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CHRONIK DEUTSCHER HERBST

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DONNERSTAG/FREITAG, 29./30.9.1977

DONNERSTAG/FREITAG, 29./30.9.1977

Der Bundestag beschließt am 29. September im Eilverfahren den erst am Vortag eingebrachten Entwurf eines Kontaktsperregesetzes. Demnach kann Straf- oder Untersuchungsgefangenen der Kontakt zu anderen und zur Außenwelt komplett verboten werden. Dies gilt allerdings nur für verurteilte und mutmaßliche Terroristen. Die Kontaktsperre kann auch dann angeordnet werden, wenn nur ein Verdacht auf Gefahr für Leben, Leib oder Freiheit einer Person durch eine terroristische Vereinigung besteht. Das Verbot kann von Landesbehörden und vom Bundesjustizminister ausgesprochen werden, muss jedoch nach zwei Wochen von Oberlandesgericht oder Bundesgerichtshof bestätigt werden. In der SPD-Fraktion stimmen vier, in der FDP fünf Abgeordnete gegen das Gesetz, die Unionsfraktion votiert geschlossen dafür.

Mehrere hundert belgische Polizisten durchkämmen in der Nacht zum Donnerstag einen Teil der nordöstlichen Provinz Limburg. Sie suchen vergeblich das Schleyer-Versteck, nachdem ein anonymer Telefonanrufer behauptet hatte, der entführte Arbeitgeberpräsident werde in einem leer stehenden Bauernhaus in der Gegend gefangen gehalten.

Der seit Mitte Juli untergetauchte frühere Baader-Meinhof-Anwalt Klaus Croissant wird am 30. September in Paris verhaftet. Um 13.30 Uhr dringt die Polizei in sein Appartement ein. Croissant ist unbewaffnet und leistet keinen Widerstand. Er kündigt jedoch sofort an, er wolle sich um politisches Asyl in Frankreich bemühen. Der Stuttgarter Jurist wird in der Bundesrepublik wegen des Verdachts auf Unterstützung einer terroristischen Vereinigung gesucht. Croissant, der Baader und Meinhof in ihrem Prozess vertreten hat, soll Nachrichten der RAF-Spitze nach draußen geschmuggelt haben.

Der Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks verbietet in letzter Minute die Ausstrahlung eines Interviews mit Heinrich Böll. Der Schriftsteller beklagt darin die massiven Angriffe auf ihn und andere angebliche "Sympathisanten der Terroristen". Böll bezieht sich unter anderem auf eine Hausdurchsuchung bei seinem Sohn wenige Tage zuvor und fragt, "ob da 40 bayerische Polizeibeamte in die Wohnung des Sohnes von HerrnStrauß gehen, wenn jemand in München anonym die Polizei anruft und ihr mitteilt, dass ein Sohn von Herrn Strauß Waffen in der Wohnung hat". Die FR druckt tags darauf das komplette Interview.

Was sonst geschah:

Fluchthelfer, die DDR-Bürger in den Westen schmuggeln, arbeiten legal. Zu diesem Schluss kommt der Bundesgerichtshof am29. September in einem Urteil.

Die französische Polizei stürmt in Paris-Orly ein von einem Geistesgestörten gekapertes Flugzeug und befreit alle 20 Geiseln. erb

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