1. Startseite
  2. Politik

Chinas Gewissen ist tot

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Finn Mayer-Kuckuk

Kommentare

Ein Exil-Tibeter hält ein Plakat hoch, das Liu Xiaobo zeigt. Der Gesundheitszustand des chinesischen Nobelpreisträgers hatte sich nach Angaben seiner Ärzte immer weiter verschlechtert.
Ein Exil-Tibeter hält ein Plakat hoch, das Liu Xiaobo zeigt. Der Gesundheitszustand des chinesischen Nobelpreisträgers hatte sich nach Angaben seiner Ärzte immer weiter verschlechtert. © dpa

Der Regimekritiker und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo stirbt mit 61 Jahren. Bis zuletzt hielt die Volkrepublik den dichtenden Moralisten in Haft – ein Nachruf.

Mit Liu Xiaobo ist ein Stück Hoffnung auf ein freieres China gestorben. Der chinesische Friedensnobelpreisträger war 61 Jahre alt, als er am Donnerstag dem Leberkrebs erlag. Bis zum letzten Moment behandelte die chinesische Regierung ihn als den verurteilten Straftäter, als den ihn alle Welt sehen sollte. Liu Xiaobo starb unter Bewachung an unbekanntem Ort.

Liu war der prominenteste Regimekritiker der vergangenen Jahre – und einer der tapfersten. Weil er nicht schweigen wollte, stempelte die Justiz der Volksrepublik ihn zum Schwerverbrecher. Seit 2009 verbüßte der Schriftsteller elf Jahre Haft, weil er Artikel geschrieben hatte, in denen er den Einparteienstaat kritisierte.

Liu hinterlässt seine Frau, die Dichterin Liu Xia, die wie er tapfer gekämpft hat, immer eisern zu ihrem Mann hielt, für ihn sprach, selbst unter Hausarrest stand und Depressionen entwickelte, Liu Xia ist die zweite Heldin der Geschichte Xiaobos.

Als er sich in den 80er Jahren in sie verliebte – in die für ihn „schönste Frau der Welt“, setzte der Mittzwanziger sich bereits für die Menschenrechte ein. Der damalige Reformkurs der Kommunistischen Partei gab ihm Hoffnung, etwas bewegen zu können. Er träumte von Meinungsfreiheit und einer offenen Diskussion über ein neues China. Dann kam 1989.

Das Jahr, das woanders zum hoffnungsvollen Aufbruch wurde, endete in China im Blut. Die Studenten gingen in Massen für ihre Rechte auf die Straße. Panzer rollten durch Peking. Die Regierung ließ den Protest zusammenschießen. Junge Erwachsene verbluteten auf der „Straße des Langen Friedens“.

Liu Xiaobo wurde da zum tragischen Held der Stunde. Der promovierte Hochschullehrer im Fachbereich Literatur hatte die Demos mitorganisiert und Reden gehalten. Als klar wurde, dass die Regierung Gewalt anwenden wird, verhandelte er den sicheren Abzug von Hunderttausenden vom Tiananmen-Platz. Das brachte ihm zwei Jahre Gefängnis ein. Die Bilder von den Blutlachen, das Geräusch der Schüsse gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Das Trauma wurde Ansporn: Kurz nach seiner Entlassung wurde er zum Leiter der Zeitschrift „Demokratisches China“, die heute noch in einer Online-Version weiterlebt. Der Titel ist schlau gewählt: Die Volksrepublik versteht sich offiziell als Demokratie, auch wenn jeder weiß, dass es keine freien Wahlen gibt. Nachdem er in Artikeln unablässig für Meinungsfreiheit, eine unabhängige Justiz und Parteikonkurrenz argumentiert hatte, landete er 1995 wieder im Gefängnis. Gleich anschließend kam er ins Arbeitslager.

Liu Xia war am Boden zerstört, doch sie tat, was sie konnte, um ihren Mann zu unterstützen. Sie erwirkte das Recht, ihn zu heiraten, in einer schlichten Zeremonie ihm Lager. Für die nächsten drei Jahre fuhr Liu Xia jeden Monat von Peking 600 Kilometer nach Nordchina, um wenige Minuten mit ihrem Liebsten zusammen zu sein und unter Aufsicht ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Von 1999 bis 2009 war Liu fast etwas überraschend zehn Jahre lang frei. Die Polizei bespitzelte und piesackte das Ehepaar, aber das war ein vergleichsweise normales Leben. Liu Xiaobo wurde Lehrauftragter und engagierte sich im chinesischen Ableger des Schriftstellervereins PEN.

Im Olympiajahr 2008 bahnte sich jedoch die nächste Katastrophe an. Liu Xia berichtete später, sie habe von Anfang an „kein gutes Gefühl“ mit der Charta 08 gehabt. In diesem Dokument stellten 303 Intellektuelle fest: „Chinas Bürgern wird klar, dass Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte universelle Werte sind und dass Volksherrschaft und Verfassungsstaat die Basis moderner Politik sind.“ China müsse den Reformprozess, der bereits hundert Jahre dauere, endlich abschließen und den „Traum unserer Väter“ von einer freien Gesellschaft wahrmachen.

Die Charta 08 rechnete auch mit der Partei und ihren Lügen ab. China sei in den „Abgrund des modernen Totalitarismus“ gestürzt. Das „Neue China“, die Volksrepublik sei eine Einparteiendiktatur und kaum besser als das alte Kaiserreich. Das konnte Staatschef Hu Jintao nicht durchgehen lassen. Liu wurde noch vor der Veröffentlichung unter Arrest gestellt und 2009 zu der Gefängnisstrafe verurteilt, die er nicht überleben sollte.

Liu Xia litt in diesen acht Jahren fast genauso viel wie er. Sie blieb unter Hausarrest, der Geheimdienst hörte ihr Telefon ab, Polizisten observierten ihr Haus Tag wie Nacht, nur in Ausnahmefällen durfte jemand sie besuchen. Sie sah ihren Mann erst in diesem Frühjahr wieder für etwas längere Zeit; da war er bereits abgemagert und vom Tod gezeichnet.

Menschenrechtler sehen ein Muster in der schlechten Behandlung politischer Gefangener in China. „Die Behörden haben keine Scheu, sie durch medizinische Vernachlässigung sterben zu lassen“, sagt Frances Eve von Chinese Human Rights Defenders. Das sei zumindest die Wahrnehmung der Angehörigen. Vor Ort in China ist zu hören, dass Liu länger hätte leben können, wenn die Ärzte ihn früher behandelt hätten.

Liu hat sich 30 Jahre lang der Kommunistischen Partei entgegengeworfen. Da es in China derzeit keine breite Basis für Widerstand gibt, standen er und einige wenige von Gleichgesinnten alleine da. Statt Vorreiter einer Bewegung zu sein, wurde Liu Xiaobo zum Märtyrer. Heute ist China so eng kontrolliert wie nie zuvor, der Staat weiß alles, sieht alles, steuert alles. Die Partei steht weit über dem Gesetz. International traut sich kaum noch ein Land, ihr Vorgehen zu kritisieren – aus Angst, das wirtschaftliche Wohlwollen zu verlieren.

Doch Lius Anstrengungen waren nicht vergebens. Sein Leben und sein Werk bleiben ein Stachel im Fleisch der Mächtigen. Schon als er während der Lagerhaft den Friedensnobelpreis erhielt, wüteten die offiziellen Stellen, ließen ihre Propagandisten starke Worte absondern: Liu sei bloß ein gewöhnlicher Verbrecher, rechtskräftig verurteilt. Aber Liu war kein Verbrecher. Er war ein hilfsbereiter, hochmoralischer Mensch.

Gedicht zitiert nach „Liu Xiaobo: Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Ausgewählte Schriften und Gedichte“, herausgegeben von Tienchi Martin-Liao und Liu Xia, Fischer 2013.

Auch interessant

Kommentare