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Dürfte den großzügigen Kurs Mario Draghis fortsetzen: Christine Lagarde.

Zentralbank

Christine Lagarde: Hart, aber respektvoll

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Christine Lagarde gilt vielen als die perfekte Besetzung für die Spitze der Europäischen Zentralbank – ein Porträt.

In Frankfurter Finanzkreisen und bei Volkswirten sind die Reaktionen gemischt. „Christine Lagarde ist eine sehr gute Besetzung für die Position des EZB-Präsidentschaft“, sagt Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts. Sie habe genügend politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen.

Michael Schubert, EZB-Kenner bei der Commerzbank, erwartet allerdings, das Lagarde den großzügigen geldpolitischen Kurs von Amtsinhaber Mario Draghi fortsetzt. „Schließlich hat sie dessen Politik wiederholt gelobt, insbesondere sein berühmtes ‚what-ever-it-takes‘-Bekenntnis vom Sommer 2012, den Euro mit allen Mitteln zu unterstützen.“ Zudem habe sie wiederholt die EZB zu einer noch expansiveren Politik aufgefordert. Auch Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hält Lagarde für eine „geldpolitische Taube“, die damit auf Linie von Draghi liegt.

Auch wenn die groß gewachsene Französin bisher direkt keine Rolle in der Geldpolitik gespielt hat und auch keine Ökonomin ist – sondern Juristin – gilt sie als absolut geeignete Kandidatin und ausgewiesene Expertin. Die EZB und ihre führenden Köpfe kennt sie gut. Sie trifft sie auf den Jahrestagungen des IWF, nimmt an den Treffen der G7- und der G20-Finanzminister und Notenbank-Präsidenten teil. Regelmäßig sitzt sie mit Draghi zusammen. Dass sie von Washington aus die EZB mal kritisiert, mal lobte, wird Lagarde nicht übel genommen. Im Übrigen waren sie und der IWF eng in die Programme zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise eingebunden.

Dass sie große internationale Organisationen souverän führen kann, hat die 63-Jährige seit 2011 beim IWF mit seinen 189 Mitgliedsstaaten gezeigt. Sie hat dem Fonds zu neuem Ansehen verholfen, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn wegen einer Sexaffäre gehen musste. Sie hat auch dafür gesorgt, dass der Fonds bei seinen Programmen zur Stabilisierung von in Zahlungs- und Finanzschwierigkeiten steckenden Staaten mit weniger harten Auflagen agierte, die in der Vergangenheit zu drastischen sozialen Folgen und massiven Protesten geführt hatten. Diese Wende wird durchaus auch von Kritikern anerkannt.

Bei der EZB übernimmt Lagarde eine alles andere als einfache Aufgabe. Von einer Normalisierung der Geldpolitik ist die Notenbank weit entfernt. Der Leitzins liegt seit März 2016 bei null, der Einlagezins für Banken ist mit minus 0,4 Prozent negativ und wird möglicherweise im September noch weiter gesenkt. Eventuell wird auch das Ende 2018 gestoppte billionenschwere Anleiheprogramm wieder aufgelegt. Diese extrem lockere Geldpolitik macht zwar Kredite günstig, aber Sparer verlieren Geld.

Mit ihrer offenen, verlässlichen, aber in der Sache auch konsequenten Art gilt Lagarde als höchst geeignet, einen Weg aus der schwierigen Lage zu finden. Sie kann zuhören, agiert nicht von oben herab und gilt als charmant. Mit Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa hat sie in der Sache oft hart, aber respektvoll diskutiert.

Wenn Lagarde am 1. November die Nachfolge von Draghi antritt, ist sie neben Sabine Lautenschläger, der ehemaligen Vizepräsidentin der Bundesbank, die zweite Frau im sechsköpfigen Direktorium. Nach dem Niederländer Wim Duisenberg, der von Juni 1998 bis Oktober 2003 an der Spitze stand, dem Franzosen Jean-Claude Trichet (November 2003 bis Oktober 2011) und dem seitdem amtierenden Draghi ist sie die vierte Person, die die EZB führt.

Für Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde, ist das Thema EZB-Präsidentschaft damit zunächst einmal erledigt. Einflussreiches Mitglied im Rat der EZB bleibt Weidmann als Bundesbank-Präsident natürlich weiter.

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