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Im ohnehin schon stark zensierten chinesischen Internet hat 2017 schließlich ein Cyber-Sicherheitsgesetz die Verantwortung vornehmlich an private Tech-Firmen delegiert, ihre Inhalte nach Gesetzeskonformität zu überprüfen. (Symbolbild)
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Im ohnehin schon stark zensierten chinesischen Internet hat 2017 schließlich ein Cyber-Sicherheitsgesetz die Verantwortung vornehmlich an private Tech-Firmen delegiert, ihre Inhalte nach Gesetzeskonformität zu überprüfen. (Symbolbild)

Whistleblower berichtet

Chinas Zensurapparat: So funktioniert die Kontrolle

  • VonFabian Kretschmer
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Unterdrückung von politischen Botschaften mithilfe von Algorithmen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der chinesischen Tiktok-Mutter Bytedance erählt von den Zensurmethoden.

Li An hat sich nie wohl dabei gefühlt, seinem Umfeld von seinem ehemaligen Beruf zu erzählen. Viele seiner Kollegen hatten Journalismus studiert und würden sich als politisch liberal beschreiben. Und dennoch halfen sie als sogenannte Content Moderators für das Pekinger Tech-Unternehmen Bytedance dabei, politisch sensible Inhalte zu unterdrücken. „Wir fühlten alle, dass wir nichts dagegen tun konnten“, sagte Li, der unter einem Pseudonym gegenüber dem US-Fachmedium „Protocol“ erstmals Einblicke in den Zensurapparat gibt.

Im ohnehin schon stark zensierten chinesischen Internet hat 2017 schließlich ein Cyber-Sicherheitsgesetz die Verantwortung vornehmlich an private Tech-Firmen delegiert, ihre Inhalte nach Gesetzeskonformität zu überprüfen. Soziale Medien, die illegale Inhalte publizieren, müssen mit drakonischen Geldstrafen rechnen sowie dem Entzug ihrer Betriebslizenz. Solche Gesetze sind weltweit üblich, allein schon um gezielte Falschmeldungen oder Hassaufrufe zu vermeiden. In China schwingt jedoch immer die politische Komponente mit: Schließlich landen regelmäßig Blogger:innen im Gefängnis, etwa weil sie den Machtanspruch der Kommunistischen Partei infrage stellen oder von Menschenrechtsverbrechen berichten.

Für Bytedance, Pekings wohl erfolgreichstes Start-up, das die internationale Videoplattform Tiktok betreibt, arbeiten rund 50 Software-Ingenieur:innen, die hauptsächlich Algorithmen programmieren, um automatisch „illegale“ Inhalte zu identifizieren – zum Beispiel pornografische Videos, raubkopierte Filmmitschnitte oder politisch sensible Diskussionen. Zusätzlich arbeiten dort rund 20 000 Moderator:innen, die auf der untersten Ebene darüber entscheiden, ob Nutzer:innen gegen die Richtlinien verstoßen. Dabei speisen sie beispielsweise „problematisch“ eingestufte Protovideos in die Datenbank ein, welche dann automatisch ähnliche Videoinhalte identifiziert.

Bei sämtlichen Livestreams wird zudem die Audiospur automatisch in eine Textdatei umgewandelt. Diese wird dann algorithmisch auf „sensible“ Schlagwörter durchsucht. Basierend darauf entscheidet das Programm, ob ein Videostream individuelle Überwachung erfordert oder nicht. Die Entscheidung, ob Inhalte gesperrt werden, wird nach wie vor von einem Menschen getroffen. Die Regeln dafür, wo die Grenzen des Sagbaren verlaufen, werden täglich neu von der Cyberspace-Behörde ausgegeben.

„Was chinesische Plattformen am meisten fürchten, ist es zu versäumen, politisch sensible Inhalte zu löschen“, sagt der ehemalige Bytedance-Zensor Li An. Das junge Start-up, dessen 37-jähriger Gründer Zhang Yiming kein Parteimitglied ist, verfügt über kein ausgeprägtes Netzwerk zu hochrangigen Kadern in Peking. Ein politischer Skandal kann schnell zum unternehmerischen Tod führen.

Anders lief es in den frühen Morgenstunden des 7. Februar 2020, als das Krankenhaus Wuhan den Covid-19-Tod von „Whistleblower-Arzt“ Li Wenliang bekanntgab. Als die Regierung Nachrichten über den neuartigen Lungenerreger zensierte, hatte Li Ende Dezember 2019 seine Kollegen im Chat vor dem Coronavirus gewarnt – und wurde wenig später von den Sicherheitsbehörden verhört, wo er eine Art Schweigegelübde unterschreiben musste.

Trotz schneller Onlinezensur verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden nicht nur Trauerbekundungen, sondern auch Forderungen nach Pressefreiheit, die jedoch rasch gelöscht wurden. Die Online-Gemeinde überlistete schließlich das System mit Codewörtern und Emojis, die für die Algorithmen nicht sofort als Protest zu entschlüsseln waren.

Beobachter:innen sehen darin aber nicht das Scheitern des Zensurapparats, sondern die „Kochtopf-Metapher“: Die chinesische Zensur ist nur deshalb effizient, weil sie ein Ventil zum Ablassen des öffentlichen Frusts offen lässt. Wie bei einem Kochtopf wird der Deckel einen Spalt offen gelassen – genau so weit, dass das kochende Wasser nicht überläuft.

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