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Chronik - Der Deutsche Herbst

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DONNERSTAG/FREITAG, 15./16.9.77

DONNERSTAG/FREITAG, 15./16.9.77

Bundeskanzler Helmut Schmidt gibt am 15. September im Bundestag eine Regierungserklärung ab. Darin fordert er die Entführer auf, "ihr irrsinniges Unternehmen" zu beenden. Der Staat werde "am Ende die Terroristen besiegen", sagt Schmidt. Repressionen gegen die inhaftierten Terroristen lehnt der Kanzler ab. "Drohungen und Maßnahmen, die unsere Verfassung brechen, sind untauglich", sagt er. Schmidt signalisiert jedoch Bereitschaft, über Gesetzesänderung zur inneren Sicherheit zu sprechen.

CDU-Generalsekretär Heiner Geißler fordert den Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorismusbekämpfung.

In eigenen Beiträgen in der Wochenzeitung Die Zeit distanzieren sich Ex-Studentenführer Rudi Dutschke, Philosoph Herbert Marcuse und Schriftsteller Heinrich Böll vom RAF-Terror. Wer angesichts der Schleyer-Entführung "klammheimliche Freude empfindet, sollte wissen, daß er eine Bombe in sich birgt", schreibt Böll. Für Marcuse, den früheren Mentor der APO, stellt der RAF-Terror einen Bruch mit der APO-Bewegung dar, der die Linke spalte. Und Dutschke schreibt: "Wir wissen nur zu gut, was die Despotie des Kapitals ist, wir wollen sie nicht ersetzen durch Terrordespotie."

Den Entführern wird der Fahndungsdruck in Deutschland zu groß. Sie setzen Schleyer am 16. September in einen großen Weidenkorb, tragen ihn aus der Wohnung Am Renngraben 8 in Erftstadt-Liblar in die Tiefgarage, verfrachten ihn in einen Kombi und fahren ihn bei Aachen an die grüne Grenze. Dort wird er in ein anderes Auto umgeladen und nach Den Haag gefahren. Dann wird er in den zweiten Stock des dreigeschossigen Einfamilienhauses in der Stevinstraat 26 geschleppt - seine neue Zelle. Auch hier wird er rund um die Uhr von mindestens einem RAF-Mitglied bewacht. Peter-Jürgen Boock, Stefan Wisniewski, Brigitte Mohnhaupt, Angelika Speitel und Elisabeth von Dyck wechseln sich ab.

Baden-Württembergs Regierung kündigt im Landtag die Entlassung des Stuttgarter Schauspieldirektors Claus Peymann an. Der hatte einen Spendenaufruf für eine Zahnbehandlung Gudrun Ensslins gestartet.

Die Entführer melden sich bei Vermittler Denis Payot. Sie wollen über den Stand der Verhandlungen zwischen Bundesregierung und möglichen Zielländern für die freigelassenen RAF-Häftlinge informiert werden.

Was sonst geschah:

Ein Flugzeug der US-Luftwaffe stürzt am 15. September im Bundesstaat New Mexico direkt neben einem Atomwaffendepot ab.

Operndiva Maria Callas stirbt am 16. September überraschend im Alter von 53 Jahren in Paris. erb

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