Reformschule

Die Chronik der Odenwaldschule

  • schließen

Seit 1999 sind die Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule durch einen Bericht in der Frankfurter Rundschau öffentlich.

1910 Die Odenwaldschule wird in Ober-Hambach, einem heutigen Ortsteil von Heppenheim, auf einem weitläufigen Grundstück gegründet. Die Gründer Paul und Edith Geheeb setzen auf eine ganzheitliche Erziehung „vom Kinde aus“ – ein Vorläufer der antiautoritären Erziehung. Zum Leitspruch wird Paul Geheebs Gedanke „Werde, der du bist“. Spätere Recherchen ergeben Hinweise darauf, dass bereits zu Geheebs Zeiten Schülerinnen und Schüler an der Odenwaldschule sexuellem Missbrauch ausgeliefert waren. Der Gründer soll selber zu den Tätern gehört haben.

1963 Die Schule wird zur Unesco-Projektschule. Sie gilt als Vorzeige-Institution der Reformpädagogik. Im Laufe der Jahrzehnte besuchen zahlreiche Schüler die Odenwaldschule, die später bekannt werden. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die Schriftsteller Klaus Mann, Wolfgang Hildesheimer, Max Kruse und Jakob Arjouni oder der Theater-Regisseur Thomas Bockelmann.

1972-1985 Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker. Der pädophile Mann missbraucht eine Vielzahl von Kindern an der Schule und hält seine schützende Hand über eine Reihe weiterer Sexualtäter. Becker genießt in der Öffentlichkeit großes Renommee als Pädagoge, ebenso wie sein Lebensgefährte, der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig. Becker stirbt 2010, ohne strafrechtlich belangt worden zu sein.

1999 Durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau wird der Missbrauchsskandal öffentlich. Unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers schildert der Schüler Andreas Huckele in dem Artikel des FR-Journalisten Jörg Schindler die systematische sexuelle Gewalt. Die Schule verspricht eine Aufklärung, die aber nicht erfolgt. Eine breite Debatte bleibt sowohl an der Schule als auch in der Öffentlichkeit aus.

2010 Kurz vor der Feier zum 100. Jahrestag der Odenwaldschule schreibt Jörg Schindler in der FR erneut über die sexualisierte Gewalt. Dieses Mal entbrennt eine breite öffentliche Debatte, auch vor dem Hintergrund von Fällen des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche wie dem Canisius-Kolleg in Berlin. Die Odenwaldschule beauftragt die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann mit einer Untersuchung. In ihrem Abschlussbericht stellen sie fest, dass zwischen 1965 und 1998 mindestens 132 Schüler Opfer von Übergriffen durch Lehrer geworden seien. Der Verein Glasbrechen, in dem sich seit 2010 Opfer und Unterstützer zusammenschließen, geht von einer weit höheren Zahl aus.

2011 veröffentlicht der Ex-Schüler Andreas Huckele unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers das autobiografische Buch „Wie laut soll ich noch schreien“.

2011-2014 An der Schule kommt mühsam ein Prozess voran, in dem Opfer Geldzahlungen von der Schule in Anerkennung ihres Leidens erhalten. Dafür wird die Stiftung „Brücken bauen“ gegründet. Durch die Petition der ehemaligen Schülerin Stefanie Michael an den Landtag wird die Politik einbezogen. Als Berichterstatter versucht der Grünen-Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet die Rechte der Missbrauchsopfer durchzusetzen. Es werden einige Reformen angestoßen. So wird eine Präventionsbeauftragte eingesetzt. Unter dem Druck der Behörden verabschiedet sich die Schule von ihrem „Familienprinzip“, bei dem Lehrer auch als „Familienhäupter“ mit ihren Schülern zusammen wohnen. Die Schul- und Internatsleiter wechseln mehrfach. Immer weniger Schüler werden auf der Odenwaldschule angemeldet.

Im Jahr 2014 wird eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Sie soll sich mit den Strukturen befassen, die Missbrauch ermöglichten, und mit der sogenannten zweiten Schuld, der Nicht-Aufarbeitung in den Jahren 1999 bis 2010.

April 2014 Die Polizei durchsucht die Wohnung eines Mathematik-Lehrers der Odenwaldschule. Er räumt ein, Dateien von einem Kinderporno-Anbieter im Internet heruntergeladen zu haben. Erst danach wird bekannt, dass die Schule schon vorher Hinweisen von Schülern nachgegangen war, dass der 32-Jährige sich „merkwürdig“ verhalte. Schul- und Internatsleitung hatten den Aufsichtsbehörden das verschwiegen, obwohl sie sich stets zu guter Kooperation verpflichtet hatten.

Im Oktober 2014 zeigt das ARD-Fernsehen den Film „Die Auserwählten“ von Regisseur Christoph Röhl mit Ulrich Tukur in der Rolle des Missbrauchstäters Gerold Becker. Dadurch nimmt die Debatte über die Bekämpfung von sexuellem Missbrauch wieder Fahrt auf.

2015 Die Odenwaldschule bekommt erneut eine neue Leitung. In Gesprächen mit Aufsichtsbehörden und Banken bemüht sie sich, die Zukunft der Odenwaldschule zu sichern. Am 25. April erklärt sie das Scheitern. Der Unterricht endet mit dem Schuljahr 2014/15.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion