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Die Exil-Tibeter blicken Richtung Ukraine – und hoffen auf eine neue China-Politik des Westens

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Von: Sven Hauberg

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Penpa Tsering ist seit dem vergangenen Jahr der Chef der tibetischen Exilgemeinde.
Penpa Tsering ist seit dem vergangenen Jahr der Chef der tibetischen Exilgemeinde. © Tenzin Phende/CTA (Montage)

Penpa Tsering ist der politische Anführer der Exil-Tibeter. „Europa versteht, dass China auf lange Sicht die größere Gefahr für die Welt ist als Russland“, sagt er im Interview.

München/Dharamsala – Es ist die wohl verzweifeltste Form des Protests, die ein Mensch wählen kann: Immer wieder zünden sich Tibeter und Tibeterinnen selbst an, um gegen die Besetzung ihres Landes durch China zu demonstrieren. „Das begann 2009“, sagt Penpa Tsering. „Bis heute haben sich etwa 157 Tibeter angezündet, und viele von ihnen sind gestorben.“ Tsering ist das politische Oberhaupt der Exiltibeter, vom nordindischen Dharamsala aus lenkt er die Geschicke der kleinen Gemeinschaft. Es seien vor allem jüngere Menschen, die sich selbst in Flammen setzten, sagt der Politiker im Gespräch mit FR.de von IPPEN.MEDIA. „Sie fühlen, dass ihre Identität zerstört wird und dass sie keine Freiheiten haben.“ Die Hoffnung, auf das Schicksal Tibets aufmerksam zu machen, treibe die Menschen zu derartigen Verzweiflungstaten. „Aber leider passiert nichts“, klagt Tsering.

Tibet wurde 1950 von der chinesischen Volksbefreiungsarmee besetzt. Zuvor war das „Dach der Welt“ seit dem Ende der letzten chinesischen Kaiserdynastie 1912 faktisch ein unabhängiges Land, mit dem Dalai Lama als Oberhaupt. Hunderttausende Menschen starben seit dem Einmarsch der Chinesen, unzählige Klöster und andere heilige Stätten wurden zerstört, vor allem während der Kulturrevolution (1966-1976). Heute lebt der 14. Dalai Lama im indischen Exil. Seine weltliche Macht gab der Religionsführer vor zehn Jahren an den sogenannten Sikyong ab, das politische Oberhaupt der Exilgemeinde. Penpa Tsering hat dieses Amt seit seiner Wahl im vergangenen Jahr inne.

Chef der Exil-Tibeter: „In zehn oder 15 Jahren wird es Menschen in Tibet geben, die ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen“

Die Situation in Tibet schildert Tsering in düsteren Farben. Vor allem seit Xi Jinping vor zehn Jahren chinesischer Staats- und Parteichef wurde, habe sich die Lage verschlimmert. „Er versucht, die Identität der Tibeter zu zerstören, indem er die tibetische Sprache unterdrückt“, sagt Tsering. „In zehn oder 15 Jahren wird es Menschen in Tibet geben, die ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen.“ Schülerinnen und Schüler würden zunehmend in Internaten unterrichtet und „dort indoktriniert“, glaubt er. Das bestätigen auch Menschenrechtsorganisationen wie die Tibet Initiative Deutschland, die von bis zu 900.000 tibetischen Schülerinnen und Schülern ab sechs Jahren spricht, die in „Zwangsinternaten“ unterrichtet würden. Der Unterricht dort finde vor allem auf Chinesisch statt, Tibetisch sei hingegen nur ein Wahlfach. In einem unlängst veröffentlichten UN-Bericht ist zudem von Zwangsarbeit die Rede: Wie auch in Xinjiang komme es in Tibet zu „Formen der Sklaverei“, heißt es in dem Text.

Die chinesische Regierung weist derartige Berichte routiniert zurück und verweist darauf, dass sich die Situation der Tibeterinnen und Tibeter in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verbessert habe. Die Lebenserwartung sei gestiegen und die Gesundheitsversorgung besser als früher. Das mag stimmen. Menschenrechtler und Exiltibeter betonen allerdings immer wieder, dass die Tibeter all das auch erreicht hätten, wären sie nicht ein Teil von China. Zudem ist Tibet heute noch immer die ärmste der chinesischen Provinzen.

„Wir sterben einen langsamen Tod“, sagte Penpa Tsering. Es ist ein lautloses Sterben, das nur selten Schlagzeilen macht. Tsering glaubt aber, dass sich das bald ändern könnte, dass sich der Blick des Westens auf China bereits wandle. Der Ukraine-Krieg zeige der „freien Welt“, was passiere, wenn man sich von autoritären Staaten abhängig mache, sagt er. „Wir sehen eine Veränderung im europäischen Verhalten gegenüber China. Sie verstehen, dass China auf lange Sicht die größere Gefahr für die Welt ist als Russland.“

Tibet und Ukraine: „Menschen werden getötet, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden“

Der Einmarsch der Russen in der Ukraine erinnere ihn an die Invasion Tibets vor mehr als 70 Jahren. Auch damals wurde ein kleines Land von seinem übermächtig wirkenden Nachbarn angegriffen. „Es ist dieselbe Hilflosigkeit wie damals: Menschen werden getötet, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt er. Anders als damals schaue die Welt heute aber genau hin, was in der Ukraine passiere. Und anders als damals scheint der Kampf der Ukrainer gegen die Russen nicht aussichtslos.

Die Tibeter, glaubt Tsering, hätten hingegen nie eine Chance gehabt, wenn sie sich mit Waffen zur Wehr gesetzt hätten. „Sechs Millionen Tibeter müssten gegen 1,4 Milliarden Chinesen kämpfen – das ist unmöglich“, sagt er. „Gewalt führt zu immer mehr Gewalt.“ Seine Exilregierung setzt daher auf Verhandlungen mit China. Eine Unabhängigkeit von Peking sei schon lange nicht mehr das Ziel, vielmehr wolle man eine echte Autonomie. Doch offizielle Gespräche mit der chinesischen Führung gibt es bereits seit 2010 nicht mehr, wie auch Tsering bestätigt. „Aber natürlich gibt es Kontakte.“ Zu Details schweigt er sich allerdings aus.

Auch zur deutschen Regierung bestehen keine offiziellen Verbindungen. Als Tsering im April auf Berlin-Besuch war, konnte er mit deutschen Re­gierungsvertretern und Abgeordneten lediglich inoffizielle Gespräche führen. In Washington hingegen traf Tsering wenig später unter anderem Nancy Pelosi, die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, die China unlängst auch mit ihrem Taiwan-Besuch provoziert hatte.

Chef der Exil-Tibeter wünscht sich Treffen von Scholz mit dem Dalai Lama

Hierzulande aber ergeht es Tsering – dessen Exilregierung international nicht anerkannt wird – ein bisschen so wie dem taiwanischen Repräsentanten in der Bundesrepublik: Aus Angst vor Chinas Racheakten posiert man nicht mal für ein gemeinsames Foto. Zu groß ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von Peking. Tsering wünscht sich dennoch ein Treffen von Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem Dalai Lama. Das geistige Oberhaupt der Tibeter verlässt sein indisches Exil zwar kaum noch. Sollte Scholz aber einmal nach Indien reisen: „Warum sollten sie sich nicht treffen?“, fragt Tsering. Eine Sprecherin der Bundesregierung will sich auf Anfrage nicht dazu äußern, was der Kanzler über ein mögliches Treffen mit dem Religionsführer denkt. Scholz‘ Vorgängerin Angela Merkel hatte den Dalai Lama 2007 in Berlin empfangen, trotz lautstarker Kritik aus Peking.

Der Dalai Lama werde nicht nur im Ausland verehrt, sondern auch innerhalb Tibets, ist sich Tsering sicher. „Für jeden Tibeter, egal ob innerhalb von Tibet oder außerhalb, ist er eine Quelle der Inspiration. Er verkörpert den Geist der Tibeter und die tibetische Sache. Er ist unser Anführer, er gibt uns Hoffnung“, sagt er.

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Chinas Kommunisten wollen über die Nachfolge des Dalai Lama bestimmen

Im Juli wurde Tenzin Gyatso, so der weltliche Name des 14. Dalai Lama, 87 Jahre alt. Früher, im alten Tibet, wurde nach dem Tod eines buddhistischen Würdenträgers ein Suchtrupp ausgesandt, um dessen Reinkarnation zu finden – nach dem tibetischen Buddhismus wird der Dalai Lama auf Erden wiedergeboren. Das dürfte, sollte der aktuelle Dalai Lama sterben, schwierig werden. Pekings Kommunisten haben bereits angekündigt, sich in den Auswahlprozess einmischen zu wollen. Ein China-treuer Dalai Lama dürfte für die allermeisten Tibeterinnen und Tibeter in und außerhalb Chinas allerdings kaum infrage kommen.

„Menschen in der freien Welt werden einen Dalai Lama, der von der chinesischen Regierung ausgewählt wurde, nicht akzeptieren“, glaubt auch Penpa Tsering. Das könne man am Beispiel des Panchen Lama sehen, der „Nummer zwei“ in der religiösen Hierarchie Tibets: Seit der zehnte Panchen Lama 1989 starb, gibt es zwei Nachfolger – einen, den der Dalai Lama anerkannte und der seit Jahrzehnten verschwunden ist. Und es gibt den von Peking anerkannten Panchen Lama, der, so behauptet Tibets Exil-Chef, selbst von den Tibeterinnen und Tibetern innerhalb China nicht akzeptiert werde.

Die USA jedenfalls haben für den Fall, dass sich die chinesische Führung in den Auswahlprozess eines nächsten Dalai Lama einmischt, bereits unter Donald Trump Sanktionen gegen die Verantwortlichen angekündigt. Der Dalai Lama wiederum hat in der Vergangenheit mehrfach erklärt, seine Wiedergeburt werde nicht in China zur Welt kommen. „Aber das ist momentan gar nicht relevant“, sagt Penpa Tsering. „Seine Heiligkeit wird uns noch zehn oder 15 Jahre erhalten bleiben.“ (sh)

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