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Ein Land in Trauer: Die Flagge am Parlamentsgebäude der Hauptstadt Wellington weht seit gestern auf Halbmast.

Massaker in Christchurch

Der Terror erreicht Neuseeland

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Nach dem Massaker an Muslimen in Christchurch müssen sich die Behörden fragen, ob sie die Gefahr von rechts unterschätzten.

Der Mörder kennt keine Gnade. Wahllos schießt er mit seinem Schnellfeuergewehr auf die islamischen Gläubigen, die zum Freitagsgebet in die Al-Nur-Moschee gekommen waren. Systematisch jagt er Schusssalve um Schusssalve in die Ecken der Räume, in denen zusammengekauerte Gestalten zu sehen sind. Nach wenigen Minuten wechselt der Täter das Magazin und schießt weiter auf die wenigen Leute, die noch Lebenszeichen von sich geben. Brutal und unerbittlich wollte der Mann in seinem 17 Minuten langen Auftritt, den er live auf Facebook streamte, wirken. Er endete mit seiner Verhaftung durch die Polizei.

Es ist die schlimmste Bluttat in Neuseeland seit Mitte der 90er Jahre. Verantwortlich dafür ist offenbar ein 28-jähriger Australier, der Fitnesstrainer Brendon T. – ein Mann mit rechtsextremen Überzeugungen und einem Hass auf Migranten. Außer ihm hat die Polizei drei weitere Verdächtige festgenommen, darunter eine Frau. Gemeinsam sollen sie am Freitagnachmittag Ortszeit zwei Moscheen in Christchurch angegriffen haben. Mindestens 49 Menschen wurden bei dem Massaker getötet. Die Kricket-Nationalmannschaft von Bangladesch überlebte, weil sie ein paar Minuten nach der Ankunft der Täter an einer Moschee ankam.

Plakate der Solidarität an Neuseelands Botschaft in London.

Bisher sind kaum Tote identifiziert. In der Al-Nur-Moschee waren zum Zeitpunkt des Anschlags Muslime aus aller Welt zum Gebet versammelt. Mindestens 48 Verletzte wurden im Krankenhaus von Christchurch behandelt, darunter auch kleine Kinder.

Christchurchs Bürgermeisterin beschwört den Zusammenhalt

Die Behörden reagierten mit dem Belagerungszustand. Muslime, etwa ein Prozent der 4,7 Millionen Bewohner des Landes, wurden aufgefordert, ihren Moscheen fernzubleiben. Die Polizei rief Eltern auf, ihre Kinder nicht aus den Schulen abzuholen. „Die Lehrer passen auf“, hieß es in einer Nachricht der Polizei. Die Furcht, dass eine oder mehrere rechtsradikale Gruppen zu einem groß angelegten Schlag gegen die islamische Minderheit ausgeholt hatten, legte sich erst nach Stunden.

„Es ist und wird einer der schlimmsten Tage in der Geschichte Neuseelands sein“, erklärte die sichtlich mitgenommen Premierministerin Jacinda Adern im Fernsehen. Dann wurde sie deutlich: „Solche Anschläge gehören nicht hier hin. Die Minderheiten haben sich entschieden, hier zu leben. Auch die Muslime sind wir.“

Mit Tränen in den Augen und sichtlich unter Schock beschwört Christchurchs Bürgermeisterin Lianne Dalziel den Zusammenhalt: „Es sieht so aus, als sei das Schlimmste passiert, und wir müssen an einem Strang ziehen und die Situation bewältigen.“

Blutige Mullbinden, aufgerissene Sanitätspackungen und ein verlorener Schuh – die stummen Zeugen des Massakers in Christchurch.

Bei dem Anschlag auf die beiden Moscheen werden an einem einzigen Tag so viele Menschen getötet, wie sonst in einem ganzen Jahr in Neuseeland. Die Kiwis – wie die Neuseeländer auch genannt werden – sind erschüttert und fassungslos. Lange Jahre galt Neuseeland als eine Art Insel der Seligen. Das Land blieb von Gewalt und Hassausbrüchen weitgehend verschont, während der Rest der Welt unter Anschlägen zu leiden hatten.

Während im neuseeländischen Christchurch noch die Opfer geborgen wurden, musste Australiens Premierminister Scott Morrison mit betretenem Gesicht auf einer Pressekonferenz in Canberra gestehen: „Bei mindestens einem der Täter handelt es sich um einen rechtsextremen Bürger Australiens.“ Ausgerechnet der Mann, der als Einwanderungsminister Tausende von Flüchtlingen auf entlegenen Inseln im Pazifik in Lager steckte, muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, dass seine fremdenfeindliche Politik Rechtsextremismus und rechtsradikalen Terror stärkte.

Denn der Ansatz der konservativen Regierungspartei „Liberal Party“, mit einer strikten Kontrolle die Zuwanderung zu begrenzen, führte nicht zu größerer Toleranz in dem multikulturellen Land. Seit drei Jahren beobachtet der australische Inlandsgeheimdienst ASIO einen starken Zuwachs bei Rechtsradikalen und rechtsextremen Aktivitäten. Sie fühlen sich durch die wachsende Fremdenfeindlichkeit bestärkt.

Professor Joshua Roose von der Australian Catholic University, der führende Experte für Rechtsextremismus auf dem fünften Kontinent, zeigte sich dennoch am Freitag mehr als überrascht: „Zum ersten Mal hat Australiens radikale Rechte die Grenze zum Terror überschritten.“

Es mag in Australien während der vergangenen Jahre zwar Hunderte von Opfern rechtsradikaler Provokateure und Schläger gegeben haben. Doch nun müssen Fachleute wie Roose ihre Meinung überprüfen, dass die Gruppen weit vom Terror entfernt waren. Ähnlich wie Neuseelands Right Wing Resistance, die einzige bekannte rechtsradikale Gruppe in Neuseeland, galt ihr Hass während der vergangenen Jahre nicht nur muslimischen Einwanderern, sondern auch Chinesen oder Polynesiern.

Die Überzeugung, dass die ehemalige britische Strafkolonie Australien „Weißen“ gehöre, ist freilich nicht nur bei rechtsextremen Fanatikern zu finden. Viele Wähler von Premier Morrisons Partei liegen zumindest emotional auf einer ähnlichen Linie. Auch wegen der Teilnahme an den Kriegen in Afghanistan und Irak schätzte Australien die Bedrohung durch islamistische Fanatiker immer als höher ein.

Ein Polizist am Tatort Al-Noor-Moschee.

Während sich in Australien die Fronten zwischen weltoffenen Einwohnern und ihren auf Abschottung plädierenden Landsleuten verhärteten, steuerte Neuseeland bewusst einen anderen Kurs. Premierministerin Jacinda Ardern bot etwa an, 150 der von Australien im Inselstaat Nauru internierten 3000 Flüchtlinge aufzunehmen. Ihr Kollege Morrison in Canberra, dessen strikte Anti-Flüchtlingspolitik vielen europäischen Konservativen als beispielhaft gilt, lehnte ab. Viele Neuseeländer, deren Regierung ebenfalls Elite-Einheiten nach Afghanistan und in den Irak schickte, waren bis zum Freitag überzeugt, dass keine Terrorgefahr – egal von welcher Seite – drohte. Nun ermittelt die Polizei fieberhaft. Sie sucht nach einem rechtsradikalen Netzwerk, das sie möglicherweise bislang übersehen hatte.

Denn der mutmaßliche Attentäter T. und seine drei Komplizen hatten ihre Tat offenbar wochenlang vorbereitet. Sie übten sich nicht nur im Schießen, sondern auch im Bau von Bomben. Zumindest die Bastelei von Sprengsätzen ging am Freitag daneben. Im Fluchtauto und in den beiden Moscheen versteckte Bomben konnten entschärft werden, bevor sie weitere Schäden verursachen konnten.

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