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Christian Schmidts Trapattoni-Moment

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Von: Thomas Roser

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Mit Merkels Hilfe rutscht der Ex-Minister auf den Posten des Hohen Repräsentanten in Bosnien. Sein Wutausbruch zeigt erneut: Der Franke ist dem Amt nicht gewachsen

Der undiplomatische Auftritt des ranghöchsten Auslandsdiplomaten in Bosnien und Herzegowina, Ex-Bundesminister Christian Schmidt, schlägt im Vielvölkerstaat noch immer hohe Wellen. Selbst der „kalte Deutsche“ Christian Schmidt sei „im bosnischen Kessel übergekocht“, kommentierte am Freitag die Zeitung „Euro Blic“ in Banja Luka verwundert den Wutausbruch des Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft (OHR) bei einer Pressekonferenz in Gorazde: „Schmidt ist nicht vorbereitet auf die Probleme in Bosnien.“

Die Videosequenz mit dem tobenden Teutonen, den die Frage einer TV-Journalistin bei einer Dienstreise völlig aus der Fassung brachte, sorgt in allen ex-jugoslawischen Staaten für Furore. Mit „full rubbish – völliger Quatsch“ hatte der 64-jährige CSU-Politiker auf Englisch lautstark auf die Frage reagiert, warum die von ihm angestrebte Wahlreform die Kroat:innen, aber nicht kleinere Minderheiten wie Jüdinnen oder Juden oder Rom:nja und Sinti:zze begünstige: In einigen bosnischen Medien wurde hernach ausführlich berichtet, dass der frühere Landwirtschaftsminister bei seinem Tobsuchtsanfall Bosniens Politiker als „Müll“ bezeichnet habe.

Tatsächlich ließ der Mann mit der Hornbrille bei seinem phonstarken Brülllauftritt an Bosniens berüchtigter Politikerkaste kein gutes Haar. Er habe „genug von deren politischen Spielen“. Schon seit 15 Jahren seien die heimischen Politikerinnen und Politiker nicht in der Lage, sich auf ein neues Wahlgesetz zu verständigen: „Ich habe die Situation satt, in der jeder den anderen beschuldigt. Freunde, das ist nicht der Weg, um nach Europa zu kommen!“

Weniger der Inhalt seiner Botschaft als der fulminante Auftritt des früheren CSU-Abgeordneten sorgt für Befremden. Schmidt habe „gezeigt, dass er um nichts besser ist als bosnische Politiker“, kritisierte etwa das kroatische Webportal „index.hr“ dessen Ausraster: „Sein Wutanfall hat nicht nur seine politische Ohnmacht enthüllt, sondern auch dass er sich in Bosnien nicht zurecht gefunden hat.“

Es war die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihren Unionsfreund Schmidt als Nachfolger des amtsmüden Östereichers Valentin Inzko vor Jahresfrist an der Spitze des in die Vergessenheit geratenen OHR-Amts bugsierte: Berlin wollte Bosniens ins Stocken geratene EU-Annäherung mit der Aufwertung des OHR durch einen eigenen Vertrauensmann neu beleben. Doch es scheint, als habe die Bundesregierung dafür keineswegs den geeignetesten Kandidaten ausgewählt. Er könne auch „Zähne zeigen“, hatte Schmidt bei seinem Amtsantritt im August letzten Jahres gelobt.

Doch das rhetorische Dauerwaffengerassel und die raue Gangart in Bosniens Politlabyrinth schienen Schmidt gehörig zu verschrecken. Im Herbst warnte er wegen der Sezessionsdrohungen von Serbienführer Dodik gar vor einem neuen Waffengang – eine Furcht, die Analysten, aber auch die EUFOR-Schutztruppe als völlig übertrieben einstuften.

Sah er sich bei Amtsbeginn vor allem den Anfeindungen des ihn nicht anerkennenden SNSD-Chefs Milorad Dodik ausgesetzt, hat sich der Bäckersohn beim Tauziehen um ein neues Wahlgesetz die Kritik von Politiker:innen aller Volksgruppen zugezogen. Erst verübelten ihm die Parteien der muslimischen Bosniaken, dass er bei der angeblich von ihm geplanten Änderung des Wahlgesetz die kroatische HDZ bevorzugen wolle. Als er von einer an die Presse gelangten Gesetzesvorlage abrückte, warfen ihm kroatische Politiker:innen vor, vor dem bosniakischen SDA-Chef Bakir Izetbegovic zu Kreuze zu kriechen.

Durchaus zutreffend ist zwar seine Erkenntnis, dass es die heimischen Politfürsten sind, die die ethnischen Dauerspannungen zum Wohl des eigenen Machterhalts am Köcheln halten – und ihren eigenen Staat seit Jahren blockieren. Doch über das nötige dicke Diplomatenfell scheint der dünnhäutige Deutsche bei den auf ihn einprasselnden Schuldzuweisungen und Beleidigungen für seinen Job nicht zu verfügen.

Er habe seiner Kritik „klar Ausdruck geben“ wollen, rechtfertigt Schmidt seinen Brüllauftritt von Gorazde. Rumschreien könne Schmidt zuhause, „wenn ihm das seine Mitbewohner erlauben“, meint hingegen Zlatan Begic, Vorstandsmitglied der Demokratischen Front (DF).

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