1. Startseite
  2. Politik

Gegen China und Nordkorea: Tokio und Seoul gehen wieder aufeinander zu

Erstellt:

Von: Sven Hauberg

Kommentare

Mitte März besuchte Yoon Suk-yeol (rechts) seinen japanischen Amtskollegen Fumio Kishida in Tokio.
Mitte März besuchte Yoon Suk-yeol (rechts) seinen japanischen Amtskollegen Fumio Kishida in Tokio. © Franck Robichon/Imago

Neue Allianzen in Asien: Japan und Südkorea wollen verstärkt zusammenarbeiten, die Nato wird wohl ein Büro in Tokio eröffnen. Dennoch knirscht es zwischen Seoul und Tokio bisweilen auch gewaltig.

München/Seoul – Selbst eine gut bezahlte Werbeagentur hätte sich kaum schönere Bilder ausdenken können. Am Mittwoch vergangener Woche lud US-Präsident Joe Biden seinen südkoreanischen Kollegen Yoon Suk-yeol zu einem pompösen Staatsbankett ins Weiße Haus. Der Abend war ein Schaulaufen amerikanischer Polit- und Hollywood-Prominenz, bei dem schließlich ein bestens gelaunter Yoon höchstselbst zur Gitarre griff und den Folksong „American Pie“ anstimmte. Zuvor hatten beide Staatsoberhäupter ein Abkommen geschlossen, das Seouls Botschafter in Washington später ein „neues Kapitel“ in den Beziehungen der beiden Staaten nennen sollte.

Wenn an diesem Sonntag Japans Premierminister Fumio Kishida nach Seoul reist, dürfte er also auf einen zu Recht selbstbewussten Gastgeber treffen. Wobei: Da waren noch diese anderen Bilder, aufgenommen am Dienstag auf einem unwirtlichen Felsen mitten in jenem Meer, das man in Tokio „Japanisches Meer“ und in Seoul „Ostmeer“ nennt.

Jeon Yong-gi von Südkoreas oppositioneller Demokratischer Partei war zusammen mit seinen Mitarbeitern auf den Liancourt-Felsen gereist, ein winziges Felsenarchipel, das seit Jahrzehnten zwischen Japan und Südkorea umstritten ist. „Willkommen auf Dokdo in Korea“, steht auf einem Transparent, das Jeon und seine Mitstreiter in die Kamera halten. Dokdo ist Südkoreas Name für den Felsen, in Japan spricht man von den Takeshima-Inseln. De facto werden die Inseln von Seoul aus verwaltet, zum Unmut der Regierung in Tokio. Deren Außenministerium legte denn auch gleich Protest gegen den Besuch ein und erklärte, die Inselchen seien ein „unveräußerlicher Bestandteil“ des japanischen Hoheitsgebiets.

Japans Kolonialherrschaft sorgt noch immer für Unmut in Südkorea

Für Südkoreas Präsidenten kommt die Insel-Posse zur Unzeit, denn eigentlich steht es um die Beziehungen zum Nachbarstaat Japan so gut wie seit Langem nicht mehr. So unternahm Seoul erst Anfang März einen Vorstoß, um eines der größten Hindernisse im Umgang mit Tokio aus dem Weg zu räumen: Südkoreanerinnen und Südkoreaner, die während der Zeit der japanischen Besatzung Opfer von Zwangsarbeit oder als Sexsklavinnen missbraucht wurden, müssen demnach nicht länger von Japan entschädigt werden, sondern von Südkorea selbst. Dazu soll Geld aus privaten Spenden in einen Fonds fließen, was Tokio und auch Washington ausdrücklich begrüßten – viele Menschen in Südkorea jedoch empört ablehnen. Die japanische Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 lässt sich in ihren Augen so billig nicht wiedergutmachen.

Noch 2018 hatte Südkoreas oberstes Gericht Japan zu Entschädigungszahlungen verurteilt – eine Entscheidung, die Tokio ignorierte und einen Handelskonflikt zwischen beiden Staaten nach sich zog. Seit 2018 hat deshalb auch kein japanischer Premierminister mehr Südkorea besucht.

Dass Japan und Südkorea wieder aufeinander zugehen – Yoon war erst im März in Japan –, hat viel damit zu tun, dass man sich als Staat seine Nachbarn eben nicht aussuchen kann. Da ist zum einen China, das in der Region immer selbstbewusster auftritt. Staats- und Parteichef Xi Jinping macht keinen Hehl daraus, dass er das demokratische Taiwan mit dem Festland „wiedervereinigen“ will, notfalls auch mit Gewalt.

In Südkorea macht man sich Sorgen wegen Kim Jong-uns Raketendrohungen

Sollte der Konflikt militärisch eskalieren, wären wohl auch Japan und Südkorea direkt betroffen: In beiden Ländern sind Zehntausende US-Soldaten stationiert, die Washington möglicherweise, etwa von Okinawa aus, in den Krieg schicken würde. Für Tokio sind Pekings Drohgebärden jedenfalls „die größte strategische Herausforderung“ aller Zeiten, wie man in der neuen japanischen Sicherheitsstrategie nachlesen kann. Und auch mit Peking gibt es Streitigkeiten wegen einiger Eilande – den Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln, die zwischen Japan und Taiwan liegen.

In Seoul blickt man ebenfalls besorgt in Richtung Taiwan – noch sorgenvoller aber nach Norden, ins abgeschottete Reich von Kim Jong-un. Nordkoreas Diktator könnte jederzeit einen weiteren Atomtest anordnen, seit Monaten lässt er eine Rakete nach der anderen zu Testzwecken ins Meer abfeuern. „Nordkoreas Provokationen werden weitergehen“, urteilte die ehemalige CIA-Analystin Sue Mi Terry unlängst bei einer Veranstaltung der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. Sie erwartet weitere Tests und eine zunehmende Modernisierung des nordkoreanischen Waffenarsenals. China, das wohl als einziges Land weltweit einen gewissen Einfluss auf Kim ausüben könnte, lässt den Diktator gewähren. „China war wenig hilfreich in der Nordkorea-Frage“, so Terry.

Die Regierung Washington nimmt die Sorgen der Südkoreaner hingegen ernst. Anlässlich von Yoons Staatsbesuch vergangene Woche unterzeichneten beide Seiten eine Erklärung, die Seouls Abschreckungsfähigkeiten stärken soll – unter anderem wird demnächst ein US-Atom-U-Boot in Südkorea Station machen. In Tokio weckt das Begehrlichkeiten, schließlich landen immer wieder nordkoreanische Raketen in gefährlicher Nähe zu den japanischen Inseln.

Japan will enger mit der Nato zusammenarbeiten

Die Versuche der Japaner und der Südkoreaner, das Kim-Regime und die Regierung in Peking auf Abstand zu halten, wollen beide Staaten in einen größeren Kontext einbetten. Im Mai wird Yoon Suk-yeol als Gast beim G7-Treffen im japanischen Hiroshima erwartet. Deren Außenminister hatten Nordkorea im April mit einer „schnellen, geeinten und robusten internationalen Reaktion“ gedroht, sollte das Kim-Regime weitere Raketen testen. Insgeheim erhofft man sich in Seoul, irgendwann das achte Mitglied der Staatengruppe werden zu können. Zunächst aber will man enger mit der Quad-Gruppe zusammenarbeiten, einem Sicherheitsdialog der Regierungen Japans, Indiens, Australiens und der USA. Japan wiederum will einem Medienbericht zufolge enger mit der Nato kooperieren, die zu diesem Zweck ein Verbindungsbüro in dem Land eröffnen wird.

Pjöngjang und Peking sehen diese neuen Allianzen natürlich gar nicht gerne. In Nordkorea organisierte das Kim-Regime unlängst Proteste, bei denen Bilder des „senilen Kriegs-Monsters“ Joe Biden und „seines Marionettenverräters der Sonderklasse“ Yoon Suk-yeol verbrannt wurden, wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA polterte. In Peking gab man sich in der Wortwahl diplomatischer, aber nicht weniger bestimmt. „Die USA haben durch die Ausnutzung der Probleme auf der koreanischen Halbinsel Spannungen verursacht“, erklärte eine Sprecherin des Außenministeriums. „Das Verhalten der USA ist das Ergebnis ihrer Mentalität des Kalten Krieges.“ Gänzlich unerwähnt ließ die Sprecherin indes, dass es Nordkorea ist, das seit Monaten mit Raketen auf seine Nachbarn zielt.

Auch interessant

Kommentare