Protest in Solidarität mit den Uiguren - China möchte auch die Genetik seiner Bevölkerung kontrollieren.
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Protest in Solidarität mit den Uiguren - China möchte auch die Genetik seiner Bevölkerung kontrollieren.

Datensammlung

Chinas Gene

  • vonFabian Kretschmer
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Alle Männer in der Volksrepublik sollen in einer DNA-Datenbank gesammelt werden

Es klingt wie ein Orwell’sches Jahrhundertprojekt: Die chinesischen Polizeibehörden arbeiten an einer genetischen Datenbank von weltweit einmaliger Dimension. Die DNA aller 700 Millionen Männer im Land soll gesammelt werden. Dies will der australische Thinktank „Strategic Policy Institute“ – bekannt für seine China-kritischen Publikationen – herausgefunden haben. „Das Programm der massenhaften DNA-Sammlung verstößt gegen die chinesische Gesetzgebung und Menschenrechtsnormen. Gemeinsam mit anderen Überwachungswerkzeugen erhöht es weiter die Macht des Staats, Unterdrückung auszuüben“, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Papier.

Seit etwa drei Jahrzehnten wird die genetische Spurensuche weltweit zur Aufklärung von Verbrechen genutzt. 2003 jedoch begann das Ministerium für öffentliche Sicherheit der Volksrepublik, eine eigene Datenbank aufzubauen. Zehn Jahre später ist diese expandiert zur weltweit größten ihrer Art – und konzentriert sich auf ganze Zielgruppen, die als Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität betrachtet werden: etwa die muslimische Minderheit der Uiguren, von denen einige für einige der blutigsten Terroranschläge der letzten Jahre in China verantwortlich waren. Oder aber auch Arbeitsmigranten in den großen Städten der Ostküste, die statistisch überproportional viele Verbrechen begehen. Schon damals also wurden Personen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit unter generellen Tatverdacht gestellt.

Seit spätestens 2017 scheint die Datenbank auf die gesamte männliche Bevölkerung ausgeweitet. Dabei berufen sich die Australier auf rund 700 öffentlich einsehbare Dokumente – etwa Online-Posts von Lokalregierungen. Die „New York Times“ kommt zu dem Schluss: „Das Projekt ist eine deutliche Eskalation von Chinas Bemühen, mit Hilfe der Genetik seine Bevölkerung zu kontrollieren.“ Tatsächlich bekommt das Projekt in einem autoritären Staat, der mit Hilfe künstlicher Intelligenz und massenhafter Datensammlungen die komplette digitale Überwachung einrichtet, einen beängstigenden Geschmack.

Die Polizei begründet die Datenbank mit der Verfolgung von Verbrechern, und dass die Erhebung nur mit freiwilligem Einverständnis erfolge. Tatsächlich braucht es nur eine Blutprobe, um etwa einen Verwandten des Probanden aus der Datenbank zu identifizieren. So war es bereits bei einem der schrecklichsten Kriminalverbrechen der letzten Jahre: In der Inneren Mongolei, eine autonome Region im Norden des Landes, wurde über fast 30 Jahre lang vergeblich nach einen Serienmörder gefahndet, der elf Frauen und kleine Mädchen brutal getötet hatte. Erst 2016 wurde die Polizei seiner habhaft – quasi zufällig: Als ein Mann wegen Schmiergeldzahlungen verhaftetet wurde, stellte sich via DNA-Vergleich heraus, dass es sich um einen Verwandten des potenziellen Mörders handelt, der 2005 DNA-Spuren an einem Tatort hinterließ. Der später Festgenommene wurde schließlich hingerichtet. Damals riefen Staatsmedien erstmals dazu auf, eine Gen-Datenbank für das ganze Land aufzubauen, beschränkt auf den männliche Bevölkerungsteil, weil der das absolute Gros an Gewaltverbrechen begeht. Fünf bis zehn Prozent aller Chinesen wollen die Behörden genetisch verorten – dies würde ausreichen, weil so auch deren Verwandte identifizierbar würden; der Mongolenfall lieferte den Beweis.

Das Vorgehen der Chinesen wirft aber mehrere brisante Fragen auf: Können mit der Datenbank – wie Menschenrechtsgruppen befürchten – künftig ganze Familien von Dissidenten in Sippenhaft genommen werden? Oder DNA-Proben unliebsamer Aktivisten gezielt an Tatorten gestreut werden? Gerade in einem Staat, der Kritiker oftmals in geheimen Scheinprozessen verurteilt, könnte eine DNA-Datenbank drastische Folgen haben.

Auch innerhalb der Kommunistischen Partei gibt es Opposition. Während einer Tagung des Parlaments im März forderten zwei Delegierte, die DNA-Datenbank gesetzlich zu regulieren und die Rechte der Probanden zu schützen.

Die australische Studie legt nahe, dass die Blutproben zumindest teilweise klammheimlich und ohne jedes Einverständnis genommen werden. Einige Provinzverwaltungen haben online schon geprahlt, Blutproben von Schulkindern zu erheben – möglicherweise ohne sich im Klaren darüber zu sein, wofür die Daten letztlich genutzt werden. Bereits 2017 hatte Human Rights Watch berichtet, dass Uiguren nur dann einen neuen Reisepass ausgehändigt bekommen, wenn sie zuvor eine Blutprobe abgeben.

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