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Christian Lindner im ARD-Sommerinterview: Arroganz und linke Gespenster

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Von: Lukas Rogalla

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Finanzminister Christian Lindner im ARD-Sommerinterview am 21. August 2022
Kritik an SPD und Grünen: Finanzminister Christian Lindner im ARD-Sommerinterview 2022. © Christophe Gateau/dpa

Finanzminister Christian Lindner (FDP) holt im ARD-Sommerinterview gegen die Koalitionspartner aus und klopft sich auf die Schulter.

Berlin – Uns wurde mit Christian Lindner gedroht, wir haben Christian Lindner bekommen. Der Wirtschaftsliberale bzw. Porsche-Freund hat sein Lebensziel erreicht und ist seit etwa acht Monaten Bundesminister für Finanzen. Zu Beginn des Sommerinterviews in der ARD am Sonntag (21. August 2022) verrät der FDP-Vorsitzende zunächst, dass er keine größeren Ambitionen verfolge, etwa wie sein Vorgänger Olaf Scholz Kanzler zu werden. Ein nur kurzes Gefühl von Glück, das aus diesem Gespräch in Berlin zwischen Lindner und der Journalistin Tina Hassel entweicht. Denn an den viel kritisierten Plänen zu Steuern, Schuldenbremse und Co. will die FDP um Lindner unbedingt festhalten.

Christian Wolfgang LindnerPolitiker
Geburtstag7. Januar 1979
GeburtsortWuppertal
ParteiFDP
AmtBundesvorsitzender der FDP
Bundesminister für Finanzen

Christian Lindner warnt im ARD-Sommerinterview vor Einfluss der Antifa

Glaubt man Lindner, dann ist die derzeit größte Gefahr in Deutschland, dass die Koalitionspartner SPD und Grüne linke Politik machen könnten. „Viele linke Gruppen, Antifa zum Beispiel und andere“ hätten kürzlich vor der FDP-Parteizentrale für eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets demonstriert (echte Aussage unseres Finanzministers). Viel weiter erläutert wird das nicht. Alleine der Begriff Antifa taugt offenbar als Argument gegen eine Verlängerung des ÖPNV-Angebots über den Sommer hinaus.

Werden auf diese Weise 14 Milliarden Euro investiert, wäre kein Geld mehr übrig, um die Bahn zu modernisieren, meint Lindner. Zudem warnt er indirekt vor Leuten, die das 9-Euro-Ticket auch in ihrer Freizeit nutzen. Wie kann man nur? Was Autofahrer in ihrer Freizeit tun, stellt Lindner übrigens nicht infrage. Denn bald soll das Autofahren ohnehin klimafreundlich sein.

Synthetische Kraftstoffe, auch E-Fuels genannt, seien „keine Zukunftsmusik“, sondern würden nur noch ein wenig Feinschliff auf dem Weg zur echten Maßnahme gegen die Klimakrise benötigen. Versprochen! Ein Tempolimit auf der Autobahn sei hingegen weiterhin kein Thema. Apropos Autos. Gab es nicht Absprachen zwischen Christian Lindner und Porsche? Offenbar Schnee von gestern, denn Tina Hassel lässt die Vorwürfe im Interview vollkommen unerwähnt.

FDP unter Christian Lindner als Blockierer?

Auf schlechte Umfragewerte und Wahlergebnisse sowie Widerspruch in der eigenen Partei angesprochen, reagiert Christian Lindner gelassen bis arrogant: „Ich sage mir, irgendwann wird es Menschen geben, die erkennen, der FDP-Vorsitzende und Finanzminister hat in einer schwierigen Lage den Kurs gehalten, hatte einen klaren Kompass. Selbst wenn es im Moment unpopulär war.“ Viel Selbstkritik steckt da nicht drin. Und das, obwohl die Mehrheit der FDP-Anhänger höhere Schulden zur Finanzierung von Entlastungen befürwortet. Dabei war es Christian Lindner selbst, der immer Vernunft statt Ideologie predigte.

Der Minister holt im Interview sogar noch gegen die Bündnispartner aus. Während SPD und Grüne versuchen würden, den Koalitionsvertrag neu auszuhandeln und „die Politik in Deutschland weiter nach links zu rücken“, wolle die FDP – laut Lindner eine Partei der Mitte – ihre für sie vereinbarten Punkte weiter durchziehen. In jedem Fall werden Risse im rot-grün-gelben Bündnis sichtbar.

Immer wieder grenzt sich der FDP-Chef nach links ab. Doch wo kommt diese Idee eines Linksrucks eigentlich her? Realitätsferne kann man Christian Lindner nicht vorwerfen. Dafür weiß er zu gut, dass die politische Linke – zu denen Lindner SPD und Grüne zählt – in Deutschland einen verschwindend geringen Einfluss hat. Der Vorwurf vonseiten Hasslers, die FDP könne als Blockierer vieler Maßnahmen angesehen werden, erhärtet sich hingegen, wenn Lindner zugibt, man würde SPD und Grüne in Schach halten wollen. Nach rechts grenzt sich Lindner in diesem Interview übrigens nicht ab. Warum auch?

Christian Lindner: Nichts als Verachtung für Arme

Wirklich kritische Nachfragen von Tina Hassel blieben leider aus. Christian Lindner konnte im Sommerinterview die klassischen Standpunkte der FDP wie üblich schönreden, ohne ernsthaft herausgefordert zu werden. Vor allem mit Begrifflichkeiten wie der „arbeitenden Mitte“, die bei Inflation und steigenden Energiekosten finanziell entlastet werden soll, lässt der Finanzminister verbleibende Hoffnungen auf einen echten Aufbruch und soziale Politik platzen, da der ärmste Teil der Bevölkerung als nicht hart genug oder gar nicht arbeitend diffamiert wird. Dabei sind es oftmals Geringverdienende, die unverzichtbare Rollen in unserer Gesellschaft übernehmen.

ARD-Sommerinterview mit Christian Lindner

21. August 2022, 18 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek

Angesichts der drastisch zunehmenden Probleme für etliche Haushalte in Deutschland ist der Angriff Lindners nach links in diesem Interview eine Schande. Der FDP-Chef zeigt, dass er die Sorgen und Bedürfnisse von Millionen von Leuten nicht ernst nimmt. Überraschend kommt das nicht, dafür ist er in seiner Verachtung aber sehr offen.

Dazu muss allerdings noch erwähnt werden, dass die FDP in der Koalition recht leichtes Spiel hat – denn SPD und Grüne zeigen in Zeiten der Krise nur wenig Rückgrat. (Lukas Rogalla)

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